Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 1 (16.1.1890)
- Date
- 1890-01-16
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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dem hielt, mit seinen hochbetagten Eltern sein Haus, und j verfiel leider bald in eine schwere, schmerzhafte Krankheit, der er j auch in seinem 59. Lebensjahre erlag. Wie er selbst in j seiner Biographie bemerkt, fiel ihm an den Juden nichts > mehr auf, als daß sie keinen einzigen Versuch machten, sich; wieder zu concentriren und ein eigenes Reich im eigenen Lande zu gründen; dies veranlaßte ihn zu seinem 8. Gesang. Das heißt doch nichts Anderes, als die völlige Unkenntniß der durch 18 Jahrhunderte geschaffenen Verhältnisse sowohl innerhalb der Juden selbst, deren Theile sich schon sprachlich völlig fremd waren, als auch und noch mehr für die Juden. Nach dem beliebten Schema spöttelt er deshalb besonders über die Börsianer und die Literaten jüdischer Abstammung und Confession. Hamerling war, wie dies seine Selbstbiographie hinlänglich bekundet, sehr empfänglich für Lob und Anerkennung, aber auch höchst empfindlich gegen jedweden Tadel. Er ergießt daher seinen Spott über Heller, Spitzer und Fritz Mauthner. Diese können sich darüber trösten, denn er verfährt ebenso gegen Lingg, Dahn und Jordan, wie er denn auch in naiver Selbstschätzung seinen Unmuth über die Erfolge Scheffel's, Dahn's und Paul Heyse's nicht verschweigen kann. Doch es versteht sich, daß wir über die Person und die dichterischen Leistungen Hamerlings kein Urtheil fällen, da dies außerhalb des Rahmens dieser Zeitung liegt. Aber wir können uns doch nicht verhehlen, daß auch durch diese Satire Hamerlings in dem sog. gebildeten Publikum die falschen Urtheile und Vorurtheile gegen die Juden und die ungünstige Stimmung immer wieder genährt und verbreitet wird. In der Regel sind die Leser nicht befähigt oder auch nicht geneigt, die Einseitigkeit und Uebertreibung des Autors zu erkennen und das, was er in satirischer Laune vorbringt, von der Wirklichkeit und von der wahren Ueberzeugung des Autors zu unterscheiden. Um so weniger kann man es uns verdenken, wenn wir Dergleichen nicht stillschweigend ertragen. In der von ihm herausgegebeueu Zeitschrift für Geschichte des Judenthums in Deutschland theilt Prof. Ludwig Geiger mehrere philologisch wichtige Briefe von Lazarus Beudavid an den Director des Gymnasiums zum Grauen Kloster I. I. Bellermann mit und beklagt sich bei dieser Gelegenheit, daß es für die Betheiligung der Juden am deutschen Geistesleben so wenig derartiges Quellenmaterial giebt.- „Wo sind," fragt der emsige Forscher, „die schriftlichen Nachlässe unserer bedeutenden Männer und Frauen hingerathen? Nur ein einziger, den Moses Mendelssohns ausgenommen, der eine Familie hinterließ, die gleich wußte und stets aufs Neue bewies, was sie ihrem großen Ahn schuldig war, hat sich, soweit meine Kenntniß reicht, vollständig erhalten, derjenige der Rahel Levin, und auch dieser nur, weil er in die Hände eines Mannes, des jugendlichen Gatten der Rahel, Varnhagen von Ense kam. Ihm, seinem Spürsinn, seiner Aufbewahrungslust, seiner und seiner Nichte Publikationssucht verdanken wir die Bekanntmachung mancher literarischen Denkmäler aus jener Zeit, in welcher jüdische Frauen in der Berliner Gesellschaft eine Rolle spielten. Außer den Briefen Wilhelms von Humboldt an Henr. Herz, die er herausgab, müssen Bruchstücke ihres Nachlasses vorhanden gewesen sein, denn nur aus diesem können die Briefe des jungen Börne an die Genannte (Leipzig 1862) genommen sein. Wo aber ist dieser ihr Nachlaß geblieben? Die dürftigen Mittheilungen I. Fürst's (Berlin 1850) können uns dafür nicht entschädigen. Und wo ist der Nachlaß ihres Gatten Marcus Herz, dessen vielfältige Verbindungen mit Gelehrten und hochstehenden Männern bekannt genug sind? Wo ist Salomon Maimons, wo Daniel Leßmanns Nachlaß? Was ist aus den Papieren L. Bendavids geworden, der zu dieser Frage und Klage Anlaß gab? Möchten diese Zeilen in die Hände Solcher gelangen, die antworten können und wollen! Ein Verbergen solcher Schätze bringt Keinem Gewinn, das Erschließen derselben bringt neues Leben hervor und zeitigt reiche und willkommene Früchte." Deutschland. Berlin, 22. Decbr. Im September war der Redacteur der antisemitischen „Staatsbürgerzeitung", Dr. Bachler, in zweiter Instanz wegen Beleidigung des Abg. Singer zu 400 Mark verurtheilt worden; jetzt ist ihm diese Strafe durch kaiserliche Kabinetsordre in Gnaden erlassen worden. Die „Staatsb.-Ztg." versichert, daß sie um den Straferlaß nicht eingekommen, überhaupt von ihr kein Schritt gethan worden sei, denselben herbeizuführen; das Verdienst gebührt also vermuthlich dem Herrn Justizminister. — Berlin, 22. December. (Privatmitth.) Seit längerer Zeit hat Nichts so viel Aufsehen erregt, als jene Demonstration, die der Staatsanwalt in Breslau vor dem dortigen Landgericht gegen die Juden vollbracht hat. Selbstverständlich ist dieselbe in sich grundlos. Denn die den Juden insinuirte Methode ist eine so langwierige und von so sccundärem Nutzen, daß sich schwerlich vernünftige Leute zu ihr