Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1897)
- Date
- 1897-12-31
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 öo Bielefeld, 27. Dezember. Der am 31. Oktober d. I. in Münster abgehaltene VII. ordentliche Gemeindetag des Verbandes der Synagogen-Gemeinden Westfalens hat auf Grund eines von Herrn Prediger I. Ostwald-Witten gehaltenen Vortrages, welcher durch ein Korreferat des Herrn Vorsanger-Neuenkirchen ergänzt wurde, den einstimmigen Beschluß gefaßt, die Errichtung eines Asyls für jüdische Kranke und Altersschwache in Westfalen anzustreben. Zugleich wurde der Versammlung mitgetheilt, daß von Herrn Bendix Kemper- Rietberg 5000 Mark bedingungslos (und weitere 5000 Mark für den Fall der Errichtung des.Asyls in Rietberg) sowie von Herrn S. Löwenstein-Rietberg 3000 Mark bereits zur Verfügung gestellt seien. Es ist indessen diese Anstalt nicht als ein ausschließliches Unternehmen des Verbandes gedacht; vielmehr soll in derselben ein Institut geschaffen werden, welches, dem Wohlthätigkeitssinn aller Juden seine Entstehung und Unterhaltung verdankend, auch allen Gemeinden der Provinz Gelegenheit giebt, ihren alleinstehenden kranken oder altersschwachen Mitgliedern eine würdige und angenehme Zufluchtsstätte zu bieten. Demgemäß richtet der Vorstand an die Vorstände aller westfälischen Gemeinden die Bitte, sich für die Gründung eines Asyls in dieser Provinz interessiren zu wollen und ihr Interesse zunächst durch die Bildung eines Lokalkomitees zu bethätigen. Aufgabe res letzteren würde es sein, im Kreise der eigenen und eventuell der Nachbargemeinde für die Errichtung des Asyls Propaganda zu machen und Zeichnungen von Geldbeträgen zur Schaffung des nöthigen Grundkapitals zu veranlassen. Ueber den Erfolg dieser Thätigkeit soll innerhalb dreier Monate Bericht erstattet werden. Nach Ablauf dieser Frist wird sodann eine allgemeine Versammlung berufen werden, welche den Asylverein zu gründen und ein definitives Aktionskomitee zu wählen hätte. Dem Anschreiben ist der Vortrag des vortrefflichen Wittener Predigers Ostwald beigelegt, aus dem die Bedürfnißfrage klar hervorgeht. Hoffentlich findet die Schrift auch außerhalb Westfalens Verbreitung und erweckt in weiten Kreisen Theilnahme für dieses edle Unternehmen, das in der That geschaffen werden muß. OJ) Münster i. W., 26. Dezember. Am 19. d. M. fand hier die 3. diesjährige Spezialkonferenz der Lehrer des Regierungs- Bezirks Münster statt. Die Versammlung war recht zahlreich besucht; namentlich hervorgehoben zu werden verdient das Erscheinen der Herren Seminarlehrer a. D. Treu und Rabbiner Dr. Samuel aus Essen, Beide bestens bekannt wegen ihrer regen Theilnahme an der Förderung der jüdischen. Schulen. Nachdem der bisherige Vorstand, die Herren Baum- Rheine und Seminardirigent Dr. Gutmann-Münster, durch Akklamation wiedergewählt worden war, hielt Herr Seminarlehrer Feinstein-Münster einen wohldurchdachten und mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über die Stellung der Ethik im jüdischen Religionsunterricht. Der Vortragende empfahl, mehr noch als bisher die Erzählungen der Bibel als Deduktionsmaterial auch beim systematischen Religionsunterricht zu verwerthen. An den Vortrag knüpfte sich eine recht lebhafte Debatte. Der. Vorsitzende des Hauptvereins, Herr Graf-Essen, machte in einem den Mitgliedern der Konferenz zur Kenntniß gebrachten Schreiben Mittheilungen über das erfreuliche Gedeihen der Unterstützungskaffe. Zum Schluß wurde bestimmt, daß die nächste Konferenz im Juli wieder in Münster stattfinden soll. F. München, 27. Dezember. Der Honorarprofessor an der hiesigen Universität und Rath am königlichen Landgerichte München II Dr. Heinrich Harburger ist zum Staatsanwalt am königlichen Oberlandesgerichte München ernannt worden, als welcher er den Rang und Gehalt eines Oberlandesgerichtsrathes hat. Harburger dürfte der erste Jude sein, welcher zum Staatsanwalt an einem deutschen Oberlandesgerichte ernannt worden ist; die Ernennung ist umso erfreulicher, als sie einem Manne zutheil geworden ist, dem weder durch den Besitz von Glücksgütern noch durch sonstige Beziehungen der Lebensweg geebnet worden ist, und der die errungene Lebensstellung wohl ausschließlich hervorragender Begabung, unermüdlichem Fleiße, freundlichem Verhalten gegen jeden Mitbürger und großer Bescheidenheit verdankt. In den bescheidensten Verhältnissen ausgewachsen, aber , schon als Schüler des Gymnasiums ausgezeichnet, wurde Harburger, nachdem er 1876 den Staatskonkurs mit der ersten Note bestanden hatte, 1879 Amtsrichter, 1885 zweiter Staatsanwalt am königlichen Landgerichte München II, 1890 Landgerichtsrath, ist auch seit längerer Zeit ordentliches Mitglied des Institut de droit international und steht ungefähr im 47. Lebensjahre. — In dem Budget-Entwurf pro 1898/99 für das Königreich Baiern sind enthalten: Für den israelitischen Kultus zur Aufbesserung des Einkommens gering dotirter Rabbinatsstellen 12 000 Mark, dann für Fürsorge für dienstunfähige Rabbiner und für die Relikten von Rabbinern 2000 Mark. Beide Postulats hat der Finanzausschuß der Kammer der Abgeordneten ohne Diskussion genehmigt. Oesterreich - Ungarn. LI Wien, 27. Dezember. Unsere Christlich-Sozialen haben ein unangenehmes Festgeschenk erhalten durch den Bericht der „Pol. Korr." aus vatikanischen Kreisen in Rom: „Kardinal Parocchi hat jüngst in einer Versammlung im Apollinarischen Konvikt eine Rede gehalten, die sowohl in Rom wie auswärts einen gewissen Widerhall Hervorrufen wird. Der Kardinal hat sich nämlich sehr kräftig gegen die Tendenzen und Uebertreibungen der christlich-sozialen Bewegung ausgesprochen. In energischen Worten kennzeichnete er die Haltung jener Priester, welche die Allüren von Volkstribunen annehmen und ihre kirchlichen Aufgaben vernachlässigen, um in Vereinen und Versammlungen Reden zu halten. Diese Verurtheilung des christlichen Sozialismus durch einen Kirchenfürsten beweist, daß sich in den hohen kirchlichen Kreisen eine Reaktion gegen jene Formen zu zeigen beginnt, welche der christliche Sozialismus in verschiedenen Ländern angenommen hat." — In Pribram verschied am 13. d. M. im 70. Lebensjahre der verdiente Rabbiner Jacob Urbach, welcher 39 Jahrein dieser Gemeinde als Seelsorger wirkte. Der Verblichene war eine lange Reihe von Jahren auch Religionslehrer am k. k. Real- und Obergymnasium. — In Zizko w bei Prag wurde eine 30 Jahre alte Frau verhaftet, von welcher sichergestellt ist, daß dieselbe bei der Plünderung des Ladens eines jüdischen Kaufmanns den Ofen eingerisfen und Maaren weggeschleppt hat. — Die Regierung hat die von der Kultusrepräsentanz in Krakau vorgelegten Statuten für die Kultusgemeinde vollinhaltlich bestätigt, und so ist Krakau die erste größere israelitische Gemeinde in Galizien, die ein Statut auf Grund des Gesetzes vom Jahre 1890 besitzt. — Die Juristen Dr. Alfred Spitzer, Dr. Berthold Fränkel u. A. m. wurden zu Gerichtsadjunkten ernannt. — In Prag ist vergangene Woche im hohen Alter von 80 Jahren der gewesene Notar Dr. Jonas Spiegel verschieden. Das Leichenbegängniß, dem alle Kreise der Gelehrtenwelt beiwohnten, gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung. — Ein Gastspiel unserer Antisemiten in München war, wie es scheint, nicht von besonderem Erfolge begleitet. Es wird darüber berichtet: Die antisemitische baierifche Reformpartei hielt im Münchener Kindl-Keller eine öffentliche Versammlung ab, an der etwa 600 Personen, darunter als geladene Gäste die österreichischen Reichsrathsabgeordneten Monsignore Dr. Scheicher, Axmann und Bielohlawek, Theil nahmen. Die Wiener Gemeinderäthe Havranek, Platter und Väth waren angesagt, aber nicht erschienen. Die Versammlung gewann an Interesse dadurch, daß mehr über die österreichischen Verhältnisse als über das eigentliche Thema „Soziale Reform im antisemitischen Sinne, eine Lebensfrage für das deutsche christliche Volk", gesprochen wurde. — Am 23. d. Mts. ist hier der Mitredakteur der „Neuen Freien Presse" Adolf Löwe, ein allgemein geachteter und beliebter Journalist, im 63. Lebensjahre nach langer Krankheit gestorben. B. Budapest, 24. Dezember. Der in der Geschichte des ungarischen Israels immer denkwürdig bleibende Tag, an dem die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden in Ungarn zum Gesetze erhoben wurde, jährt sich heut zum dreißigsten Male. Am 20. Dezember 1867 wurde der Gesetzentwurf dem Abgeordnetenhause vom Referenten Kerkäpoly in einer kurzen Rede zur Annahme empfohlen, worauf sich Koloman von Tisza erhob, um die Erklärung abzugeben, daß er seinen Gesetzentwurf, der den Juden die vollkommene Gleichberechtigung ertheilen sollte, nunmehr zurückziehe, damit „die Lösung der. brennendsten Frage des ungarischen Parlaments keinen Aufschub erleide und die ungarische Nation je eher ihrer Ehrenpflicht Nachkommen könne". Ohne weithin tönendes rednerisches Festgeläute wurde der Gesetzentwurf sodann angenommen, ohne daß eine Abstimmung nothwendig war. Nach der noch am selben Tage im Oberhause erfolgten Annahme wurde der Gesetzentwurf sanktionirt und publizirt. Der „Gleichberechtigung der Israeliten in bürgerlicher und politischer Beziehung" folgte erst