Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 1 (16.1.1890)
- Date
- 1890-01-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Berlin, im December. Die Juden in Griechenland. Während sich im Mittelalter auf den beiden westlicheren der südeuropäischen Halbinseln, in Spanien und Italien, eine reiche jüdische Geschichte abspielte, hören wir aus jener Zeit nur wenig von Juden in Griechenland. Man kann kaum von einer griechisch-jüdischen Geschichte reden, denn es sind nur vereinzelte Nachrichten, die uns von dem Vorhandensein unserer Glaubensgenossen in dem alten Culturlande Hellas in jenen, für dieses mehr als für jedes andere Land, dunklen Zeiten Kunde bringen. Die Ursache dafür ist nicht etwa die, daß dort die Juden eine auffallend geringere Rolle, als in den westlicheren Ländern gespielt hätten — denn das Wenige, was wir von ihnen hören, bezeugt uns ihre bedeutende Anzahl, ihren Reichthum und ihr reges geistiges Leben — sondern es ist unsere mangelhafte Kenntniß der griechischen Geschichte im Mittelalter überhaupt, welche uns auch über die Juden uur einzelne Bruchstücke überliefert hat. Schon seit der Römerherrschaft waren Juden in großer Anzahl in den bedeutenderen Orten Griechenlands ansässig, und auch hier war ihr Loos, nachdem das Christenthum den Sieg über den antiken Götterglauben davongetragen hatte, ein ähnliches wie im Occident. Zu wiederholten Malen brachen Verfolgungen, fast stets rein religiösen Motiven entsprungen, über sie herein, so besonders unter den Kaisern Phokas und Heraclius (Ende des 5. und Anfang des 6. Jahrhunderts nach d. gew. Ztr.). Im Jahre 982 stiftete der fanatische „heilige" Nikon eine Judenverfolgung in Lakedaemm an, wo eine bedeutende jüdische Gemeinde bestand. Eine Zusammenstellung der Nachrichten über das Vorhandensein von Juden in Griechenland in der ersten Hälfte des Mittelalters giebt Hopf in Ersch und Gruber's Eucyklopädie. Bd. 85, S. 163. Ausführlicheres vernehmen wir erst seit dem 12. Jahrhundert, einer Zeit, in welcher Griechenland unter der segensreichen Herrschaft des Kaiserhauses der Komnenen einen beachtenswerthen materiellen Aufschwung nahm. Damals wurde es von dem bekannten jüdischen Reisenden Benjamin von Tudela (gest. 1173) besucht, der uns über die bestehenden jüdischen Gemeinden, die Zahl ihrer Mitglieder und ihre Lage eingehend berichtet. Damals bestanden Gemeinden von Alters her aus den jonischen Inseln, besonders Korfu und Zante, auf Euboea, in Thessalien, in Naupaktos und der aufblühenden Stadt Paträ, in Korinth, auf Aegina, vor Allem aber in Theben, welches damals die reichste und größte Stadt Griechenlands war, blühend, wie auch Korinth, durch seine Seidenweberei und Purpurfärberei. Diese Industrie lag vorzugsweise in den Händen der Juden, die durch ihre Betriebsamkeit wesentlich zum Wohlstände des Landes beitrugen. Diese Gemeinden überdauerten selbst den schweren Schlag, welchen den beiden genannten Städten die Eroberung durch den Admiral des Normannenkönigs Roger von Sicilien (1147) und die Fortführung zahlreicher Einwohner nach Sicilien zufügte; denn wir finden um 1218 den andalusischeu Dichter Charisi sich in Theben aufhaltend, der an den dortigen jüdischen Dichtern eine berbe Kritik übte. In den nun folgenden schrecklichen Wirren der fränkischen Feudalherrschaft fanden die Juden Schutz in den venetianischen Besitzungen. Wenn sie auch dort von schweren Bedrückungen nicht frei blieben, so hören wir doch wenig von eigentlichen Verfolgungen. (Die letzte fand 1712 in Zante statt, wegen eines angeblich von den Juden zu Peßach geschlachteten Christenknaben.) Ende des 15. Jahrhunderts bewohnten die Juden eine eigene Vorstadt der venetianischen Stadt Modon im Peleponnes, mit Seidenweberei beschäftigt. Sie durften auf venetianischem Boden kein unbewegliches Eigenthum erwerben, „damit nicht aller Grundbesitz in die Hände der Juden käme", wie es in den Edicten der Republik heißt — ein Beweis ihrer Betriebsamkeit und ihres Reichthums. Aber auch in dem griechischen Fürstenthum Misithra (dem alten Lakonien) wohnten im 15. Jahrhundert zahlreiche Juden, die sogar eine Zeit lang einen eignen Ort in der Nähe Lakedaemons besaßen. In der nun folgenden Zeit der türkischen Herrschaft, von der nur die jonischen Inseln frei blieben, hören wir nur wenig von den Juden. Eine Zeit lang beherrschte ein portugiesischer Jude, Don Joseph Nasi, Hofbanquier des Sultans, als dessen Vasall unter dem Titel eines Herzogs von Naxos die Inseln des Archipels (1566—79). Aber die jüdischen Gemeinden existirten fort, denn bei dem Ausbruch des griechischen Unabhängigkeitskampfes (1821) finden wir sie an zahlreichen Orten des Landes. Sie waren dem Untergange geweiht! Das griechische Volk zeigte seit dem Mittelalter stets den fanatischsten Haß gegen alle Andersgläubige, und so theilten die Juden nicht nur das Schicksal der Mohamedaner in Griechenland, sondern wurden noch besonders hart von der Grausamkeit der Aufständischen betroffen. Der Haß war im Volke noch dadurch besonders genährt worden, daß Venetianer wie Türken die Henker mit Vorliebe aus den Reihen der Juden wählten, gerade weil diese den tiefsten Abscheu gegen dieses Amt hegten. Gleich im Anfang des Aufstandes, am 21. Juni 1821, capitulirten die Türken und Juden der Stadt Vrachori (Aetolien) gegen Sicherheit des Lebens und der Ehre; nichtsdestoweniger sind die Juden insgesammt unter schauerlichen Grausamkeiten ermordet worden, während die meisten Türken gerettet wurden. Als Ende September der Fall Tripolitzas, der türkischen Hauptstadt des Peloponnes, bevorstand, entlockte der griechische Bandensührer Kolokotronis, der viel gefeierte Held, durch Unterhandlungen den Juden der unglücklichen Stadt große