Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 1 (16.1.1890)
- Date
- 1890-01-16
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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11 der, wie das „Leipziger Tageblatt" anführt, in seinem burschikosen Zuschnitt schon mehr an einen Studenten-Ulk erinnerte, und ließen in ihrem ganzen Auftreten nur zu sehr den sittlichen Ernst vermissen, von dem Diejenigen erfüllt sein müßte», welche für sich das Recht, die Begründer einer neuen Partei zu sein, in Anspruch nehnien wollen. Zum Schluffe wurde einer der Anwesenden, der den Versuch wagte, dem Veranstalter der Versammlung ins Wort zu fallen, an die Luft befördert, und Herr v. Sonnenberg sprach die Zuversicht aus, daß die Stadt Leipzig sich als Mittel- und Stützpunkt der antisemitischen Bewegung in Deutschland erweisen werde. Das „Tageblatt" bemerkt, hierzu: „man werde ja scheu, ob diese Behauptung etwas anderes sei als eine demagogische Phrase", und constatirt unter Anderem auch die Thatsache, daß mindestens zwei Drittel der Erschienenen aus Universitätsstudenten bestand, deren jugendliches Alter das Gefallen an der Kalauermanier, mit der in der Regel alle Gesinnungsgenossen der Herren v. Sonnenberg, Fritsch u> s. w. aufzutreten und zu sprechen pflegen, erklärlich erscheinen lasse, von denen aber ein großer Theil durchaus keine erklärte» Antisemiten wären, und viele andere sicherlich noch später, wenn ihr Urtheil ein gereifteres sein werde, ihre jetzige Meinung corrigiren würden. Oesterreich-Ungaru. Wien, 21. Dec. Heute fand die Verhandlung gegen Di-. Fischer und den antisemitischen Journalisten Wolf wegen Verbrechens des Zweikampfes statt, vr. Fischer hatte Wolf gefordert, weil ihn dieser in unfläthigster Weise angegriffen, als er in Ausführung seines Berufes als Bertheidiger im Gerichtssaale bei einem Plaidoyer gegen antisemitische Hetzereien gesprochen. Fischer wurde zu sechswöchigem einfachen Kerker, verschärft mit zwei Tagen Einzelhaft, Wolf zu vier Wochen Kerker verurtheilt. Wien, 24. December. Vor Jahresfrist wurde hier ein täglich und zwar des Morgens und des Abends erscheinendes antisemitisches Blatt begründet und man besorgte, daß dasselbe weitere Verheerungen und Zerstörungen anrichten werde. Wie es sich jedoch zeigt, hat dasselbe der guten Sache genützt. Dieses Blatt, das schlecht geschrieben und redigirt ist und wenig Abonnenten zählt, steht nämlich auf deutschnationalem Boden. Schönerer ist für dasselbe mehr Autorität als der Kaiser von Oesterreich. Derselbe wollte leben und da die freisinnigen Leute nicht abonnirten, so suchte er dem feudal clericalen „Baterlande" die Abonnenten abzufischen. Selbstverständlich entstand bald zwischen diesen beiden ehrenhaften (?) Blättern ein Krakehl und schließlich kam es dahin, daß die beiden Gruppen der Antisemiten sich befehdeten und zwar bis aufs Messer, wie solches jüngst der Fall war. Aus der Polemik, welche diese beiden Blätter mit einander führen, erfährt man auch, welche Ehrenmänner (daß sich Gott erbarme) auf der einen und auf der anderen Seite sowohl bei den deutsch-nationalen wie bei den clericalen Antisemiten vorhanden sind. — Als seiner Zeit der damalige Statthalter von Mähren, Graf Schönborn, Justizminister wurde, bemerkte ich, mail brauche nicht die politischen Ansichten des neuen Ministers zu theilen, aber so viel sei gewiß, daß er sich als Statthalter von Mähren die Sympathien der Juden daselbst erworben habe. In der That zeigt es sich, daß Graf Schönborn als Justizminister das Princip der Gleichberechtigung zur Geltung bringt. Die K. Wiener Zeitung veröffentlichte ehegestern, daß der Justizminister einige Israeliten zu Gerichtsadjuncten und Herrn vr. Jacob Kohn zum Rathssecretär ernannt hat. So weit hat es bisher, seitdem die Staatsgrundgesetze bestehen, noch kein Jude auf diesem Gebiete gebracht. Es mag bei dieser Gelegenheit auch gemeldet werden, daß Herr Berger, ebenfalls Israelit, zum Obersteuerinspector bei der > Landesfinanzdirection in Wien ernannt wurde.! Vorige Woche starb hier nach längerer Krankheit j der Erzbischof von Wien, Cardinal Gangelbauer. Der Heim-! gang dieses Mannes wird auch von den Juden lebhaft j dauert. Sein erster Hirtenbrief begann mit den Worten: | „Der Friede sei mit Euch" und er erläuterte diesen Satz! dahin, daß der Friede zwischen den Confessionen gewahrt bleibe. Als dann die antisemitische Bewegung begann, erließ er eine Surrende an die Geistlichkeit seiner Diöcese, sich von dieser Bewegung fern zu halten. In Folge des Alters und der Krankheit, von der er heimgesucht wurde, konnte er nicht mehr energisch Vorgehen und mußte manches wider Willen geschehen lassen. Nachdem er verschieden war, fungirte Herr vr. Kohn als Beschauarzt, worüber die clericalen und antisemitischen Blätter Glossen machten. — Die Kais. Wiener Zeitung veröffentlich heute das November-Avancement beim Heere, aus welchem zu entnehmen ist, daß einige Hundert Juden zu Officieren in der Reserve ernannt wurden. Pest, 19. December. (Privatmitth.) Zum Abgeordneten des Mnograder Comitats wurde gestern Baron Gabriel Andreanßky, ein bekannter Antisemit, gewählt. Diesem Candidaten stand von Seiten der Unabhängigkeitspartei der hiesige Advokat Samuel Visontai, ein Jude, gegenüber. Derselbe verließ noch während der Abstimmung, die ihm keinerlei Aussichten gewährte, den Kampfplatz. Pest, den 23. December. In einem Scheidungsprocesse, welcher jüngst vor dem hiesigen königl. Gerichtshöfe abge> schlossen wurde, kam der nicht alltägliche Fall vor, daß die eine Partei zunächst nicht wußte, welcher Religion sie äuge-