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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-01-16 · Heft 1 (16.1.1890) · p. Seite 6

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 1 (16.1.1890)
Date
1890-01-16
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 doch nur sehr spärlich bewohnt und mit wenigen Städten besetzt gewesen sein. Denn sowohl Abraham als seine Nachfolger zogen ungestört durch das ganze Land mit ihren Heerden und zahlreichen Leuten, machten Stationen nach ihrem Belieben, errichteten Altäre, was einer Besitznahme gleichbedeutend war, gruben Brunnen und bestellten sogar zeitweise große Strecken Landes. Dies Alles konnten sie nur bei einer sebr spärlichen Bevölkerung ins Werk setzen. Nur einmal kam Jsaac mit den Philistern in ein gespanntes Verhältniß, das jedoch bald ausgeglichen ward. Abraham konnte zur Vertheidigung des Landes einen Kriegszug führen, und man ließ ihn gern einen Platz erkaufen, welchen er zum Erbbegräbniß machte. Jakob schloß sogar einen Vertrag mit Laban ab, um die Grenze festzustellen zwischen den Gebieten beider, und sie errichteten zum Zeugniß dessen ein Mal aus Stein. Alles dies erweist, daß Abraham und seine Nachkommen sich zu den ersten Ansiedlern des Landes zählten und zählen konnten, also hiermit im Sinne der Israeliten ein völliges Anrecht erlangt hatten, das sie auch in Egypten nicht aufgaben, wie denn Jakob seinen Leichnam dahin bringen ließ und Joseph seine Stammesgenossen beschwor, seine Leiche mit sich zu nehmen, wenn sie nach dem verheißenen Lande zögen. Es fand also bei den Israeliten gar kein Zweifel statt, daß die Eroberung des Landes mit ihrer völkerrechtlichen Anschauung in völligem Einklang stehe. Und doch fügte man noch ein Moment hinzu. Man fragte, weshalb Gott die Vertreibung der Canaanitec und die Eroberung des Landes durch die Israeliten habe vorsichgehen lassen? Im echt biblischen Sinne wurde auch mit diesem politischen Ereigniß ein moralisches Motiv verbunden. Die Canaaniter, die rührigen Anbeter des Moloch und der Astarte waren religiös und sittlich derartig entartet, daß ihre Vertreibung nur ein Akt der Gerechtigkeit war, um das Land von den Freveln und Lastern zu befreien, die es schändeten. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 25. December. Es scheint uns keinem Zweifel unterworfen, daß der entschiedene Pessimismus mit dem Antisemitismus in naher Blutsverwandtschaft steht. Thatsächlich hat sich dies an den Philosophen erwiesen, wie Schopenhauer, Eduard v. Hartmann, Dühring. Aber auch die Erklärung fällt nicht schwer. Principiell ist der Pessimismus dem Judenthume feindlich gestimmt, denn dieses hat den Optimismus zu einem seiner Grundzüge. Auch das Judenthum erkennt das Weh und Leid des Menschen an, aber es ist ihm die Folie, auf welcher die Befriedigung und die Freude des Herzens nur um so leuchtender hervortritt. Es läßt dem Menschen „sein Brod im Schweiße des Angesichtes" verzehren; aber nach geschehener Arbeit, die ja auch an sich dem Menschen Freude bereiten kann, bieten sich die Früchte derselben zum Genüsse um so angenehmer dar; auch weiß es der Arbeit Schranken zu setzen, damit sie die Kräfte des Menschen nicht allzu sehr aufreibe und dem Geiste das Leben unmöglich mache. Dem sittlichen und gottesfürchtigen Wandel verheißt es den göttlichen „Segen", daß der, welcher ihn zum Gesetze seines Daseins macht, in Sicherheit und Frieden die Tage seines Lebens erfülle. Das Judenthum steht davon ab, dem Erdensohne das Dasein verächtlich zu machen und ihn auf das Jenseits allein zu verweisen, wo ihm doch nach anderen Religionen das Fegefeuer und die Seelenwanderung drohen. Der Islam kennt ausgesprochen weder den Optimismus noch den Pessimismus; für ihn ist Alles, was dem Menschen begegnet, im Voraus unabänderderlich bestimmt, unabhängig vom eigenen Willen. Aber abgesehen vom Principe ist es die Sache des Pessimisten, alles was da existirt oder vorgeht auf diesem Erdenrunde oder auch im Universum, schwarz zu sehen, die dunkelsten Farben aufzutragen und selbst das Licht mit den Schatten des Schmerzes und Leides zu überziehen. Anders verfährt nun der Antisemitismus nicht. Es gehört zu seinem Geschäfte, die gesammte Weltlage, die Zustände der Gesellschaft und aller Zweige des Lebens als versunken und verkommen darzustellen, alle vorhandenen Uebelstände zu übertreiben, nur, daß er auch die Ursache kennt, nämlich die Existenz der Juden. Der Antisemit kann nicht anders, als dem Volke seine Verhältnisse aufs Trübseligste zu schildern, um ihm um so leichter einzureden, daß an alledem allein die Juden schuld seien. Zu diesen Betrachtungen veranlaßt uns folgender Umstand. Die Wiener Antisemiten befolgen seit längerer Zeit das Manöver, alle bedeutenden Männer, namentlich aus ihrer Umgebung, zu Antisemiten zu machen, besonders, wenn sie gestorben sind. So Grillparzer, so jüngst Anzengruber und vor diesem Robert Hamerling. Sie haben es also besonders auf die österreichischen Dichter abgesehen. Unser Wiener Correspondent wehrt dies in Nr. 50 hinsichtlich Hamerlings ab, sich stützend auf den treuesten Freund Hamerlings, Rosegger. Nun lasen wir jüngst die Selbstbiographie Hamerlings, die er kurz vor seinem Tode vollendet hat: „Lebensstationen" (Richter, 1889). Gegen Ende derselben spricht sich Hamerling selbst hierüber aus. Nach dem Erscheinen seines „Homunculus" (Hamburg, Richter 1888) richtete der Antisemitenbund in Wien ein Schreiben an den Dichter, in welchem dieser beglückwünscht und als einer der Ihrigen gefeiert wurde. Hierauf antwortete Hamerling, indem er erklärte, daß er zum Antisemitismus sich nicht bekenne und die Mitgliedschaft dieses Bundes ablehnen müsse. Jndeß entbehrt dieses Schreiben der Entschiedenheit und sucht vielmehr in

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