Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1897)
- Date
- 1897-12-31
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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61. Jahrgang. Nr. 53. ßerlm, 31. fflejerakr 1897. WeiLcrge zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Drutschlan-. k. Berlin, 26. Dezember. Die letzte diesjährige Sitzung der Repräsentanten-Versammlung währte nur eine halbe Stunde. Sie war..erforderlich geworden, weil der Rechnungsabschluß der Gemeindehauptkässe, der ja schon mehrmals der Vertagung verfallen war, noch vor der Jahreswende erledigt sein muß. Die Schriftstücke über denselben sind von Herrn Isidor Sachs eingehend geprüft und als richtig befunden worden. Zur Nachbewilligung stehen an Bureaukosten von 3883,90 Mark, 1400 Mark für den Rückkauf von Synagogenplätzen und 66 Mark für den Jugendgottesdienst. Die Nachbewilligung wird ausgesprochen und der Kasse Decharge ertheilt. — Punkt 2 betrifft die Nachbewilligung der Kosten für die Verlegung des Bureaus der Armenkommission. Die Vorlage gelangt nach einem kurzen Referat des Herrn Manheimer durch die Bewilligung der Summe von 944 Mark einstimmig zur Annahme. — Für eine Vorlage betreffend die Erweiterung der der Gemeinde gehörigen Miethsräume auf dem städtischen Viehhofe wird die Dringlichkeit ausgesprochen und die Erhöhung der Miethe von 960 auf 1320 Mark von der Versammlung bewilligt. Vor Eintritt in die Verhandlungen erstattete der Vorsitzende, Herr Landsberger, zunächst Bericht über die außerordentlich würdige und vornehme Feier der Religionsschule und hob besonders die hervorragende Thätigkeit des Herrn Rektors Dr. Adler lobend hervor. Sodann machte er der Versammlung die Mittheilung, daß am 1. Januar das 25jährige Jubiläum des Herrn Prof. Israel im jüdischen Krankenhause gefeiert wird, wozu die Einladungskarten vom Vorstande eingegangen sind. Nach fernerer Mittheilung sind die durch die Repräsentantenversammlung festgesetzten Statuten für das Waisenhaus vom Gemeindevorstand angenommen worden; wegen der Neubildung des Kuratoriums sollen später besondere Anträge gestellt werden. £2 Berlin, 26. Dezember. Auf vielfache Anfragen aus betheiligten Kreisen theilen wir hierdurch mit, daß das Circular des Vorstandes des deutschenRabbiner-Verbandes statutengemäßnurandieMitglieder des Central-Ausschusses, und nicht an die einzelnen Mitglieder des Verbandes ergangen ist. S£2 Berlin, 23. Dezember. Soeben ist der ausführliche Bericht über das Krankenhaus für die Jahre 1687—1896/97 erschienen, in dem die erfreulichen Resultate, die dies Institut in dem letzten Dezennium erreicht, ausführlich dargelegt werden. Wir kommen auf den Inhalt dieses werthvollen Berichtes in nächster Nummer zurück. o. Berlin, 28. Dezember. Gelegentlich der im jüdischen Mädchenstift, Münzstraße 23, stattgehabten Chanukahfeier, welche durch eine Ansprache des Vorsitzenden, Waisenhausdirektor Dr. Strelitz, und durch Gesang der Zöglinge begangen wurde und mit einer Bescheerung derselben verbunden war, konnte der befriedigende Fortgang des Instituts, wie er sich besonders aus der Bewährung der entlassenen Mädchen im Dienstbotenberuf ergiebt, mit Genugthuung hervorgehoben werden. Wie schon früher zwei ehemalige Zöglinge, so konnte auch diesmal wieder ein Mädchen zur Belohnung für mehrjährige treue Dienste bei derselben Herrschaft mit den Zinsen einer eigens hierzu bestimmten Stiftung ausgezeichnet werden. £2 Berlin, 29. Dezember. Aus den deutschen Litteraturvereinen erfahren wir: In Brandenburg sprach Rabb. Dr. Petuchowski über „Die sozialen Pflichten des Judenthums nach dem Talmud", Rabb. Dr. Rieger, Potsdam, über „Die Kulturgeschichte der Juden in Deutschland", in Eisenach Landrabb. Dr. Salzer über „Die Empörung des Bar Kochba gegen Rom", in Essen Rabb. Dr. Samuel über „Die Entstehung der Bibel als Schriftwerk", in Köthen Rqbb. Dr. Seligkowitz über „Der Humor im Talmud" und über „Die Prinzipien bürgerlicher Tugenden im Talmud", in Düsseldorf Rabb. Dr. Nobel, Köln, über „Schopenhauer und das Judenthum", in Frankfurt a. M. Rabb. Dr. David, Düsseldorf, über „Das Familienleben der deutschen Juden im Mittelalter", in Würzburg Seminarlehrer Weißbart über R. Josef Karo, Dr. Unna über „Die soziale Frage im alten Judenthum", in Mannheim Professor Dr. Geiger über „Goethe und die Juden", in Schwetz «. Oder Rabb. Dr. Königsberger, Pasewalk, über „Proselyten im Judenthum", in Hirschberg Fabrikant Frankel über Uriel Acofta und Rabb. Dr. Goitein, Nachod, über „Die Geschichte des Talmud", in Krotoschin Lehrer Margolins über „Die Berliner Salonzeit", in Ostrowo Rabb. Dr. Bloch, Posen, über „Die Memoiren der Glückl von Hameln, in Tilsit Direktor Dr. Barnaß, Pfungstadt, über Jehuda Halevi, in Memel Rabb. Dr. Rülf über „Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Memel, in Thorn Dr. H. Pinn über „Der Jude als Romanfigur", in Königsberg Kand. phil. Mohlewer über „Die kulturellen Gegensätze der Makkabäerzeit". — Neue Litteraturvereine sind in Duisburg und Wreschen begründet worden. £2 Berlin, 27. Dezember.. Hiesige und auswärtige Blätter brachten jüngst die Nachricht von der Ernennung eines Juden zum Landgerichts- Direktor. Diese Meldung beruht auf einem Jrrthum. Der in Rede stehende Herr ist seit mehreren Jahren zum Christenthum übergetreten. Auch der Schluß der betr. Meldung ist unseres Wissens nicht ganz zutreffend. Es giebt nicht drei oder vier, sondern, soweit uns bekannt ist, nur zwei Oberlandesgerichtsräthe jüdischen Glaubens in Preußen-, die allerdings, wie in der betr. Notiz bemerkt wird, aus der Zeit des Schellingffchen Justizministeriums stammen. £2 Berlin, 26. Dezember. Am 23. d. Mts. starb hier Generalkonsul William Schönlank im Alter von 84 Jahren nach längerer Krankheit. Schönlank zählte zu den bekanntesten und angesehensten Mitgliedern der Berliner Handelswelt. Aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, hatte er es verstanden, durch Rührigkeit, kluge Berechnung und unternehmenden Geist Reichthum zu erwerben. Er betrieb den Handel von großen Gesichtspunkten aus. Mit scharfem Blicke erkannte er in jungen Jahren, welche große Zukunft dem Handel mit Farbwaaren bevorstand. Er sah richtig ein, daß mit dem steten und kräftigen Wachsthum der Industrie die Steigerung des Bedarfs an Farbwaaren gleichen Schritt halten müsse. Es -war dies die Zeit, wo an die Gewinnung von Farbstoffen durch den chemischen Prozeß noch nicht zu denken war. Nur pflanzliche und thierische Farbstoffe kamen in Frage, vor allem das Indigo und die Cochenille. Der Import dieser beiden Waarenarten lag. damals in britischen Händen. Es erklärt sich dies aus der Vorherrschaft des englischen Handels vornehmlich in Indien und am Kap der guten Hoffnung. Schönlank hat das hervorragende Verdienst, Deutschland in Hinsicht auf den Bezug . von Indigo und Cochenille bis zu einem gewissen Grade von dem englischen Handel unabhängig gemacht zu haben. Mit ausnehmender Geschicklichkeit und kühnem Wagemuth richtete Schönlank ein Netz von Handelsstellen ein, dessen Hauptpunkte er in Berlin, London und Kalkutta festlegte und in dem die Wege für den Gang der deutschen Indigo- und Farbstoffeinfuhr vorgezeichnet sind. Die von William Schönlank begründete Firma „Sal. Schönlank Söhne" erlangte in ihrem Handelsgebiete einen Weltruf. Das allein aber hätte Schönlank nicht die Schätzung und Verehrung eingetragen, die ihm von allen Seiten entgegengebracht wurde. Schönlank fühlte die Pflicht, von dem Reichthum, den er erworben, zum Besten der Allgemeinheit, für wohlthätige und ideale Zwecke entsprechend herzugeben. Vor allem wären, es Unternehmungen zur Natur- und Völkerkunde, in deren Dienst er gern und oft seine Mittel und seine Arbeit stellte. Er hatte auf seinen Reisen ein gutes Stück der Erde kennen gelernt und in das Leben der Natur und der Menschen in fernen Gegenden manchen Blick gethau. Er war nicht Kenner der Natur- und Völkerkunde, sondern Liebhaber, und zwar ein Liebhaber, wie die zünftigen Fachgelehrten ihn sich nicht.