Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1897)
- Date
- 1897-12-31
- Page
- Seite 632 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- 632 - Eine Novelle und ihre Ouellen. Von Karl Emil Franzos. III. achdem die Dichterin die Novelle vollendet, los sie auch jenen Akten-Auszug in der „Wünschelruthe" wieder, dessen sie sich nur noch „den Hauptumständen nach" erinnerte. „Es ist schade," schreibt sie im August 1839 an ihren Freund Schlüter- „daß ich nicht früher darüber kam. . . Das Journal, wird mir übrigens nicht schaden, es ist gar nicht aufgekommen; so fürchte ich die Vergleichung nicht, die sonst jedenfalls zu meinem Nachtheile ausfallen würde, denn einfache Wahrheit ist immer schöner als die beste Erfindung." „Immer" gewiß nicht — ob hier?! Eine Vergleichung des künstlerischen Werthes wäre ein recht müßiges, und fruchtloses Beginnen. Ein Akten - Auszug und eine Novelle! Begnügen wir uns zusagen, daß beide, jedes in seiner Art, vortreffliche Arbeiten sind, auch die Novelle. Zwar kann ich dem Lobe Julian Schmidts nicht völlig beistimmen; gerade „die Aufgabe, das Entsetzliche und Humoristische, Grauen und Ironie so ineinander zu verbinden, daß das Eine das Andere nicht aushebt", erscheint mir nicht völlig gelöst, gleichwohl ist die Kraft und Feinheit der Charakteristik, die Kunst der Komposition gar nicht hoch genug anzuschlagen; die Darstellung, der Dialog erscheinen mir in ihrer Knappheit, Frische und Eigentümlichkeit geradezll bewundernswürdig. Gleiches Lob gebührt ja in Vielem auch dem Akten-Auszug, nur ist und bleibt eben jede der beiden Arbeiten sui generis. Nur eine Frage, die das Künstlerische betrifft, läßt sich meines Erachtens aufwerfen. und entscheiden: ließe sich auch das wirkliche Geschehniß zu einer Novelle gestalten und hätte dann das Problem auch noch psychologischen Werth? Diese Frage ist, wie. ich glaube, unbedingt zu bejahen, aber noch mehr: mir scheint die Wahrheit hier für die künstlerische Darstellung noch lohnender als die Erfindung. Wer der Wahrheit nachschriebe, müßte allerdings auf alle äußere Spannung verzichten; über That und Thäter liegt volles Licht; hingegen ist der dichterischen Phantasie für die Ausmalung des Seelenzustandes des Mörders breiter Raum gegeben: wie er, der nichts mehr zu fürchten hat, als fein eigenes Gewissen, nur diesem unterliegt. Dies hat sich die Dichterin entgehen lassen; was sie dafür eintauscht, ist eine rein äußerliche Spannung, die zudem nur für den naiven Leser besteht; nur dieser kann darüber im Unklaren sein, ob Friedrich oder der „Lumpenmoises" den Juden erschlagen, ferner ob der Heimkehrende Johannes oder Friedrich ist; der kundige Leser weiß dies sofort. In diesem Sinne, was die Ergiebigkeit der Fabel für die dichterische Behandlung betrifft, ist also die Wahrheit hier thatsächlich besser als dje Erfindung. Während mir zu diesem Punkte die Mittheilung meiner Ansicht leicht fällt,' wüßte ich die Frage, ob dem Aktenauszug oder der Novelle der größere kulturhistorische Werth zukommt, nicht gleich sicher zu beantworten. Der erstere stellt objektiver und nüchterner, die letztere romantischer und eindringlicher dar; wo beide aus einander gehen, kann für den Unterschied die verschiedene Zeit, die sie behandeln, sehr wohl eine Erklärung sein. Nur so viel ist zweifellos: das Leben und die Art der Juden sind im Aktenauszug ungleich * wahrheitsgetreuer geschildert als in der Dichtung. Denn der Auszug hält sich von jeder Tendenz fern, was der Dichterin nicht geglückt ist. . Dies lenkt zu einer dritten Frage hin : Wo tritt der menschlich ergreifende Kern des Stoffes, der beiden gemeinsam ist, klarer zu; Tage, aus welcher Aufzeichnung spricht die Ehrfurcht vor dem Recht lauter, mit anderen Worten: welche Auffassung ist sittlicher? Unbedingt die des Aktenaüszugs, weil sie eben die unbefangenere ist. August von Haxthausen hat die Wahrheit geben wollen, nur die Wahrheit. Ihm, dem erzkatholischenEdelmann, erscheint es sicherlich entsetzlich, daß ein „tüchtiger, frischer Bursche" seines Glaubens so lange vom eigenen Vorurtheil und dem seiner Umgebung aufgestachelt wird, bis er seinen Gläubiger um eines halben Thalers willen tödtet, eben weil dieser ein Jude ist, aber weil es geschehen ist, so muß man es eben sagen, ohne den Thäter zu einer Verbrechernatur umzumodeln oder dem Juden eine Schuld aufzubürden. Und weil der Jude auch ein Mensch ist, so muß sich der Winkelhannes selbst richten. , Zu solcher Unbefangenheit und sittlichen Freiheit hat sich die Novelle nicht .emporringen können. Der Haß gegen die Juden ist ein Nebenmotiv geworden; die Hauptschuld liegt an der moralischen Veranlagung des Thäters; er ist eben eine Verbrechernatur und hat schon das Leben eines Christen, des Försters, auf dem Gewissen, wenn auch nicht seine eigene Hand diesen getödtet hat. Zudem provozirt ihn der Jude, indem er ihn ohne Zweck aufs Aergste demüthigt. Auch kleine Zuthaten beweisen die Unfreiheit der Gesinnung. Die Judenfrau, bereu Verzweiflung uns so ergreifend geschildert wird, tröstet sich bald und heirathet wieder; unter den Juden, die sich um die Entdeckung des Frevels mühen, tritt der '„Wucherjoel" in den Vordergrund; damit sich der Verdacht vom Friedrich ablenke, muß der „Lumpenmoises" den Mord an einem Glaubensgenossen eingestehen. Geblieben ist freilich das Beste an dem Stoff: die Ehrfurcht vor dem waltenden Schicksal, das keinen Frevel ungerächt läßt. Auch Friedrich hat nichts mehr zu befürchten; er gilt als „Johannes", der „Lumpenmoises" als der Mörder, und dennoch endet er durch Selbstmord. Aber auch diese Idee tritt hier nicht so klar und rein zu Tage wie in der Wirklichkeit. In Wahrheit schreiben die Juden an den Baum nur, „daß der Mörder, den unser Gott finden wird, nicht eines rechten Todes sterben möge", und als der Winkelhannes davon erfährt, macht ihm dies keinen Eindruck; er glaubt schon um seiner Glaubenstreue willen Gnade vor Gott zu finden. Nicht weil die Juden die Inschrift hingeschrieben, auch nicht aus Furcht vor ihr hat sich der^ Winkelhannes den Tod gegeben, sondern weil „Leben für Leben eingesetzt ist". Seine letzten Gesichte, die ihn quälten, hatten nichts mit den Juden zu thun. Geradezu großartig aber und ein neuer Beweis, daß das Schicksal doch der gewaltigste Poet auf Erden ist, ist eine, andere Thatsache. Der Winkelhannes hat sich in Wahrheit nicht weit von der Stelle getödtet, wo er vor 24 Jahren die Schuhe zur Wallfahrt ausgezogen. Keine Wallfahrt, kein Opferpfennig, keine Beichte kann einen Mord sühnen. Dies alles erscheint in der Novelle durch romantische Zuthaten arg getrübt. Als letztes Mittel zur Rache, nachdem die anderen unwirksam geblieben, schreiben die Juden an den Baum: „Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir gethan!" Die Inschrift wird nur hebräisch mitgetheilt; Niemand versteht sie, weder die Leute noch der Friedrich. (Und auch die meisten Leser nicht!) Gleichwohl wirkt die Inschrift auf den Mörder wie ein Bannfluch von zwingender Gewalt, so daß er sich an der Judenbuche aufhängen muß, und nicht anders kann es der Leser empfinden. Hat die magische Kraft dieser Zeichen den Mörder in den Tod getrieben, oder sein eigenes Gewissen? Es wird Leser genug geben, die das erstere annehmen, so sehr hat die romantische Ueberspitzüng die sittliche Idee getrübt. Als letztes endlich habe ich mitzutheilen, welche Beurtheilung Problem und Ausführung in der ultramontanen Kritik unserer Tage gefunden haben. Ich begnüge mich, ein einziges Urtheil herauszugreifen, das des Jesuitenpaters Wilhelm Kr e ii e n, dem wir die erste