Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1897)
- Date
- 1897-12-31
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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nach achtundzwanzigjähriger Pause die Rezeption, wodurch die Gleichberechtigung der Juden eine vollkommene wurde. Diese denkwürdige Jahreswende wurde in den Gemeinden Ungarns feierlich begangen. — Die „Statistischen. Monatshefte" enthalten eine interessante Statistik über die hauptstädtischen Gymnasien und Realschulen. Bon den 8049 Schülern, die> in den 17 Anstalten der Hauptstadt im laufenden Schuljahre inskribirt sind, haben sich 3360 als Israeliten gemeldet. Die Gymnasien weisen einen Schulbesuch auf, an dem die Israeliten mit 34 pCt. partizipiren. Die Realschulen sind schon von jüdischen Schülern mehr bevorzugt. Mehr als 50 pCt. der Schülerzahl sind Juden. — Professor Dr. Samuel Krausz hielt in der Ungarischen Ethnographischen Gesellschaft einen sehr interessanten Bortrag,# in welchem er auf Grund zahlreicher aus dem Mittelalter stammender Quellen nachwies, daß „Chavilath" mit dem in den alten ungarischen Chroniken aus den Zeiten der Arpaden angeführten „Evilath", und dies mit Humia (Baktria) identisch ist. — Rabbiner. Josef Klein- Szabadka wurde zum Prediger in Kaschau gewählt. Seine Streitschrift gegen die „Einsegnung der Mischehen", in der er den Anhängern derselben auf den Leib rückt, erregte seiner Zeit, auch im Auslande Aufsehen. — Dr. Armin Ho ff er wurde zum Rabbiner in Szentes gewählt. — Rabbiner Dr. S. Kohn wurde zum hauptstädtischem Stadtrepräsentanten gewählt. — Ein. Fall bestialischer Grausamkeit wurde aus Tärkäny gemeldet. Einige übel beleumdete Bursche unterhielten sich in dem WirthsHause der Wittwe Friedmann. Als die Wirthin die Bemerkung machte, daß die Bursche zu tief ins Glas geblickt hatten, gab sie die Erklärung ab, keinen Wein mehr ausfolgen zu wollen. Einer der Burschen gab die Parole ab: „die Jüdin müsse bei lebendigem Leibe verbrannt werden", und machte sich auch erbötig, das ' Urtheil zu vollstrecken. Er ergriff die Petroleumlampe und warf dieselbe auf die arme Frau, deren Kleider sofort Feuer fingen. Die grausamen Gäste umringten höhnend ihr armes Opfer, sangen Spottlieder und weideten sich an den Todesqualen der Unglücklichen. Am nächsten Tage verschied die Frau unter schrecklichen Leiden. Sie hinterließ drei Waisen. — In Eperjes haben sich einige stille Bewunderer der traurigen Ereignisse in Prag und Bukarest einen dummen Scherz erlaubt. Sie ließen an allen Straßenecken Plakate anbringen, auf denen zu lesen war: „Bukarest-Prag. Einladung zu der in der katholischen Pfarre stattfindenden Antisemitenversammlung. Nieder mit den Juden!" Die Polizei entfernte sofort die Plakate und leitete eine strenge Untersuchung ein, — Eine wohlverdiente Festnagelung wurde dem Redakteur Julius Markos, der sein Licht in dem antisemitischen „Herko Pater" leuchten läßt, von seinen eigenen Prinzipiengenossen zutheil. Er veröffentlichte in einem Kalender einen Aufruf, seine Freunde und Gönner mögen dem von ihm gegründeten Verein „Christliche Familie", dessen Devise: .„Kaufet nicht bei Juden" ist, beitreten und ihm die Beiträge zusenden. Mehrere Geistliche, Abgeordnete und Journalisten, die der antisemitischen Volkspartei angehören, veröffentlichen nun eine Erklärung, in der sie ihre Gesinnungsgenossen darauf aufmerksam machen, daß ein solcher Verein nicht bestehe. Sie warnen das Publikum gleichzeitig, dem Redakteur Markos nicht auf den Leim zu gehen und keine Gelder an ihn zu senden, denn sie können für seine Person nach den bisherigen Erfahrungen nicht gut stehen. — Professor Dr. Hugo Preisz wurde zum Sanitätsrath ernannt. — Dr. Adolf Schermann wurde zum Oberphysikus der Hauptstadt kandidirt. " Amerika. G. 6. New - Avrk, 28. Dezember. Am 30. v. Mts. ist Frau Amanda Moß in Philadelphia gestorben. Durch ihren Tod wurden die von ihrem vor zwei Jahren verstorbenen Gatten Lucian Moß vermachten Legate rechtskräftig. Die bedeutendsten darunter sind 60 000 Dollars für das jüdische Hospital und 6000 Dollars für das jüdische Waisenhaus. — Dr. Richard Gottheit, Professor der orientalischen Sprachen am Columbia - College in New - Jork, hat in einer Ansprache an die Mitglieder des Klubs „The Judaeans" sich als einen „Zionisten durch und durch" bekannt/ Der Klub war ursprünglich als Gegengewicht gegen den zionistischen Klub „The Maceabbeans" gegründet' worden. — In Cincinnati ist am 10. d. M. der Millionär und frühere Senator Karl Fleischmann im 64. Lebensjahre gestorben. Er war aus Ungarn gebürtig und vor 30 Jahren nach Amerika gekommen, wo er die Preßhefesabrikation einbürgerte. In seinem Testamente bedachte er die jüdische Wohlthatigkeitsgesellschast mit 2000 Dollars, das Altersversorgungshaus mit 1000 Dollars, das Hospital mit 1500 Dollars das katholische und das Negerwaisenhaus mit je 1000 Dollars.' Kon Pah und Fern. — Kommerzienrath Hugo Landau hat vom Könige von Serbien das Kommandeurkreuz, des Takowa - Ordens erhalten. — Die Privatdozenten für Ohrenheilkunde, Dr..Louis Jacobson und Dr. Benno Baginski-Berlin, der Privatdozent für innere Medizin Dr. Stern in Breslau und der Privatdozent für klassische Philologie daselbst, Dr. Leopold Cohn, haben den Titel „Professor" erhalten. — Die Rechtsanwälte Wilhelm Bruck-Berlin, Löwenstein in Frankfurt a. O., I. Ph. Benfey und Ascher in Hannover haben den Titel'Justizrath erhalten. Die belletristische Zeitschrift „Daheim" bringt folgendes Inserat: „Bitte! Für einen 39 jährigen, seit 1892 Jnternirten, jüdischgalizischer Herkunft, aber des Deutschen mächtig und Uebertritts gewärtig, bitte ich Christlich-Gesinnte um Anstellung als Hausdiener sofort. Gefl. Angebote an . . . (folgt der Name eines Gefängnißgeistlichen). — Für die Zwischenzeit des Einreißens der alten und des Wiederaufbaues der neuen Synagoge in Schwetzingen wurde 'die Erlaubniß von hoher Stelle ertheilt, daß die Abhaltung des Gottesdienstes in einem Vorsaale des rechten Zirkelhauses im großherzoglichen Schlosse in Schwetzingen stattfinden dürfe. Das Schloß befindet sich am Eingang des weltberühmten, vielbesuchten Schwetzinger Schloßgartens. — Frau Baronin Hirsch-Gereuth hat der jüdischen Elementar-(Armen-) Schule in M e m e l zum Ankauf und zur Einrichtung eines Schulhauses 20000 Mark geschenkt. — Für die durch die Exzesse in Prag geschädigten jüdischen Kaufleute sind bisher 50 000 Gulden aus Deutschland, davon 16 000 von Rothschild aus Frankfurt a. M., eingelaufen. — Ein. polnischer Antisemitenverein in Lemberg hat einen Preis für ein ä n t i s e m i t i s ch e s T h e a t e r st ü ck ausgeschrieben. Als Hauptbedingung wird angegeben: Judenhetze mit Musikbegleitung. — Eine große Versammlung, an dermehrereHundertStudenten derB rü sseler Universität theil nahmen, beschloß eine scharfe Protestkundgebung gegen die Haltung der Pariser Studentenschaft in der Dreyfus-Sache. Der Protest erklärt die antisemitischen Tendenzen eines Theiles der Pariser Studentenschaft für schmachvoll, das Vorgehen der Behörden in der Dreyfus-Sache für eine Verletzung des internationalen Rechtsgefühls. Zahlreiche Senatoren und Deputirte wohnten der Versammlung bei. — Auch das diesjährige Budget der französischen Republik enthielt die üblichen Posten': Personal der jüdischen Gemeinden 133 530' Francs, jüdisches Seminar 22 000 Francs, endlich Erhaltung der jüdischen und protestantischen Gebetshäuser (diese Positionen sind immer zusammen) 6! 000 Frästcs.— Einer der Gründe, daß I. Cornöly in Paris sich verhältnißmäßig leicht dazu entschloß, den „Gaulois" zu verlassen, dessen politischen Theil er seit 1882 leitete, um zum „Figaro" überzugehen, ist, daß ihm, dem katholischen Royalisten, der vor nicht sehr langer Zeit getaufte Herausgeber des „Gaulois", Herr Arthur Meyer, zu —antisemitisch war! Herr Cornely konnte sich nicht entschließen, den Juden Dreysus so zu mißhandeln, wie Herr Arthur Meyer dies erwartete und forderte, er lehnte es ab, über den Fall in seinem Blatte zu sprechen, da er es nicht in feinem Sinne thun konnte, und daraus entstanden Reibungen. t- Pros. Sadon in Pisa ist zum Rektor der dortigen Universität erwählt worden. — Das Ministerium der Volksaufklärung in Rußland erklärte, daß Frauen mosaischer Konfession nicht die Würde eines Melamed (Lehrer), die zur Eröffnung eines Cheder (jüdischen Schule) berechtigt, ertheilt werden kann, da diese Würde ausschließlich Personen männlichen Geschlechts zusteht. — In Konstantinopel soll ein spagnolisches Rabbinerseminar mit Unterstützung der Alliance Israälite. Universelle gegründet werden. — Robert Essendi Misrachi, Dolmetsch in A d r i a n o p e l l ist zum Direktor der politischen Angelegenheiten der Provinz ernannt worden. — David Essen di Levy und Monachem Essendi Levi in Jan i na haben den Osmanie - Orden, Isidor Gersonin Konstantinopel den Medschidie - Orden erhalten. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.