Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1897)
- Date
- 1897-12-31
- Page
- Seite 626 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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626 den Antisemitismus und die christlich-soziale Bewegung ausgesprochen; die Regierung macht keinen Unterschied des religiösen Bekenntnisses bei der Besetzung öffentlicher Aemter, und auch aus der letzten Ministerkrisis ist Professor Luzzati als Schatzminister hervorgegangen. In der Lage der Juden in Rußland hat sich in diesem Jahre nur wenig geändert. Ein fester Punkt existirt dort nicht, und so bringt jeder Tag die widersprechendsten Berichte. Diese Unsicherheit ist eigentlich noch viel schlimmer als die frühere traurige Gewißheit. Die Kommission zur Regelung der Judengesetze hat ihre Arbeiten noch immer nicht beendet, und so hängt die Lage der Juden von Senatsbeschlüffen oder auch von der Willkür einzelner Generalgouverneure ab. Die Unruhen in Spola und Kantakuzene bildeten ein würdiges Seitenstück zu den Exzessen gegen die Juden in anderen Ländern mit bedeutend höherer Kultur. Ein Lichtblick in diesem Chaos ist die immer mehr sich ausbreitende Thätigkeit der Juden in Rußland auf dem Gebiete des Ackerbaus und die Unterstützung seitens der Regierung, welche sie dabei finden. Von den Balkauländern hat Rumänien, das klassische Land der Judenhetze, seinen Ruf auch in diesem Jahre bewahrt, aber noch nie ist es so deutlich hervorgetreten, daß diese judenfeindliche Bewegung von der Regierung geradezu unterstützt wird, wie bei den letzten Exzessen in Bukarest. Der griechisch-türkische Krieg hat auch die Lage der Juden in Kreta beeinflußt; andererseits haben in demselben auf beiden Seiten jüdische Soldaten mit Muth und Eifer gekämpft. Es ist natürlich, daß der Orient hinter dem gebildeten Europa nicht zurücksteht. Die Bedrückungen und Ausschreitungen gegen die Juden in Persien und Marokko bilden ja ein stehendes Thema in unseren Blättern, und es ist leider keine Aussicht vorhanden, daß sich diese Verhältniffe in günstiger Weise ändern können. Nur Amerika bietet ein erfreulicheres Bild, obwohl auch dort der Antisemitismus längst seinen Einzug gehalten. Aber er hat es doch zu keiner Bedeutung bringen können, und selbst der Versuch, ihn durch eine Einwanderungsbill einzuschmuggeln, ist bisher nicht gelungen. Ist also der Rückblick auf die äußeren Verhältniffe der Juden fast in der ganzen Welt kein sehr erfreuender, so zeigt sich dagegen in dem inneren Leben der Juden ein erhebender Aufschwung auf religiösem Gebiete, der wohl mit der äußeren Lage zusammenhängt, diese aber hoffentlich überdauern wird. In Deutschland hat der Deutsch-Israelitische Gemeindebund die Organisation der Bezirksverbände durchgeführt, der Rabbinerverband hat sich konstituirt und bereits seine Thätigkeit begonnen, und auch die Begründung des Lehrerverbandes ist eine froh zu begrüßende Thatsache. Nicht weniger erfreulich ist die Bewegung der Litteraturvereine, die immer noch wächst. Es bestehen bereits jetzt mehr als dreiundachtzig solcher Vereine, die für die Erneuerung des geistigen Lebens trefflich wirken. Das wichtigste Moment in dem inneren Leben der Juden in Preußen ist die Förderung, welche der Religionsunterricht seitens der Gemeindebehörden und des Staats in diesem Jahre gefunden hat. Die innere Mission macht ebenfalls gute Fortschritte. Die Debatten über den Sonntagsgottesdienst zeigen, daß das Bedürfniß nach religiöser Belehrung sich in immer weiteren Kreisen geltend macht. Das Jubiläum der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums war eine Huldigung für den Geist der Wissenschaft, den diese Anstalt zu pflegen berufen ist. Die Idee, die Alterthümer Israels in Museen zu sammeln und zu erhalten, ist ein Beweis für das wiedererwachte Interesse an unserer Geschichte und an unserem Schriftthum. Dagegen hat die zionistische Bewegung nach dem Kongreß zu Basel von Neuem Zersplitterung und Zerfahrenheit in die jüdischen Kreise getragen. Ein Ende oder Erfolg ist nicht abzusehen; noch immer weichen die Ansichten weit von einander ab, und die Parteien stehen sich heftig kämpfend gegenüber. Jndeß fehlt es auch hier nicht an Versuchen zur Ausgleichung, die Aussicht auf Erfolg haben. Mit besonderer Anerkennung muß die Thätigkeit der Jewish Colonisation Association hervorgehoben werden, die für Handwerk und Ackerbau unter den Juden aller Länder auch im verfloffenen Jahr große Opfer gebracht und nicht geringe Erfolge aufzuweisen hat. Daß die Vereine in London Paris und Wien, welche sich der bedrängten Lage unserer Glaubensbrüder in allen Welttheilen annehmen, in diesem Jahre reichliche Arbeit hatten, braucht nach all dem Vorhergesagten wohl kaum noch besonders erwähnt zu werden. Besonders interessant war aber in dem Jahr die Wiedererhebung eines schon verdorrten Zweiges unfctcr Religionsgemeinde, der Sekte der Karäer, deren Leiter in letzter Zeit große Anstrengungen gemacht haben, das religiöse und geistige Leben ihrer Sekte wieder zu beleben. Alle diese Versuche, Organisationen, Vereine und Institute zeigen, daß zur Läuterung und Befestigung des religiösen Lebens ein werthvoller Anfang gemacht sei, daß aber in den Anforderungen für Synagogen und Schulen, für Leben und Wissenschaft des Judenthums noch viel zu thun sei, daß wir daher nicht säumen und rasten blirfen, damit das große Werk gelinge, und damit wir trotz aller Angriffe von außen, trotz einer Welt von Feinden unser Judenthum erhalten, wie wir es seit Jahrtausenden überkommen haben. Aufschauend zu dem Hüter Israels, der nicht schläft und schlummert, hat unser Volk sein Schicksal, sein Hoffen und Streben nie nach den Erfolgen von Jahren gerechnet, sondern von Jahrhunderten, ja von Jahrtausenden. Israel ist das Volk der Hoffnung, und so wie die Hoffnung ewig ist. ist auch Israel ewig. Und so wie die Hoffnung nie aufhören wird, kann auch Israel nie untergehen. ,Der Geist der Finsterniß, der einst mit unserm Stammvater Jakob gerungen, konnte ihn durch eine beigebrachte Verrenkung nur auf eine kurze Weile am Vorwärtsschreiten hindern; aber Jakob ging dennoch als ein „Held mit Gott" siegreich aus dem Kampfe hervor, und so wird auch der Jakob-Stamm, der mit Göttern und Menschen Jahrtausende gerungen, alle Kämpfe und Wirren dieser Zeit siegreich bestehen. lagr Air Mache. Berlin, 30. Dezember. Sie Bilanz des Jahres 1897 haben wir bereits in demlvorhergehenden Artikel gezogen, aber es bleibt uns noch das traurige Geschäft, die Verlustliste des Jahres nach der nun einmal üblichen Weise aufzustellen. Wir haben das Hinscheiden hervorragender Männer zu beklagen, die auf verschiedenen Gebieten für das Judenthum thätig waren oder doch demselben zur Ehre, gereichten. Männer wie Hermann Makower, Wilhelm Herzberg, Eduard Kulke, Daniel Sanders, Lewin Goldschmidt u. A. sind ein unersetzlicher Verlust für das Judenthum; nicht weniger werden in ihren Kreisen die Männer und Frauen beklagt werden, die der Tod in diesem Jahre uns geraubt, und die wir hier der Zeitfolge nach aufführen: Hofrath Samuel Berlin, Fürth. Kommerzienrath Teichmann, Leobschütz. Senator C. Wolff, New-Iork. Lazarus Sußmann, Schwerin i. M. Justizrath I. Rosendahl, Augsburg. Sir John Simon, London. Dr. Jsaac Michael, Hamburg. Gemeindepräsident Gustav Simon, Wien. Salomon Oelsner, Breslau. Reichsrathsabgeordneter Adolf Schwab, Wien. Kommifstonsrath Grünfeld, Landshut. Siegfried Leichtentritt,