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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-31 · Heft 53 (31.12.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 53 (31.12.1897)
Date
1897-12-31
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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61. Jahrgang. Nr. 53. Berlin, 31. Aezenriler 1887. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redactenr: Gustav Karpeles. ' Begründet von Nabbiner Br- Ludwig PHUippson-Konw Dertags-Crpedition: Berlin, Lerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und! Expedition sind an die Adresse: Verlag der! „Allgem- Zeitung des Judenthums", Berlin! SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Masse, Berlin.! 3ttl)(tlt« Leitartikel: Zum Jahresschlüsse. — Die Woche. — Der Delegirtentag des „Verbandes der Vereine für lüdische Geschichte und Litteratur in Deutschland." — Brief aus Oesterreich. — Eine Novelle und ihre Quellen. III. Von Karl Emil Franzos. — Feuilleton: Eine Erbschaft Rothschilds. — Prolog zur Chanukah-Feier des Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur. Von Henriette Hirschberg. — Sprechsaal. — Briefkasten der Redaktion. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Thorn, Posen, Bielefeld, Münster i. W., München, Wien, Budapest, New- York. — Bon Ratz nnd Fern. — Miseellen. Zum Jahresschlüsse. Berlin, 30. Dezember, uf ein trübes Jahr blicken wir in diesen Tagen zurück. Die Bewegung gegen die Juden hat noch immer nicht ihren Abschluß gefunden. Die Judenverfolgungen in Böhmen und Rumänien, in Algier und Rußland, in Persien und Marokko sind die blutige Charakteristik dieses Jahres. Freilich ist ein Jahr nur ein kurzer Zeitraum in der Geschichte der Völkerentwickelung, aber das ist ein leidiger Trost, wenn der Rückblick so vielen betrübenden Erscheinungen begegnet. In Deutschland ist die judenfeindliche Bewegung allerdings im Rückgang, soweit sie sich auf den Radauantisemitismus erstreckt; viel schlimmer aber ist der sogenannte innere oder latente Antisemitismus, der unsere Jugend ergriff und eine ganze Generation vergiftet hat. An den Folgen dieser Bewegung werden wir noch lange zu leiden haben. Auch im abgelaufenen Jahre mußten wir die traurige Wahrnehmung machen, daß^ es nicht an Versuchen gegefehlt hat, den Juden die Rechte zu schmälern, die ihnen durch das Gesetz gewährleistet sind. Die Annahme des konservativ-antisemitischen Antrags, betreffend eine konfessionelle Eidesformel im Reichstag, die Verfügung über die jüdischen Lehrkräfte an den städtischen Schulen in Berlin und über die religiöse Behandlung der jüdischen Strafgefangenen, sowie die noch immer nicht aufhörenden Ausweisungen sind solche Momente; auch sonst fehlt es nicht an Zurücksetzungen mancherlei Art. Die sogenannten Judendebatten im Reichstag geben immer von Neuem den Beweis, daß der Antisemitismus noch nicht sein letztes Wort gesprochen hat. In letzter Zeit scheint es zu einer Scheidung zwischen Konservativen und Antisemiten zu kommen, was aber für uns gar kein Vortheil ist, da nunmehr die Konservativen, um ihren feindlichen Brüdern bei den nächsten Wahlen die Stimmen abzufangen, sich auf den sogenannten reinen Antisemitismus werfen werden. Ihre Wahlparole dürfte'ja, wie es heißt, also lauten: „Gegen Judenthum und Revolution." Man kann sich in der That kaum etwas Empörenderes denken als den Versuch, durch Zusammenstellung zweier so heterogener Begriffe den Stimmenfang zu betreiben, und man darf die Hoffnung noch nicht aufgeben, daß die besonneneren Elemente in der konservativen Partei diese Wahlparole verwerfen werden. Von Interesse ist es aber, daß die Scheidung zuerst in Sachsen erfolgte, wo der, Antisemitismus seine giftigsten Blüthen getrieben hat. Die letzte Session vor den Wahlen wird wohl anläßlich der von den Antisemiten abermals Angebrachten Anträge auf ein Verbot des Schächtens und der Einwanderung fremder Juden zu Debatten willkommenen Anlaß bieten, die für uns, mögen sie sich auch wie immer gestalten, keineswegs erfreulich sein werden. Noch schlimmer steht es in Oesterreich. Dort hat bei den letzten Reichstagswahlen der Antisemitismus große Erfolge erreicht. Nur die allgemeine Verwirrung, welche durch die Sprachenverordnungen hervorgerufen wurde, hat eine Zeit lang die Aufmerksamkeit von den Juden abgelenkt. Selbst die schmähliche Haltung der Antisemiten während dieser großen Krisis und der Prozeß eines ihrer Führer (Vergani) hat hieran nur wenig geändert. Die Exzesse gegen die Juden in Böhmen lieferten den Beweis, daß diese von den Tschechen noch Schlimmeres zu erwarten haben als von den Deutschen in jenem unglücklichen Lande. Aber auch die Polen wollten nicht zurückbleiben, und die Judenkrawalle in Chodorow geben eine traurige Illustration zu den Verhältnissen in Galizien, die sich immer mehr verwirren. Leider haben die jüdischen Abgeordneten des österreichischen Parlaments, die meist in Galizien gewählt worden sind, bisher noch keine Gelegenheit ergriffen, sich ihrer bedrängten Glaubensgenossen anzuttehmen. Auch die Verhältnisse unserer Glaubensgenoffen in Frankreich trüben sich immer mehr. Das Land, welches zuerst die Freiheit proklamirte, hat am Anfang dieses Jahres einen Antisemiten-Kongreß in Lyon erlebt und bietet am Ende des Jahres in der Assaire Dreyfus dem Menschenfreunde ein trauriges Schauspiel chauvinistischer Verwilderung.. Die praktischen Erfolge des französischen Antisemitismus' haben sich in Algier gezeigt, wo die Lage der Juden sich immer peinlicher gestaltet, und wo auch in diesem Jahre wiederholt Ausschreitungen gegen dieselben stattgefunden haben. Es steht aber zu hoffen, daß der neue Gouverneur des Landes die Ruhe wiederherstellen wird. Selbst England, dessen Hauptstadt in diesem Jubiläumsjahre der Königin Viktoria einen jüdischen Lordmayor gehabt, fängt bereits an, die „jüdische Frage" zu diskutiren, und es erheben sich merkwürdigerweise aus dem konservativen und radikalen Lager zugleich Stimmen gegen die Juden, die bisher in diesem Lande noch nicht vernommen wurden. So ist Italien eigentlich das einzige größere Land Europas, das bis jetzt von dieser Seuche frei ist. Der Papst hat auch in diesem Jahre, dem österreichischen Episkopatgegenüber, sich gegen

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