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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-01-16 · Heft 1 (16.1.1890) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 1 (16.1.1890)
Date
1890-01-16
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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7 künstlicher Weise um die Sache herumzukommen. Dies machte uns auf den Homuneulus aufmerksam und hier fanden wir im 8. Gesang „Im neuen Israel" allerdings für die Antisemiten gewisse Anhaltspunkte. Ueberschauen wir die dichterischen Werke Hamerlings, so kann es nicht entgehen, daß er, der ausgezeichnete Uebersetzer der Gedichte des italienischen Pessimisten Leopardi, sehr häufig sich als ein Prediger des Pessimismus gerirt. Es ist ihm dies auch öfter vorgeworfen worden, und in seiner Lebensbeschreibung wehrt er sich hiergegen mit aller Macht, er erkennt es zwar selbst als seine Eigenthümlichkeit an, die Leiden der Menschen mit tiefem Gefühle aufzufassen und den Drang zu hegen, sie in ihren Höhen und Tiefen zu schildern. Aber er meint, daß er zum Schlüsse stets die Versöhnung anstrebe, indem er auf das Ideale Hinweise, das zu den lichten Höhen erhebt, von welchen das Werk und Ziel der Menschheit betrachtet wird. Dies ist richtig, aber es verhindert nicht, daß die Wirklichkeit als verdeckt und nichtig und das Treiben der Menschen als erbärmlich gezeichnet wird. Das tiefe Mitgefühl verleitet den empfindungsreichen Dichter zur Einseitigkeit und Uebertreibung. Vor Allem ist dies der Fall, wenn er als Satiriker auftritt. Der Satiriker ist schon an und für sich darauf angewiesen, die Schwächen und Fehler der Menschen, ihre Mängel und Lächerlichkeiten, die Oede, die sich hinter dem Scheine verbirgt, hervorzuheben und mit einer gewissen Unerbittlichkeit zu verfolgen. Da kann ihm Schonung, ja selbst Billigkeit in der Beurtheilung nichts helfen; wenn er erreichen will, was er anstrebt, muß er die Dinge ins Extrem malen, die Lichtseiten übergehen und die stärksten Schlagschatten auf die Gegenstände werfen. Der „Homuneulus" ist ein satirisches Epos, in welchem der Dichter die „moderne" Welt durchhechelt. Der Homuneulus, der aus der „Retorte" hervorgeht, symbolisirt ihm den „herzlosen Menschen", der aufs Höchste eigennützig, nach Ansehen und Reichthum strebt. Er durchwandert viele Kreise und erleidet überall, gerade durch die Fehlerhaftigkeit der Menschen, Schiffbruch. Da nimmt er denn auch zu den Juden Zuflucht. Daß diese nicht gut wegkommen, darf dem Satiriker nicht übelgenommen werden. Auch heben wir von vornherein hervor, daß Hamerling schließlich die Juden als ein unentbehrliches, in die gesellschaftliche Ordnung eingegliedertes und für den Kreislauf des Lebens nothwendiges Element der Gesellschaft erklärt — also das Gegentheil der Antisemiten. Homuneulus, nachdem er so Vieles vergebens versucht hat, kommt auf den Gedanken, die Juden zu ermahnen, insgesammt nach Palästina zu gehen, ein neues Reich zu gründen, dessen König und Messias er sein solle. Da nun gerade der alte Judenhaß sich wieder einmal erneuert hatte und die ganze christliche Welt „bankerut" ging, so folgten die Juden seinem Rufe. Da sie aber, in Palästina versammelt, seiner Aufforderung mit dem Schwerte die Welt zu erobern, keine Folge leisten wollten, wurde ihr Leben dort einförmig und leer, so daß sie sich sehr langweilten. Daß das Judenthum auch noch höhere Momente, als das gewerbliche Dasein, namentlich das religiöse, umfasse, davon hat der Satiriker keine Ahnung oder will sie nicht haben. Hier heißt es weiter: Andrerseits begann des Westens Welt auch wiederum allmählich Ihre Juden zu vermissen. Schien es doch nunmehr zu fehlen Allenthalben an dem rechten Sauerteig im Bölkerleben! Oede waren alle Börsen Lahm der Schwung des Speeulirens, In der Tagespresse machte Bald ein Mangel an Reportern, Unverfrorenen, sich gellend. Ueberhand nahm ganz entsetzlich Kunst und Poesie; die Mäuse, In Abwesenheit der Katzen, Tanzten auf dem Musenberge, u. s. w. Ferner: Gänzlich auch verkamen manche Völkerschaften, und zu Tage Trat es, daß sie ohne Juden Leben nicht noch sterben konnten. Stimmen machten schon sich geltend. Welche die Zurückberufung Des Hebräervolks verlangten. Es landen „Abgesandte von des Westens Völkerschaften, einzuladen die Hebräer, nach Europa heimzukehren, ihnen Gleichberechtigung anbietend. Wir haben diese Verse angeführt, um dem Leser zugleich eine Probe zu geben, denn in diesen vierfüßigen Trochäen ist das lange Epos <"320 S.) abgefaßt. Der Homuneulus hält mit Ahasver, der sich auch eingefunden, lange Reden über die Nichtigkeit des Menschenlebens und entschließt sich noch einmal, zu den Menschen zurückzukehren, um ihnen über „Sein und Nichtsein" zu predigen. Allerdings ist der, dem „neuen Israel" gewidmete Gesang mit recht vielen Antisemitismen gewürzt, aber man darf es dem Satiriker nicht allzu übel nehmen, der die menschliche Gesellschaft mit dem „Affenreiche" auf ein Niveau gestellt. Viel Erfahrung über Juden konnte Hamerling nicht gemacht haben, und er folgte deshalb wohl nur den Urtheilen, die von gehässiger Seite über sie abgegeben waren. Er war im Waldgebirge geboren, zuerst in einer Klosterschule unterrichtet, hatte dann in Graz Gymnasium und Universität besucht, war zehn Jahre lang Gymnasiallehrer in Triest, kehrte dann nach Graz zurück, war niemals verheirathet, son-

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