Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 1 (16.1.1890)
- Date
- 1890-01-16
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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9 veranlaßt finden werden. Ebenso natürlich ist es, daß die antisemitischen Blätter ganz besonders dem Herrn Staatsanwalt zujubeln, und hierin thut sich wieder die „Kreuzzeitung" vor allen voraus. Auch ist es nicht zu verkennen, daß dieses Auftreten einer Staatsbehörde den Muth der Antisemiten wieder belebt und sie zu neuen Aeußerungen ihres Hasses aufmuntert. Daß der Gerichtshof selbst die Auseinandersetzung des Staatsanwaltes desavouirte, indem er den Angeklagten frei sprach, also auf die von jenem neu entdeckte Methode der Juden gar keinen Werth legte, übergehen natürlich die Antisemiten mit Stillschweigen. — So hat denn auch ein gewisser „Conrad Alberti (richtig Sittenfeld)" in einer Monatsschrift „die Gesellschaft" eine Expectoration losgelassen, die an Gehässigkeit und Berlüumdungen Alles übertrifft, was die Antisemiten bisher geleistet haben, und aus welcher andere Blätter dieser Sippe z. B. das Stöckerblatt „Volk" Auszüge liefern. Dabei geben sie diesen Conrad Alberti für einen Juden aus und steifen sich nun darauf, der müsse es doch am besten wissen. Die Gehässigkeiten dieses Menschen zu widerlegen, halten wir für völlig überflüssig. Hüten wir uns doch gern, Schmutz anzurühren. Ist der Mann wirklich Jude oder noch Jude, so fällt uns dabei ein, daß wir einmal einen Mann auf seinen eigenen Bruder aufs Bitterste schmähen und ihm die verbrecherischesten Eigenschaften zuschreiben hörten. Wir waren damals veranlaßt, der Sache auf den Grund zu gehen und fanden gerade das Gegentheil. Der schimpfende Bruder besaß gerade die schmählichen Eigenschaften, die er seinem Bruder zuertheilte; er kannte sie eben an sich selbst. Kain wäre ein übler Zeuge gegen Abel gewesen. Doch genug hiervon. Die Geschichte des Judenthums ist an derartigen Vorkommnissen just nicht arm. Berlin, 22. Dec. (Privatmitth.) Es giebt leider auch unter uns Israeliten herzlose Leute, die aus dem Mißgeschick und dem Elend ihrer eigenen Glaubensgenossen Capital zu schlagen und sich zu bereichern suchen. Das alte russische Gesetz, welches unseren Stammesgenossen im Zarenreiche den Aufenthalt innerhalb 50 Werst von der Grenze verbietet, das obwohl bei Lebzeiten Alexander II. wenig beachtet wurde, jetzt aber mit um so größerer Strenge durchgeführt wird, hat viele Tausende unserer russischen Glaubensgenossen heimathlos gemacht und zwingt sie, wenn sie nicht in das Ansiedelungsrayon, wo nichts als Armuth und Elend herrschen, zurückkehren wollen, das Land, das ihnen lieb und theuer geworden, 'für dessen Wohl sie in den Tagen blutiger Kämpfe ihr Blut vergossen haben, auf immer zu verlassen und ein neues Ruheplätzchen, eine neue Heimath ausfindig zu machen. Diesen traurigen Umstand benutzend, treiben gewissenlose Auswanderungs-Agenten, die sich zu unserer Schande Juden nennen, in all' den in Betracht kommenden Städten ihr Unwesen und veranlassen die schon ohnehin Unglücklichen und Bedauernswerthen, ihre letzten Habseligkeiten zu veräußern und ihre Schritte nach dem südamerikanischen Eldorado, nach Argentinien, zu lenken. Diese sauberen Herren, die zu der argentinischen Negierung in keiner Beziehung stehen, sind nichts weiter als besoldete Agenten verschiedener Schiffsgesellschaften, deren Aufgabe es ist, ihre Opfer nur ins Ausland, womöglich bis Berlin zu locken und in Berlin, wo so viele hochherzige und edeldenkende Juden sind — darauf wird nämlich speculirt — würden die Auswanderer, auch wenn sie keine Mittel besitzen sollten, schon weiter befördert werden; eine Speculation, die bekanntlich bis jetzt nicht fehlgeschlagen hat. So kamen im Juni d. I. 825 Personen hier an, von denen ein großer Theil auch nicht die geringsten Mittel zur Weiterreise besaß; allein es nahmen sich ihrer einige edeldenkende Glaubensgenossen an und sie wurden weiter befördert. Im August kamen hier wieder 72 Seelen an, die aus Ismail in Bessarabien stammten und von einem gewissen Feimann, der in den Herren Bilenki und Professor Klemm in Paris Secundanten besitzt, zur Auswanderung veranlaßt wurden. Hier aber ließ der Feimann, nachdem er vielen von ihnen auch das Gepäck abgeschwindelt, seine Opfer in Stich und die armen Leute mußten neun Wochen im städtischen Asyl für Obdachlose, wo sie durch Vermittelung eines Glaubensgenossen, Herrn Louis Brieger, der sich ihrer in väterlicher Weise angenommen, untergebracht wurden, warten, bis sie ihre Reise nach Argentinien fortsetzen konnten. Besonderer Dank gebührt hier den Herren: Banquier H. Gumpel, Schachtel, Dr. Hirsch, Hildesheimer, I. Epstein, Lehrer Levy und dem Jnspector des Asyls, Herrn Bandemar, die es gemeinsam mit Herrn L. Brieger möglich gemacht haben, das Reisegeld für die Leute, welches ein Capital von 8000 Mark ausmachte, außer den Verpflegungskosten, während der neun Wochen ihres hiesigen Aufenthaltes, aufzubringen und sie am 10. v. M. nach Bremerhafen zu schicken, von wo aus sie mit dem neuen Schiffe „Karlsruhe" des Norddeutschen -Lloyd nach Buenos Ayres abdampften. Schreiber dieser Zeilen hat die 72 Emigranten bis! Bremerhafen begleitet und beim Director des N.-D. L. ausgewirkt, daß die Leute während ihrer ganzen Fahrt rituell geschlachtetes Fleisch und neues Geschirr bekamen. Herzzerreißend war der Abschied dieser Leute. Am Ziele ihrer Sehnsucht angelangt, gewahrten sie erst die Schwere des Unglücks, welches ihr Leichtsinn, den verlockenden Verheißungen eines ausgefeimten Spitzbuben gefolgt zu haben, über sie gebracht. Die argentinische Regierung hat zwar versprochen, den Leuten, wenn sie auf eigene Rechnung hinüber kommen, Grund und Boden und alles Zubehör zu geben; allein die über die argentinische Regierung einlaufenden Berichte sind so verschiedenartig, daß man diesen Versprechungen