Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1897)
- Date
- 1897-12-31
- Page
- Seite 634 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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634 Was man einer Pfarrersköchin anvertraut, bleibt nicht lange Geheimniß, und so kam es denn bald um das ganze Dorf herum, der Haüsirer Abraham habe heidenmäßig viel Geld, und jedes von seinen Kindern bekäme nach seinem Tode mindestens zehntausend Gulden. Abraham lächelte dazu und schwieg. Er war nicht stolz auf sein Vermögen und ging nach wie vor mit seinem Bündel von Haus zu Haus, bis er eines Tages unter der Last zusammensank. Der Gemeindediener brachte ihn nach Hause zu seinen sieben Kindern, es wurde der Arzt geholt,, und die Pfarrersköchin schickte ihm Abends, eine Suppe, denn sie hatte den Abraham immer gern gesehen wegen seines Humors. Aber er erholte sich nicht wieder. Von Tag zu Tag wurde cs schlechter mit ihm. Als er sah, daß es zu Ende gehe, ließ er den Gemeindevorsteher zu sich bitten. „Nun, Abraham," sagte dieser, „Ihr wollt mir wahrscheinlich Mittheilungen machen wegen des Vermögens, das Ihr, wie ich gehört habe, Eueren Kindern hinterlasiet." „Jawohl," seufzte der Haüsirer, „das will ich. So hören Sie denn mein letzten Willen. Auf dem Boden oben steht eine Kiste. Sie ist fest vernagelt, und außerdem hängt auch noch ein Vorhängeschloß daran. Hier ist der Schlüssel dazu. Diese Kiste lassen Sie anfmachen, wenn ich todt bin. Sie enthält das Vermögen meiner sieben Kinder." Noch am selben Abend hauchte Abraham seinen letzten Seufzer aus. Weinend umstanden die Sieben das Todtenbett. Am Morgen darauf kam der Gemeindevorsteher ins Sterbehaus. „Seid ruhig." tröstete er die armen Würmer, „für Euch ist gesorgt. Ich gehe jetzt auf den Boden und laste in Gegenwart von zwei Zeugen die Kiste öffnen, worin Euer Vermögen liegt." Die Kiste wurde aufgemacht und von oben bis unten durchgesucht, aber von einem Vermögen wollte sich nichts zeigen. Schon wollte der Gemeindevorsteher wieder gehen, als der eine der beiden Zeugen einen alten Strumpf auf dem Boden der Kiste entdeckte. Er hob ihn auf, und richtig, es war etwas darin — ein Papier, sorgsam zusammengefaltet und mit einer Aufschrift versehen, die aber Niemand lesen konnte, denn sie war hebräisch. Man holte einen Juden herbei. Die Aufschrift lautete: An den Herrn Salomon Maier Rothschild in Wien. „Donnerwetter! platzte der Gemeindevorstand heraus, das laste ich mir gefallen. Ein Haüsirer, der sein Vermögen bei Rothschild deponirt." Nun ging's an den Inhalt des Schreibens. Da war nun freilich keine Rede von einem Vermögen. Der Brief lautete ganz einfach: Herr von Rothschild, ein armer Haüsirer vermacht Ihnen seine sieben Kinder. Sie werden sie nicht verderben lasten. Der Gemeindevorsteher war wie aus den Wolken gefallen. „Ist das ein Einfall," murmelte er dann, „dem Rothschild seine Kinder zu vermachen! Der wird sich bedanken für so ein Legat. Der Abraham muß nicht bei Tröste gewesen sein." Was war zu thun? Der Gemeindevorsteher trug die Sache dem Ortsältesten vor. Einer sagte dies, der andere jenes, aber zuletzt kamen sie alle darin überein, daß man den letzten Willen des Verstorbenen ehren und den Brief an Herrn Salomon Maier Rothschild absenden müsse. Und so kam denn Herr Baron Salomon Maier Rothschild eines schönen Morgens auf seine Schreibstube und fand unter anderen Briefschaften auch das sonderbare Legat des Hausirers Abraham. Rothschild deliberirte nicht lange. Er ließ einen Buchhalter rufen und sprach: „Da, sehen Sie, was ich für ein Glück gemacht habe. So eine Erbschaft hätte ich mir nicht träumen lassen. Aber was der Herr uns bescheert, daß darf man nicht zurückweisen. Machen Sie sich sogleich fertig, nehmen Sie an Geld mit, was Sie glauben, und fahren Sie hin in das galizische Nest. Lassen Sie die sieben Rangen gehörig waschen Hitb kämmen, kaufen Sie ihnen saubere Wäsche und Kleider, und bringen Sie mir sie her. Das Weitere wird sich finden." So kamen die Kinder Abrahams nach Wien und wurden die Adoptivsöhne und Töchter vom Baron Salomon Maier Rothschild. Abraham hatte keine Fehlbitte gethan. Rothschild versorgte die Sieben so gut, daß Abraham im Paradiese seine Freude gehabt hätte, wenn er sie hätte sehen können. Er ließ die Kinder auf das Beste erziehen, machte aus den Knaben tüchtige Geschäftsmänner und verheirathete die Mädchen, wobei er es natürlich an einer Aussteuer nicht fehlen ließ. Eine davon war die Frau des Bankiers Goldsand, der lange Zeit hindurch in Wien ein sehr lukratives Geschäft betrieb, bis er leider infolge unglücklicher Spekulationen fallirte. Aber nur Wenige wußten von der edlen Handlung Rothschilds, der seine Wohlthaten ebenso wenig an die große Glocke zu hängen pflegte wie seine Geschäfte. In dem galizischen Dorfe aber sprach man lange von nichts Anderem als von dem Testamente des alten Juden, und wenn die Pfarrersköchin Besuch bekam, war es das Erste, daß sie die wunderbare Geschichte erzählte von dem Haüsirer Abraham und seinen sieben Kindern, die Rothschild zu sich nach Wien genommen. rZML Prolog;ur Chanukah-Feier drs Vereins für jüdische Geschichte und Fitteratur. von Henriette Hirschberg. in böser Feind umlauert uns're Tage, Schleicht plündernd ein in unser Heiligthum — Und sollten schwinden seh'n wir still, in Klage, Den Hort, der uns'rer Väter höchster Ruhm? Ob muthlos auch manch schwaches Herz verzage. Wir sah'n uns schon nach guter Waffe um: Unwissenheit, den grimmen Feind, wir heiß bekriegen. Und unser Schriftthum ist das Schwert, damit wir siegen. Wir hatten uns befreit aus engen Banden, So die Vergangenheit uns legte an; Die Geistesknechtschaft schmerzlich wir empfanden. Wir schufen unfern Kindern freie Bahn. Wir glaubten uns're Lehre neu erstanden, Doch sieh! Das Werk war mangelhaft gethan. Und nur ein Haus, auf Felsengrund errichtet. Bleibt in den Wogen, Stürmen unvernichtet. Hier ist der Felsengrund! Wir haben ihn gefunden! Hier bau'n wir fort, wir bau'n für ew'ge Zeit; Wir lernen unser Volk versteh'n, erkunden Aus der Geschichte der Vergangenheit! Was krank am Judenthum, hier wird's gesunden. Hier ist der Quell, der unfern Geist erneut! Aus uns'rem Schriftthum, unserer Geschichte Blüht unser Wesen auf in klarem Lichte!