Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1897)
- Date
- 1897-12-31
- Page
- Seite 633 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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633 vollständige Gesammtausgabe der Werke der Dichterin verdanken. Es kann als ein klassischer Beleg dafür gelten, wie weit das Vorurtheil einen sonst geschmackvollen und gebildeten Kritiker zu führen vermag: Natürlich hat der Akten-Auszug nicht seinen Beifall. „Jedenfalls kann zur Entschuldigung der 'Handlungsweise des armen Hermann nur Geistesstörung angenommen werden." Wenn sich also ein Mörder aus Gewissensbissen selbst tödtet, so muß er verrückt sein. „Die Hervorhebung des „Schicksals" oder gar die Auffassung des Selbstmordes als eine Art „Gerechtigkeit" berührt in einem trockenen Aktenstück etwas unangenehm und erinnert zu sehr an die Litteratur." Ich meine, wenn etwas an quellendes Leben erinnert, fßift e§ 'fcfefe Sluffctffung unb bie§ „trockene Aktenstück" überhaupt. Und frohgemuthknüpft Kreiten an diesen Tadel den folgenden: „Auch daß der Selbstmord eine Folge der Zauberformel sein soll, paßt eher in ein Phantasie - Gemälde; wahrscheinlich hat eben die Furcht vor der Wirkung der Formel das schwache Hirn des Mörders ganz verwirrt und hierdurch die Wirkung hervorgebracht." Im Akten- Auszug steht das Gegentheil; so nachdrücklich, als einem objektiven Bericht möglich, wird der Auffassung entgegengetreten, daß der Selbstmord eine Folge der Zauberformel fei; so nachdrücklich als möglich wird hervorgehoben, daß er eine Folge der Gewiffensbiffe und darum, um mit Kreiten zu sprechen, „eine Art Gerechtigkeit" ist; Kreiten weiß dies und tadelt es, aber nachdem er diesen Tadel vorgebracht, legt er in den Auszug das Gegentheil hinein und tadelt auch dies! Aber dies ist Kinderspiel gegenüber Kreitens Beurtheilung der Novelle. Ich gestehe, ich hätte derlei selbst in unseren traurigen Zeiten nicht für möglich gehalten. Aber die Stelle liegt vor mir (Band IV. der Kreitenschen Ausgabe der „Gesammelten Werke", S. 19. Münster und Paderborn 1886); sie lautet wirklich so, wie ich sie mittheile. Zu Hüffers Bemerkung: „In der „Judenbuche" beruht der Schluß auf dem eigenthümlichen Dunkel über die Person des Mörders, der sich erst durch den Selbstmord entdeckt," macht Kreiten die folgende Gloffe: „Unserer persönlichen Meinung nach bildet jenes Dunkel über den eigentlichen Thäter und die Art des Mordes am Fürsten zwar eine recht Droste'sche Eigenthümlichkeit; allein sie dürfte doch der klaren Kunst nicht sehr entsprechen. Was nun gar das Ende Mergels betrifft, so hält H. Hüffer daffelbe für einen Selbstmord, wir dagegen sind der Ansicht, daß ein Mord durch Juden vorliegt. Ein Krüppel wie Mergel konnte unmöglich allein einen hohen Buchenstamm erklettern und sich in der Höhe aufhängen. Man vergleiche nur den Hergang des Selbstmordes im Auszugs; übrigens ist eine Vergleichung der Dichtung mit den Akten auch insofern von Jntereffe, als in diesen der Freiherr um ein ehrlich Begräbniß Hermanns, des anerkannten Selbstmörders, einkommt; in der Dichtung aber einfach gesagt wird: „Die Leiche ward anf dem Schindanger verscharrt."" Mit anderen Worten: Wer nach Auffassung der Dichterin den Juden Aaron erschlagen hat, ob der „Lumpenmoises" oder Friedrich, ist nicht festzustellen. Gewiß aber, ist, daß sie dargestellt hat, wie die Juden aus Rache den vermeintlichen Thäter ermordet haben. Und ihre Rache war eine vollständige; sie haben ihr Opfer sogar um ein ehrliches Leichenbegängniß gebracht! Sollen wir derlei nun ernstlich widerlegen? Sollen wir an die *) Dort hängt sich der Winkelhannes so niedrig auf, „daß er mit den Füßen das Herbstlaub unter sich iveggescharrt hatte". Briefe der Dichterin erinnern, worin sie „den Hauptumständen nach" das wirkliche Geschehniß, also die Ermordung eines Juden durch einen Christen und den Selbstmord des Mörders darstellen wollte? Sollen wir. auf die Novelle^ selbst' verweisen, die keinen Zweifel darüber läßt, daß die Dichterin Mergel als Mörder und Selbstmörder dargestellt hat? Was sagt Johannes-Friedrich, als man ihm erzählt, daß der „Lumpenmoises" der Thäter gewesen? „Also ganz umsonst so viel ausgestanden!" — es wäre das lange Umherirren in der Fremde gar nicht nöthig gewesen! Oder sollen wir Herrn Kreiten darauf verweisen, daß einer Dichterin, die in ihrer romantischen Willkür die Wiederkehr Mergels auf den Weihnachtsabend 1788 und seinen Selbstmord auf den September desselben Jahres ansetzt, ganz andere Verstöße gegen die Wahrscheinlichkeit zuzumuthen sind als der, daß ein Krüppel sich an einer Eiche aufhängt?! Und daß die Dichterin die Leiche nur deshalb einscharren läßt, damit eben jede andere Vermuthung als die des Selbstmordes ausgeschlossen sei? Dies Alles braucht Herrn Kreiten nicht gesagt zu werden, denn er weiß es so gut. wie irgend Einer. Nur Eins muß noch gesagt sein: Im Jahre 1818 hat August von Haxthausen, der erzultramontane, erzkonservative Mann seinen Akten-Auszug drucken lassen; im Jahre 1886 hat Wilhelm Kreiten sein Urtheil veröffentlicht. So erweist sich auch hier, wie Wahrheitsliebe und Menschlichkeit auf der ganzen Linie sieghaft vorwärts drängen. Ach, sie werden bald die Welt erobert haben. EUILLETON Eine Erbschaft Rothschilds. 'ls der bekannte Anselm Rothschild noch ein Knäbchen war, da lebte in einem galizischen Dorfe ein armer.jüdischer Hausirer, den der Herr mit sieben Kindern gesegnet hatte. Er hatte spät geheirathet und stand bereits im Abend seines Lebens. Das „Pinker!" wurde ihm oft schwer genug, und wie eifrig er auch von früh bis Abends seinem Berufe nachging, so reichte der Verdienst doch kaum hin für die Sieben. . Zum Unglück starb ihm auch noch die Frau, und er mußte nun auch noch neben dem Geschäft die Haushaltung führen. Aber er ließ deshalb den Muth nicht sinken. „Ist Euch nicht bange, Abraham," fragte den Hausirer eines Tages die Pfarrersköchin, eine seiner besten Kunden, „was einmal aus Eueren Kindern wird! Ihr seid alt, und die Kinder sind alle noch klein. Gott behüte Euch, denn wenn Ihr sterben solltet, ehe sie sich ernähren können, das gäbe ein Unglück." „Ein Unglück ist es immer," erwiederte Abraham, „wenn die Kinder den Vater verlieren, da haben Sie ganz Recht, liebe Jungfer Christine. Ein um so größeres Unglück wäre es bei mir. da die Kinder auch keine Mutter mehr haben. Aber wie kommen Sie mir , vor? Halten Sie mich für einen so leichtsinnigen Mann, daß ich in die Welt setze sieben Kinder und nicht weiß, ob sie werden haben zu leben? Ob Sie mir's glauben, oder nicht. Jungfer Christine, aber ich sage Ihnen, für meine sieben Kinder ist gesorgt." ' Die Pfarrersköchin machte große Augen. : Sollte der Jude sich nur so arm stellen und geheime Schätze haben?