Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1897)
- Date
- 1897-12-31
- Page
- Seite 631 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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631 Brief aus Oesterreich. Dezember 1897. r ist also gegangen und kehrt nicht wieder, er baut nun auf seinem Gute in Busk, das in Galizien gelegen ist, auf heimischem Boden den landesüblichen Kohl, läßt sich von den galizischen Bauern, denen er stets ein gnädiger Satrap gewesen und den blaublutsverwandten Schlachzizen huldigen, und sieht lächelnd seinem Nachfolger zu. wie dieser dem in dem Koth stecken gebliebenen Staatskarren wieder auf die Beine helfen will. Wir wollen ihm die bevorstehende Festesfreude nicht vergällen, dem Grafen Badeni, und ihm keinen Stein nachwerfen. Mit einer großen-Dummheit hat er zu regieren begonnen, mit einer noch größeren fortgesetzt, und geendet hat er damit, daß er Tschechen und Deutsche gründlich gegen einander verhetzte — und dann ist er gegangen, er hat auch die Quadratur des österreichischen eireulus vitio8us nicht lösen können, wie man bei uns die Deutschen zu behandeln hat, wenn man die Tschechen nicht reizen will. Denn die ehemaligen Deutschen, jeder Regierung Serviles, wollen eben „sehr vieles", und die angeblich tschechischen I^ibera1e8 wollen „lieber alles". Ja, die Deutschen haben es selbstverschuldet, wenn Badeni vermeinte, ihnen die famosen Sprachenverordnungen aufdrängen zu können. Sie dienten eben jeder Regierung, und für den Antisemitismus, mit welchen: sie sich drapirten, und den Graf Taaffe — unseligen Angedenkens — mit Hilfe Luegers und Konsorten großzog, haben sie einen großen Theil ihrer Anhänger, ich meine die Juden, glücklich von sich gestoßen. Nun hielt Badeni die Zeit für gekommen, um seine Schuld den angeblich freisinnigen Tschechen, die sich zu Regierungsdienern allerärgster Sorte erniedrigt hatten, abzuzahlen. Da hatte er aber seine Rechnung ohne den brüllenden Schönerer lind den heulenden Wolf gemacht, und bald steckte er in der Patsche, aus der ihn nun der Kurirzug auf sein Gut nach Busk schleunigst brachte. Er lebt dort ganz gut, und wie man hört, ist er bei bestem Appetit. Der Beweis wurde geliefert, daß nicht jeder galizische Satrap in Oesterreich zu regieren vermag, ein Beweis, den wir jetzt mit einem unparlamentarischen Regime bezahlen, und der die Ungarn für die Personal-Union begeistert. Was diese bedeutet, das mögen, wir wünschen es im Interesse unserer arg geschädigten Kaufleute, wir nicht an unserem Leibe erfahren. Aufrichtig gesagt, kann uns Juden sonst der Abgang Badenis sehr gleichgiltig sein. Wird etwas Besseres kommen? Wir Juden sind einmal Pessimisten geworden, wir trauen dem Landfrieden nicht. Vorläufig wurde der Exodus Badeni in Prag damit gefeiert, daß man jüdische Läden demolirte, Fensterscheiben einschlug, die Juden prügelte, ihnen Hab und Gut wegnahm, kurz, einen fröhlichen Raubzug gegen jüdische friedliche Bürger und ihr Eigenthum unternahm. So können jetzt einige arme Teufel in Smichow und den königlichen Weinbergen ein frohes Friedensfest feiern, sie werden gute Weihnachten haben, sie haben das, wessen sie bedurften, nach Kräften gerallbt, und der Prager Bürgermeister wünschte ihnen dazu gute Berrichtung. Daß wir Juden in Oesterreich von den Deutschen nichts und von den Tschechen noch weniger zu erwarten haben, worauf wir schon so oft hinwiesen in diesen Blättern, hat sich wieder deutlich gezeigt. Lächerlich ist es, wenn jetzt Juden mit der Schönererpartei gehen und mit ihr Kompromisse schließen. — Auf ein kleines Vorkommniß will ich hier Hinweisen, das sich vor einigen Tagen in Wien abspielte, in dem Wien, in welchem die christlich-sozialen Luegerianer mit den teutonischen Wolferianern sich gegenwärtig in den Haaren liegen. Das Pack, das sich früher vertragen, hat sich jetzt weidlich geschlagen. — Der akademische Gesangverein in Wien, der, wie es scheint, nun ganz von den Deutsch-Nationalen beherrscht wird, wollte ein Konzert veranstalten, und eine preisgekrönte Konservatoristin, ein Fräulein Carneri, sollte dabei Mitwirken. Sie wollte ein Mendelssohn'sches Lied singen. Da wurde ihr von den, wie es scheint, schon am Rande des Blödsinns taumelnden „Musensöhnen" nahegelegt, Mendelssohn nicht zu singen, weil dieser — ein Jude gewesen sei. — Wem bei gewissen Dingen der Verstand nicht stille steht, der hat eben keinen. Das Fräulein willigte ein. Sie vertauschte den „Juden" Mendelssohn mit dem „Arier" Brahms. Aber sie sollte bestraft werden. Denn die Teutonen von der singenden Akademia erfuhren, daß die besagte Carneri selbst eine Jüdin sei. Höre es, Welt, und verhülle dein Haupt. Was die jüdische Frechheit alles vermag! Preisgekrönte Schülerinnen des Konservatoriums, zudringliche Jüdinnen, wagen es, Lieder Mendelssohns, eines freilich nicht ganz unbekannten Komponisten, dessen Großvater ein Jude, Philosoph und Freund eines gewissen Lessing war, fingen zu wollen und damit die langen Ohren der teutogermanischen Nepustils und Kratochwils zu beleidigen! — Doch genug des Spaßes. Wozu sich noch länger beschäftigen mit den übel duftenden Blüthen, welche der höhere Blödsinn, genannt deutschnationaler Antisemitismus, bei uns zeitigt. Und da fühlen sich gewisse Herren noch geschmeichelt, wenn irgend welcher Germane ihnen einen sogenannten Fußtritt versetzt. Wahrlich, diese Juden haben ihr Schicksal verdient, sowie einst die zur Makkabäerzeit, welche ihr Judenthum an einen Antiochos verschacherten. Daß wir Juden so wenig historischen Sinn haben und uns gar nicht von der ewigen Lehrmeisterin, genannt Geschichte, belehren lassen; wir müßten sonst die Augen aufthun und erkennen, wie wenig Heil uns erstehen kann von einem Bündnisse mit dieser Seite. Wenn man uns brauchen wird, wird man uns aufsuchen, und ich glaube, die Zeit ist nicht so fern, in welcher unsere Deutschen am eigenen Leibe erfahren werden, wie thöricht sie gehandelt, als sie sich weigerten, Mendelssohn'sche Lieder anzuhören, weil deren Komponist angeblich ein „Jude" gewesen, ein getaufter Jude freilich, den selbst der zornige Wagner, welcher von Meyerbeer Unterstützungen annahm und ihn dann dafür verlästerte, als vollwerthig anerkennen mußte! Inzwischen spitzen sich die Verhältnisse in Oesterreich in furchtbarer Weise zu. Fast scheint es, als sollte ein bellum omnium contra omnes ausbrechen. Deutsche kämpfen gegen Tschechen, und gegen Beide kämpft der Magyare. Alles arbeitet auf eine Zertrümmerung der Monarchie hin. Laut ertönt der Kampfesruf: Getrenntes Zollgebiet und Personal - Union! Was dies bedeutet, der ungarische Bauer wird es eines Tages erfahren und der österreichische Kaufmann und Fabrikant. Es geht jetzt ums Brod. Und das alles hat der polnische Satrap auf dem Gewissen. Doch nicht ganz. Taaffe hat das Unheil ausgesäet. und Lueger hat ihm dabei Hebammendienste geleistet. Dieser Lueger, der jetzt Wien zum Bankerott treibt, ist ein Unglück für Oesterreich. Er hat die Menschen in furchtbarer Weise verhetzt. Das Pulver des gegenseitigen Hasses ist in diesem Staate in Mengen aufgehäuft, ein Fünkchen kann es zum Explodiren bringen. — Hoffen wir, daß die Befürchtungen, welche die Brust jedes Gutgesinnten erfüllen, nicht in Erfüllung gehen. Inzwischen wollen wir Juden auf der Warte stehen, vorsichtig . sein und die Dinge an uns herankommen lassen. Schlechter als jetzt kann es uns kaum mehr ergehen. Iwri.