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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-01-16 · Heft 1 (16.1.1890) · p. Seite 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 1 (16.1.1890)
Date
1890-01-16
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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15 durchaus monarchisch und Patriotisch gesinnt. Das letztere bekundete sich z. B., als die Franzosen 1840 die Neigung zeigten, das linke Rheinufer sich anzueignen. Der nationale Enthusiasmus schwoll in allen deutschen Gauen zur vollen Höhe an. Die damaligen Regierungen aber sahen jene liberalen Ideen als staatsgefährlich an, suchten sie durch alle zu Gebote stehenden Mittel zu unterdrücken und verfolgten alle diejenigen aufs Nachhaltigste, welche dieselben auszusprechen wagten. Dieses Loos traf besonders die vermeintlichen Mitglieder des sog. „jungen Deutschlands", welche ihre Kühnheit schwer zu büßen hatten. Wurden doch nicht blos die Schriften verboten, die sie veröffentlicht hatten, sondern schon im Voraus alle, die sie veröffentlichen würden — was allerdings nicht wenig zu deren größerer Verbreitung beitrug. Daß Treilschke die Verfolgung fortsetzt, nachdem jene alle schon unter dem Rasen schlummern, ist bezeichnend für ihn und seine Genossen. Statt einer ruhigen Würdigung der damaligen Verhältnisse, des Charakters jener Schriftsteller, ihrer Vorzüge uud Verwirrungen, ihrer Wirksamkeit, die zeitweise bedeutend, für die Zukunft vorbereitend war, wird der Stab über sie gebrochen, werden sie von Treitschke mit Schmähungen und Beschimpfungen überhäuft. Dies haben sie ihrer liberalen Gesinnung zu verdanken. Nun kommt dazu, daß einige Juden für die Anreger und Führer des jungen Deutschlands angesehen werden, wie Heine und Börne, wie Eduard Gans und die Rahel. Dies erweckt den Zorn des Berliner Historiographen in unbeschränktem Maße, und er ergießt die Gluth seines Ingrimmes über diese und alle Juden. Doch dies zu besprechen müssen wir einem zweiten Artikel überweisen. (Schluß folgt.) vermischtes. Der Hellenismus im Mittelalter. In dem ersten Leitartikel von Nr. 1 bemerkten wir, daß , es im Mittelalter eine Reihe von Jahrhunderten gab, in j welchem die Kenntniß des Hellenismus und seiner klassischen Werke aus dem Bewußtsein der abendländischen Völker völlig geschwunden war und erst etwa im 13. Jahrhundert als die befruchtende Quelle der Civilisation sich wieder öffnete.! Selbst in Griechenland mit alleiniger Ausnahme von Byzanz,! wenn man dies im weiteren Sinne zu Griechenland rechnen | will, hatte das gesammte Volk die Erinnerung an seine glorreichen Ahnen verloren, und die Bewohner von Athen hatten trotz des beständigen Anblicks der leuchtenden Gebäude auch der Akropolis nicht die geringste Ahnung mehr von der unermeßlichen Bedeutung ihrer Vergangenheit für die gesammte Menschheit. In jener Zeit war es also der Hebräismus allein, waren es dessen geistige Erzeugnisse und was aus ihm hervorgegangen der alleinige Hebel sich entwickelnder Civilisation. Unsere Ansicht, wenn sie der Bestätigung bedürfte, findet sich auch, was den Hellenismus betrifft, wiederholt in dem neuesteu Werke des für das Hellenenthum begeisterten Ferdinand Gregorovius ausgesprochen. In seiner „Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter" (Stuttgart, Cotta, 1889) B. I, S. 284 bemerkt er: „Pindar und Homer wurden kaum erst zur Zeit des Salutato (st. 1406) und Boccaccio (st. 1375) im Abendlande bekannt. Selbst Dante wußte hundert Jahre nach dem lateinischen Kreuzzuge von Homer nur durch Hörensagen, und er stellte ihn naiv genug mit Horaz, Ovid und Lucan zusammen. Statt der Ilias las man in Frankreich und Italien die Fabelbücher des Dictys von Kreta und des Dares von Phrygien vom trojanischen Kriege." Bd. II, S. 146: „Kurz für Boccaccio und alle seine Zeitgenossen in Italien blieb Athen ein Ort, von dem ihnen keine Anschauung übermittelt worden war. Dieselbe Gleichgültigkeit der Franken gegen das klassische odermonumentale Alterthum Griechenlands zeigen die Verfasser der griechischen und französischen Chronik Morea's, welche Zeitgenossen Boccaccio's waren. Auch sie haben auf die Vergangenheit des Peloponnes und die Denkmäler seiner berühmten Städte keine Rücksicht genommen. Die antiken Orte waren mit ihren Namen meist verschwunden, oder doch verwandelt, und dem barbarischen Geschlecht der eingeborenen Nachkommen wie den unwissenden Franken erschienen die sparsamen lleberreste altgriechischer Tempel und Mauern als Werke verschollener Heiden und Giganten." — Gregorovius führt hierfür die bez. Quellen an. Jndeß reifte allmählig die abendländische Cultur zu der Befähigung heran, den Hellenismus aufzunehmen und auf sich wirken zu lassen. Das Morgenroth der Frührenaissance ging aus.

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