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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-31 · Heft 53 (31.12.1897) · p. Seite 635

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 53 (31.12.1897)
Date
1897-12-31
Page
Seite 635 (sequence 11)
Language
German
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635 Wohl alles Leben ist ein Kampf zu nennen, Ein Kampf, da nur dem Starken winkt der Sieg; Und die Geschichte lehret uns're Kraft uns kennen. Zeigt, welche Höhen unser Volk erstieg. Den Leib uns konnten sie, doch nicht den Geist verbrennen — Der kämpft um Freiheit heute noch den Krieg! Und Geisteswaffen nur sind rechte Wehre Dem Gottesvolk im Kampf um Gottes Ehre. Einst uns're Ahnen um die Freiheit rangen, Sie sprengten kühn des frechen Syrers Joch. Heut' halten and're Ketten uns gefangen. Und auf den Zinnen kämpfend steh'n wir noch. Fern unser Ziel — ob wir dahin gelangen? Stürmt vor, Ihr Freunde, uns're Fahnen hoch! Der Makkabäer Geist weih' uns're Waffen! Das Buch als Schwert wird Fried' und Sieg uns schaffen! Biel große Völker hat die Zeit, die mächt'ge, Hinweggetilget aus der Völker Reih'n; Hellas sank, und Roma fiel, die prächt'ge. Aufrecht Juda blieb allein! Und ob auch schwer noch Geistesschlaf, der nächt'ge. Oft uns'rer Brüder Denken hüllet ein! Das Morgenroth erhellet schon die Höh'n, Und jung im Wissensglanz wird Juda steh'n! aff» Kprechflaal. Geehrter Herr Redakteur! ie es scheint, stehe ich durchaus nicht allein mit meiner Ueberzeugung, daß die zionistische Bewegung sich in falschem Fahrwasser befindet, und daß es dringend nothwendig ist, die jüdischen Massen vor gefährlichen und phantastischen Plänen zu warnen. Eine Bewegung muß darum, weil sie edel und gutgemeint ist, noch lange nicht praktisch und erfolgverbürgcnd sein. In der wirklichen Welt schauen die Dinge nämlich ganz anders aus als in der Welt mit Gänsefüßchen. Wer in unserem irdischen Jammerthal Rosen pflücken will, muß sich mit dem Gedanken befreunden, sie vom dornigen Strauch zu holen. Nur in der zukünftigen Welt und in der Welt mit Gänsefüßchen ist alles rosig, ohne Dornen. Ein genauer und nüchterner Kenner fast aller Vilajets des türkischen Reiches schreibt mir unter Anderem: „Auch ich bin Ihrer Ansicht, daß die Herren Zionisten die Sache vom verkehrten Ende anfangen wollen und besser thäten, erst einige Jahrzehnte orientalische Luft zu athmen, bevor sie sich auf Unternehmungen einlassen, die vom grünen Tisch aus betrachtet so einfach und schnell durchführbar erscheinen. Wenn sie es bis zur Gründung einer Kolonie bringen, so mögen sie vor der Hand zufrieden sein. Reiche sind schneller zerstört als aufgebaut, besonders wenn sie von Juden gebaut werden sollen. . Ein hervorragender Rabbiner in Oesterreich äußert sich wie folgt: „Es freut mich sehr, daß Sie ein Gegner des Zionismus, wie ihn „die Welt" vertritt, sind, und daß Sie ein erreichbareres Ziel aufstellen, die Gründung einer Kolonie, die zu einem Staate herauswachsen kann, und nicht die Gründung eines Judenstaates, der bestenfalls zu einer armseligen Ackerbaukolonie zusammenschrumpfen würde, zu einer Ackerbaukolonie, wie wir einige solche schon in Palästina und selbst in Rußland besitzen. Es freut mich auch sehr, daß Sie nicht den Gedanken vertreten, einen Staat auf Aktien zu gründen, obwohl freilich die von Herzl erträumte Milliarde die rumänischen, galizischen und russischen Juden am meisten lockt. . ." Ein berühmter Gelehrter schließlich meint: „Sie haben ganz Recht: die Idee, Palästina wieder zu judaisiren, ist eine utopische. Schon als Baron Hirsch daran ging, eine Judenkolonie großen Stiles zu schaffen, wurde die Frage, ob nicht Palästina das geeignetste Land dazu wäre, nach eingehendster Prüfung aller Verhältnisse verneinend beantwortet. Ob man freilich anit Argentinien das Richtige getroffen oder ob Sie etwas Besseres vorzuschlagen vermögen, tlrat is the question. Man darf deshalb wohl neugierig sein auf Ihre Vorschläge. Wie werden Sie aber unsere gewiß nicht unberechtigte Neugierde befriedigen, wenn Sie den „Tamtam" der Publizität verschmähen? Das Klappern gehört zum Handwerk. In diesem Punkte werden Sie es wohl oder übel den „Zionisten" gleichthun müssen. . ." Daraus möchte ich nur erwiedern: den Tamtam überlasse ich Anderen; mir genügt es, diskutirbare Projekte vorzulegen und - durchzuführen. Die „Zionisten" werden dann allmälig sich in einfache „Kolonisten" verwandeln, freilich nicht in Tamtamkolonisten, sondern in ernste Männer, die erreichbare Ziele erstreben. Ihr verehrungsvoll ergebener München, 18. Dezember. Dr. E. Glaser. * Sehr geehrter Herr Redakteur! einem hiesigen Blatte schreibt der Korrespondent aus Bukarest: In Rumänien eine Juden hetze — eher hätte man sich vielleicht des Weltuntergangs versehen. Aehnlich scheint die Anschauung der Redaktion zu sein, da sie neulich die Exzesse in Bukarest nicht im Einklang mit dem rumänischen „Kulturvolk" fand. Es ist geradezu erstaunlich, daß eine derartige Meinung sich herausbilden konnte. Die Stellung der Juden in Rumänien ist weitaus schlimmer als in irgend einem Lande — Rußland nicht ausgenommen. Jeder Bericht der Alliance Israelite hat über die Behandlung der Juden in Rumänien zu klagen. Als Maßstab mag Ihnen hierbei gelten, daß die Alliance sich um „Antisemitismus" nicht kümmert — nur um Entrechtung der Juden. Ueber Deutschland, auch Oesterreich, finden sich in den Alliance-Berichten keine Mittheilungen, das sind Rechtsstaaten, in denen die Juden allein fertig werden müssen. Sie können danach ermessen, daß die regelmäßig wiederkehrende Klage über Rumänien wirklich böse Zustände voraussetzt. In der That waren die Vorgänge in Bukarest sensationeller, aber nicht schlimmer als das, was die Juden Rumäniens täglich zu erdulden haben. Wenn hundert Menschen in einem Schiff untergehen, so wird mehr von ihnen gesprochen als von den Tausenden, die täglich an Tuberkulose sterben Aber gestorben sind Diese nicht weniger als die Anderen. Der Berliner Kongreß hatte — im Interesse der Juden — die Gleichberechtigung aller Unterthanen in Rumänien statuirt. Rumänien schlug der Diplomatie ein Schnippchen, indem es seine 300 000 Juden — als Fremde betrachtet, mit Ausnahme von etwa zwei bis drei Dutzend, die — jeder durch besonderes Gesetz — naturalisirt sind. Die Juden Rumäniens haben danach keine Rechte — sie sind ja Fremde. Wohl aber haben sie dieselben. Lasten zu tragen oder noch mehr Lasten als der rumänische Bürger. Hierfür zwei Beispiele. In die Staatsschulen werden Juden, die für die Erhaltung der Schulen ebenso Steuern zahlen wie die Christen, nicht ausgenommen. Als sie eigene Schulen errichteten, wurde verfügt, daß sie für die Schulprüfung jedes Kindes einen jährlichen Betrag an die staatliche Schulbehörde zu zahlen hätten — ich glaube 30 Leu. Die Juden haben also zu zahlen: 1. für die Staatsschulen, 2. für ihre eigenen und 3. für Staatsinspektion. Ebenso hatten die Juden, obgleich nach rumänischem Gesetz nicht Unterthanen, Militärdienst zu thun. Auf die Dauer wäre diese Anomalie zu schreiend gewesen, und der Militärdienst sollte daher durch eine Abgabe ersetzt werden. Dagegen protestirten die Juden, ihr Protest wurde der Ausgangspunkt der letzten Unruhen. Daß der „gesetzliche" Zustand, nach welchem der Jude alle Pflichten und keine Rechte hat, in den kleinen Städten und der Provinz häuflg eine noch drastischere Auslegung findet als in der Hauptstadt, bedarf keiner Erwähnung. Hierbei möchte ich hervorheben, daß das gewöhnliche Volk in Rußland im Allgemeinen gegen die Juden gutartiger ist als seine Gesetze und seine Leiter, während in Rumänien alle Kreise in Verfolgung der Juden wetteifern. Rumänien, welches immer über Bedrückung der Rumänen in Ungarn klagt und durch erlogene Mittheilungen die Freimaurer in Frankreich, Italien und anderen romanischen Ländern, in Italien auch einige Hundert Abgeordnete, zu Protesten gegen die Tyrannei „Ungarns" veranlaßt hat, hat den Ruf eines Kulturstaates nur durch Zufälle bewahrt. Einmal dadurch, daß es in letzter Zeit die Aufmerksamkeit Europas nicht erregte und daher unbeachtet thun konnte, was es wollte. Zweitens durch den Zufall, daß die Opfer seiner Unterdrückungssucht Juden sind. Hochachtungsvoll Dr. H. M. C o h n.

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