Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 1 (16.1.1890)
- Date
- 1890-01-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Summen, für die er ihr Leben bei der Nebergabe der Stadt zu schützen versprach. Nichtsdestoweniger wurde am 5. Oktober 1821, nach Einnahme der Stadt von Seiten der Griechen ein Blutbad unter den wehrlosen Einwohnern angerichtet, das seines Gleichen in der Geschichte sucht, besonders die Juden erlitten die unerhörtesten Quälereien, ihre Weiber und Kinder erdulden das Schlimmste. Andrerseits machte sich in Folge dieser Greuelthaten auch die Rache der Juden gegen die Griechen Lust. Als im April 1822 der türkische Feldherr Abdul -Abud die Griechen Makedoniens niederwarf, wüthete gegen dieselben besonders grimmig eine Schaar von 600 Juden aus Salonichi; einer derselben soll an einem Tage 64 Griechen hingeschlachtet haben. Das Resultat des grauenvollen, achtjährigen Volksklieges war die völlige Ausrottung des jüdischen Stammes auf griechischem Boden, wo er seit zwei Jahrtausenden ansässig gewesen war. Noch heute lebt im griechischen Volke der Haß gegen die Juden fort, obwohl es dieselben meist nur dem Namen nach kennt, und obwohl gesetzlich die Gleichberechtigung aller Confesstonen ausgesprochen ist. Bekannt ist, daß am Charfreitage 1847 der Pöbel von Athen das Haus eines portugiesischen Juden, Dom Pacifico, der unter britischem Schutze stand, demolirte und ausplünderte, was zu weitläufigen diplomatischen Verhandlungen führte. Noch heute giebt es infolge der Ausrottung im Unabhängigkeitskampfe, in den alten Provinzen des Königreichs Griechenland keine Juden, mit Ausnahme einer kleinen Gemeinde in Athen, welche aus eingewanderten Kaufleuten besteht (nach der Volkszählung von 1879 „Nichtchristen", also einschließlich Mohamedaner 114), und ferner (1879) 290 Juden in Chalkis, einer Stadt, welche bis zum Ende des Krieges von den Türken gehalten wurde, wo sie also dem traurigen Schicksal der übrigen Glaubensgenossen entgingen. Dagegen giebt es zahlreiche Juden auf den erst 1863 zu Griechenland gekommenen Jonischen Inseln (Korfu 2652, Zante 270) und in den 1881 von der Türkei an Griechenland abgetretenen Gebieten (Thessalien und Ost-Epirus 2500 Juden), so daß sich die Gesammtzahl der Juden in Griechenland nach der letzten Volkszählung auf 5800 beläuft oder 0,3 Procent der Bevölkerung. Z A. P. 9 Zur Bekräftigung der obigen Darstellung fügen wir hinzu, daß in der That die Juden in Griechenland während des Mittelalters ganz besonders die Seidenweberei und Seidenfärberei betrieben, diesen Industriezweig in Schwung erhielten, und dem Lande dadurch sehr nützlich waren. Wie wir schon früher einmal bemerkten, führte der Normannenkönig Roger, nachdem er Corinth erobert, eine größere Anzahl von Juden von dort nach Sicilien, um die Seidenweberei in dieses sein Land zu verpflanzen. In dem soeben erschienenen Werke Ferdinand Gregorovius' „Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter Bd. I, S. 201", wird hervorgehoben, daß Benjamin von ^ndela über Athen völlig schweige, objchou er in der Nachbarschaft Vom Völkerrechte. i. Sobald die Völker auf einander stießen, bildeten sich gewisse Verhältnisse zwischen ihnen, Bedingungen im friedlichen wie im kriegerischen Verkehr, die von beiden Seiten anerkannt, beobachtet oder verletzt wurden. Hieraus entstanden Verträge zwischen einzelnen Völkern, dann aber auch ungeschriebene Regeln gegenseitigen Verhaltens, die zur Gepflogenheit wurden und je nachdem sie zwischen den Nationen sich allgemein ausbreiteten, ein gewisses Völkerrecht darstellten. Es liegt auf der Hand, daß ein solches Völkerrecht in den verschiedenen Zeitaltern verschieden war, bisweilen gänzlich verschwand, dann wieder von der öffentlichen Meinung anerkannt wurde, so daß dessen Verletzung eine allgemeine Entrüstung hervorrief. Finden wir nun in den Büchern der h. Schrift solche völkerrechtliche Anschauungen oder nicht? Mit Ausnahme etwa des Rechtes der Unverletzlichkeit von Gesandten, kannten die alten Völker, insonders die Griechen und Römer, ein allgemeines Völkerrecht nicht. Griechen wie Römer betrachteten alle anderen Völker als „Barbaren", Menschen niederer Beschaffenheit, welche die Natur selbst zum Dienste für sie geschaffen. Sie machten sich ebenso wenig wie die Egypter und asiatischen Despoten ein Gewissen daraus, andere Völker mit Krieg zu überziehen, sie sich zu unterwerfen und über das Leben und Eigenthum der Besiegten nach Belieben zu verfügen. Anders die alten Israeliten. Wir finden in der Bibel eine Stelle, die eine völkerrechtliche Anschauung aufstellt, bis jetzt aber aus diesem Gesichtspunkte nicht betrachtet wurde, 5 Mos. 32, 7 heißt es: „Gedenke der Tage der Vorzeit, erwäget die Jahre Geschlechts auf Geschlecht, frag' deinen Vater, er kündet's dir, und deine Greise, sie sagen's Dir: als Sitze gab der Höchste den Nationen, von einander schied des Menschen Söhne: sondert' er ab der Völker Grenzen für der Söhne Jsrael's Zahl." Der Eingang dieses Spruches weiff geweilt, z. B. Theben und Chalkis besucht und beschrieben hat. Er zieht daraus den Schluß, daß Athen damals im völligen Verfall war, was auch anderweitig bestätigt ist. und daß dort keine Juden wohnten, so daß daselbst auch keine Seidenweberei betrieben wurde. Ferner bemerkt Gregorovius: „Während des Mittelalters und bis , auf den heutigen Tag hat die Stadt Athen die Hebräer von sich fern gehalten." Noch Guillet bemerkte im 17. Jahrhundert: „Juden hat man in Athen niemals dulden wollen, obwohl es davon genug in der Nachbarschaft giebt, in Theben und in Negroponte. Im ganzen türkischen Reich haben nur Athen und Trapezunt das Privilegiunl des ewigen Ausschlusses der Hebräer bewahrt, ancienne et nouvelle 1676. Dies bestätigt Spon, Voyage II, 235. — Die Ephimeris vom 13. Nov. 1882 hat als Curiosum mitgetheilt, daß der erste Israelit (aus Korfu) an der Universität Athen immatriculirt wurde. — Auch aus anderen Quellen bestätigt Gregorovius, daß es vorzugsweise die Juden waren, welche die Seidenweberei in Griechenland betrieben und dadurch dem Lande vielen Nutzen schassten. Nedaction.