Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 1 (16.1.1890)
- Date
- 1890-01-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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L renz der Richter sein? Von woher soll ein unparteiisches und billiges Verbiet erfolgen? Die Antwort lautet: die Weltgeschichte soll Richter sein, denn die Weltgeschichte ist das Weltgericht, d. h. in ihr bekundet sich das göttliche Gericht, das sich über die Völker und über alle Einzelnen erstreckt, welche eine geschichtliche Bedeutung erlangt haben. Und fürwahr, dieses Gericht hat bereits sein Urtheil gefällt und zwar durch drei unwiderlegbare Aussprüche. Welche sind diese? Zuerst, daß dieses Hebräerthuin mit dem Hellenismus die beiden Wurzeln bilden, aus welchen die Civilisation der Völker hervorgesprossen, die beiden Nahrungsquellen, aus welchen die Völker ihre Geistes- und Herzensbildung, ihre geistige Lebenskraft zogen und ziehen. Diese beiden, der Hebraismus und Hellenismus, dienten zu Erziehungs- und Bildungsmitteln, legten das rechte Wort auf die Lippen, gaben die besten Formen für das gesellschaftliche Leben, tränkten die Nationen mit ihrem Geiste. Dies ist gewiß ein unwiderlegliches Zeugniß der Geschichte und spricht für jene beiden Geistesrichtungen ein entscheidendes Urtheil. Sehen wir etwas genauer zu, so war es der Hebraismus, welcher selbst in jenen dunklen Jahrhunderten, da der Hellenismus die Völker noch im Stiche ließ, die Führer- und Erzieherrolle allein übernommen hatte. Der Hellenismus war in seinem eigenen Volke erloschen, und selbst die letzten Bestände desselben, die philosophischen und rhetorischen Schulen in Athen, verschwanden im vierten Jahrhundert, nachdem sie seit längerer Zeit schon kaum noch eine merkbare Wirkung geübt.') Aus dem Hebraismus aber waren unmittelbar die Religionen und Kirchen entstanden, welche im Abend-, wie im Morgenlande die barbarischen Völker, welche sich in gewaltigen Strömen über die Länder ergossen, überwanden und ihren Geist an sich fesselten; die heiligen Bücher Israels bildeten die Ackerkrume, aus welcher eine neue Pflanzung erwuchs; ihre Institutionen wurden übernommen, ihre Gesetze bildeten den Stock der neuen gesellschaftlichen Ordnung; ihre Worte klangen von allen Lippen in Lehre und Cultus. So entwickelten sich die Völker zu neuem geistigen Leben, bis vom 14. Jahrhundert an der Hellenismus in die geistige Atmosphäre wieder eintrat und den Fortschritt der Civilisation in umfassender Weise förderte. — Aber ein zweites Verbiet sprach die Weltgeschichte aus, indem sie dem jüdischen Stamme einen ununterbrochenen Bestand verlieh, der in den Augen so Vieler wunderbar erscheint. Ohne eine Heimath, ohne einen geographischen Mittelpunkt, ohne staatliche Organisation, ja auch ohne geistliches Centrum, ohne andere' Verbindung als ihr schriftliches Gesetz und ihr in das Herz eingeschriebene Bekenntniß, haben sich diese Juden, in kleine Gruppen zerstreut, unter den wechselvollen, jedoch 1) S. Gregorooius, Geschichte Athens im Mittelalter. lStuttgart 1889.) Bd. I. an vielen Stellen. stets traurigen Verhältnissen, unter unaufhörlichen Eingriffen und Verfolgungen in ihrem ganzen Stammesumfang erhalten, und sich stets, sobald ihre Lage eine günstigere ward, mit verjüngter Kraft aufgerichtet und zu Leistungen auf allen Gebieten des Lebens befähigt erwiesen. Gewiß, was todt ist, kann nicht leben, kann nicht bestehen, was abgestorben ist, muß sich zerbröckeln, was verkümmert ist, kann sich nicht verjüngen und kann nichts leisten und schaffen. — Endlich das dritte Verbiet der Weltgeschichte besteht in dem von ihr erwiesenen Spruche, daß das Schicksal des jüdischen Stammes sich stets mit dem Grade identiffcirt, welchen Recht und Humanität in einem Zeitalter und in einem Volke eingenommen haben und einnehmen. Wo Recht und Humanität tief darniederlagen, stieß der jüdische Stamm stets auf Druck und Verfolgung; sobald Recht und Humanität ihre Flamme entzündeten, ihre Macbt entfalteten, zu einer gewissen Herrschaft gelangten, lichtete sich auch der Horizont um den jüdischen Stamm, ward ihm Erleichterung und Duldung , lösten sich mehr oder weniger die ihm angelegten Fesseln, und gewährte man ihm zuerst auch nur Sicherheit des Lebens und des Eigenthums, so fühlte man sich doch gedrungen, nach und nach eine Schranke nach der anderen niederzulegen, bis man ihn in Staat und Nation aufnahm. Verfolgt man die Geschichte der Juden seit ihrer Zerstreuung bis zur Jetztzeit, so erweist sich die Wahrheit dieses Satzes in allen Thatsachen, in allen Vorkommnissen, und überblickt man die gegenwärtigen Zustände, blickt man nach Osten und Westen, so wird man überall dasselbe wahrnehmen. Man hat dies so sehr erkannt, daß nicht wenige die Behandlung der Juden als einen Prüfstein für den Grad des Rechtes und der Humanität, der in einem Staate vorhanden ist, ansieht. — Die Weltgeschichte hat ihren Richterspruch gefällt. Sie stützt ihr entscheidendes Erkenntniß auf jene drei Gründe; ein Stamm, dessen geistiges Product zu einer Hauptbasis aller Civilisation geworden, und der dieses durch alle Zeiten und in allen Lagen aufrecht gehalten und ihm treu geblieben; ein Stamm, der durch mehr als drei Jahrtausende seine Lebenskraft sich bewahrt und immer wieder verjüngt hat; ein Stamm, dessen Geschick stets mit der Entfaltung des Rechts und der Humanität auf's engste verbunden und verquickt ist — ein solcher Stamm ist gerechtfertigt, das Recht steht ihm zur Seite, er ist nothwendig, segensreich. So mögen unsere Feinde und Gegner weiter schmähen und anklagen, wühlen und Hetzen, alte Märchen aus dem Staube auflesen, neue erdichten: diese Sentenz der Weltgeschichte, in welcher sich göttliches und menschliches Recht vereinigen, hält, was auch fernerhin geschehe, über uns seinen schützenden und leuchtenden Schild!