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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-01-16 · Heft 1 (16.1.1890) · p. Seite 12

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 1 (16.1.1890)
Date
1890-01-16
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 höre. Dann aber wollte dieser Streittheil nicht jene Konfession anerkennen, zu der er factisch gehört. Der Postamtsdiener Alexander E. und dessen Gattin, geborene Antonie S., wollten ihre nach jüdischem Ritus geschlossene Ehe gerichtlich lösen, weshalb sie die Scheidung auf Grund unüberwindlicher Abneigung verlangten. Im Laufe des Verfahrens stellte sich in Folge der Fragen des Richters heraus, daß der Gatte, der sich für einen Israeliten ausgab. der fortwährend jüdische Bethäuser besuchte und im Jahre 1871 in Kenese von dem Rabbiner sich trauen ließ, dennoch kein Jude, sondern römischkatholischer Konfession sei. Er wurde nämlich als umherirrender Waisenknabe von Christen in Pflege genommen, getauft und erzogen. Bis zum Tode seiner Pflegeeltern lebte E. in dieser Religion, dann aber begann er plötzlich in den Judentempel zu gehen und sich im Amte und überall, wo er verkehrte, für einen Juden auszugeben. Als ihn der Richter darauf aufmerksam machte, daß er — E. nämlich — katholischer Confession sei, erklärte er, er wolle von einer anderen Religion als der jüdischen nichts wissen, da er in dieser Religion geboren sei. Aus den beschafften amtlichen Daten ging jedoch hervor, daß E. als Christ getauft wurde, deshalb denn auch das Gericht die Ehegatten nicht schied, sondern die Ehe einfach für ungiltig erklärte, da nach unseren heimischen Gesetzen zwischen Juden und Christen keine Ehe geschlossen werden kann. Der klägerische Gatte wollte sich zwar selbst seiner Ehehälfte entledigen, doch gab er sich trotzdem mit dem Urtheile nicht zufrieden, sondern appellirte dagegen, da er gegen seinen Willen für einen Christen declarirt worden sei. Ein Uebertritt von der christlichen Confession zur jüdischen ist bekanntlich nach unseren Gesetzen unzulässig. Frankreich. Paris, 23. Dec. Das Decret des Präsidenten der Republik, welches die Wahl des Herrn Zadoc Kahn zum Großrabbiner von Frankreich bestätigt, wird in diesen Tagen erscheinen; die feierliche Einführung in sein Amt wird gegen Peßach stattfinden. — Bekanntlich war bis vor Kurzem die Ehescheidung in Frankreich verboten. Jetzt durch Gesetz gestattet, wurde in diesen Tagen ein ritueller Scheideact zum ersten Male wieder in Paris vollzogen. Er geschah unter dem Vorsitz des Großrabbiner Zadoc Kahn mit Zuziehung polnischer Rabbiner, die hierin eine größere Praxis besitzen. Bonn, 23. Dez. (Notizen.) Man schreibt uns aus Ratibor vom 19. Dez.: Am 18., also am ersten Tage Chanukkah, fand hier die Einweihung der neuen Synagoge statt, welche allseitig als ein prächtiges Gebäude, als eine Zierde der Stadt bezeichnet wird. Die Feier wurde in würdigster Weise vom Rabbiner Dr. A. Blumenthal geleitet und vollzogen und seine Predigt machte durch Form und Inhalt einen tiefen Eindruck, so daß der „oberschlesische Anzeiger" sie in ihrem ganzen Umfange abdruckt. Es wurde der jüdischen Gemeinde auch von christlicher Seite viele Theilnahme erwiesen und es nahmen u. A. Prinz Egon von Ratibor, Landrath Pohl, Pastor Pohl, Major v. Papen, Landgerichtspräsident Wehmer, die Regierungsräthe Beyer und Schröder, der Bürgermeister, Beigeordnete und Stadträthe u. s. w. an der Feier Theil. Unsere Stadt rühmt sich der vollsten Eintracht unter den verschiedenen Confessionen, möge dieselbe von steter Dauer sein. — Man schreibt uns aus Montabaur, 20. Dez. Gestern und heute beging die hiesige isr. Gemeinde unter der Theilnahme nicht nur der israelitischen, sondern auch der christlichen Bevölkerung das Fest der Einweihung ihrer neuen Synagoge. Die ganze Stadt war in reichen Fahnenschmuck gehüllt und bezeugte das lebhafte Interesse, das auch der christliche Theil der Einwohnerschaft an dem Freuden- und Ehrentage ihrer jüdischen Mitbürger nahm. Nach einem feierlichen Abschiedsgottesdienste in der alten Synagoge bewegte sich der unabsehbare Festzug nach der neuen Synagoge, vor welcher die Schlüsselübergabe stattfand. Der Landrath des Kreises, Geh. Regierungsrath Dambois, übergab den Schlüssel mit passenden Worten dem Herrn Bezirksrabbiner Dr. Silberstein von Wiesbaden, der ihn unter Dankesworten entgegennahm. Den Mittelpunkt der Einweihungswie auch der Abschiedsfeier bildeten die trefflichen, Herz- und geistvollen Reden des Herrn Dr. Silberstein, die eine tiefe Bewegung in der dichtgedrängten Zuhörerschaft erzeugten. Bei dem Abends im festlich geschmückten Rathhaussaale abgehaltenen Bankett wurde der erste Toast, von Herrn Dr. Silberstein auf den Kaiser ausgebracht, mit großem Beifalle ausgenommen; ihm folgten noch zahlreiche Toaste auf diejenigen, die sich um das Gelingen des schönen Werks Verdienste erworben. Anderen Tags fand der erste Hauptgvttesdienst in der schön erbauten Synagoge statt, bei dem die Predigt des Herrn Rabbiner Dr. Silberstein, die interne Verhältnisse besprach, wieder den Mittelpunkt bildete, und eine tiefe und hoffen wir, auch nachhaltige Wirkung ausübte. — Man schreibt uns aus Pest, den 19. Dezember. Gestern verschied nach langem Leiden im Alter von 70 Jahren, der Director der königl. israelitischen Präparandie, Herr Heinrich Deutsch. Durch Wort und Schrift, als Autor und Lehrer war er eifrig bemüht, die jüdische Schule zu magyarisiren, d. h. für die ungarische Sprache zu gewinnen, die er selbst erst im Mannesalter sich angeeignet hatte. Deutsch aus der Schiur- Stube hervorgegangen, bildete sich ohne jede Anleitung zum Lehrer aus. 1815 wurde er erst Lehrer, dann Director der

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