Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 ist deutsch, und wir sind deutsch, darum muß jeder Bürger und Bauer des Ostens sich nach unserer Weise richten, ja er muß eben auch deutsch sein. Das Polenthum führt dagegen eine ganz andere Sprache. Bei den politischen Wahlen gilt nur der Kampf Deutsche gegen Polen oder umgekehrt. Der Jude bildet hier ein Mittelding zwischen den beiden großen Parteien. Der Jude ist in politischer-Hinsicht durch und durch deutsch gesinnt, neigt sich immer auf die deutsche Seite und verhilft dieser zum Siege. Ganz anders gestaltet sich die Gesinnung bei den Wahlen zu den Stadtverordneten. Da heißt es bei den Juden, ein starkes Augenmerk auf die Selbsterhaltung richten. Denn läge es in der Macht oder in dem guten Willen der Deutschen oder Polen, so dürfte wohl nie ein Jude Stadtverordneter werden; aber.wenn die Juden in dem Kollegium der Stadtverordneten oder als Schöffen beim Magistrat stark vertreten sind, so ist es eben nicht durch die Mehrzahl der Bevölkerung, denn wir sind nur sehr gering an Zahl gegen die große Masse jener beiden Nationen, doch die Steuerkraft dieser Minorität bildet hier einen Faktor, mit dem sehr stark zu rechnen ist, und diese Macht hat den Juden hier die Kraft der Selbsterhaltung gegeben. Bei den Wahlen wird um die Freundschaft dieser Mittelpartei gebettelt, und wohin diese Partei sich neigt, dort ist auch der Sieg gewiß. Maßgebend war der Ausschlag bei der Wahl der Stadtverordneten vor vier Jahren. Da haben die Deutschen mit den Juden einen Kompromiß geschlossen. Es wurden , für die dritte Abtheilung zwei Deutsche und ein Jude als Kandidaten aufgestellt. Am Wahltag hat dieser Kompromiß eine ganz andere Physiognomie angenommen, nur einige Deutsche blieben ihrem Versprechen treu. Das Gros, etwa dreiviertel der deutschen Wähler, gaben dem aufgestellten jüdischen Kandidaten ihre Stimme nicht. Unter den Letzteren war ein Gymnasiallehrer, der als Antisemit wohlbekannt ist, der mag wohl das Signal zur Fahnenflucht gegeben haben. Dieses deutsche Verfahren hat den Juden eine starke Lehre gegeben, und diese Lehre ist nun für die Juden bei den städtischen Wahlen maßgebend. Bei der Wahl der Stadtverordneten vor zwei Jahren hat der Jude den gerechten, humanen und charaktervollen Spruch gethan, jede Partei — es sind deren drei, Deutsche, Polen und Juden — solle in gleicher Stärke im Kollegium vertreten sein. Also jede Partei soll acht Vertreter haben, und so wählten auch Polen mit Juden nach diesem - Grundsätze. Bei der diesjährigen, Ende vorigen Monats stattgehabten WHl schieden aus der III. Abtheilung zwei Polen und ein Deutscher aui. Die Deutschen wollten nun die Polen verdrängen und stellten für tese Abtheilung zwei Deutsche und einen Juden als Kandidaten auf, ge glaubten mit der Aufstellung des einen Juden die Juden zu ködern und auf ihre Seite zu schaffen. Aber der Jude blieb seinem Vorsatze treu, hielt es mit dem Polen, und dadurch gelang es, die Parität aufrecht zu erhalten. Die Herren Antisemiten dürften die Lehre bekommen haben, daß es doch nicht schön und nicht recht ist, wortbrüchig zu werden, denn Unrecht schlägt seinen eigenen Herrn! X Gollantsch, im Dezember. Im Alter von circa 85 Jahren verstarb in Schneidemühl, ein alter Bürger unserer Stadt, der frühere stellvertretende Bürgermeister unserer Stadt Herr Reis. Selten hatte ein Mann bei uns ein solches Ansehen und solche Achtung bei allen Konfessionen wie der Verstorbene. Trotzdem er über ein Jahrzehnt von chier zu seiner Tochter nach Schneidemühl verzog, so wurde seiner stets -gern gedacht. -Er war ein großer Wohlthäter der Armen und stand Jedermann gern mit Rath und That bei. Bei seinem Leichenbegäng- ' nisse hielt Rabbiner Brann in Schneidemühl die Leichenrede. — Sein 25 jähriges Jubiläum als stellvertretender Bürgermeister beging Herr Schwarz aus Rogowa. R. Schweidnitz, 21. Dezember. Am 19. d. Mts. wurde der im Alter von 71 Jahren nach langem Leiden verstorbene Herr Mühsam zu Grabe - getragen. Er wirkte 34 Jahre als erster Vorsteher der hiesigen Gemeinde und erwarb sich um den Bau der hiesigen Synagoge große Verdienste. Für das städtische Gemeinwesen war er fast 20 Jahre hindurch als Stadtverordneter in der Finanzkommission thätig. Unsere Gemeinde verliert in ihm ein hervorragendes Mitglied und die Stadt einen sehr geachteten Bürger. Eine dankbare Erinnerung wird ihm stets bewahrt bleiben. Bautzen, 8. Dezember. Auf Grund eines eingeholten Gutachtens des evangelischen Schulausschnsses hatte der hiesige Stadtrath erklärt, daß er auf den von den Stadtverordneten gestellten Antrag: „Anordnungen zu treffen, daß jüdischer Religions-Unterricht in einem evangelisch-lutherischen Schulgebäude Bautzens nicht mehr ertheilt werden darf", nicht eingehen könne. Infolge dieser Erklärung wurde der Beschluß der Stadtverordnetenschaft dahin abgeändert, daß 1.' das Kollegium eine rechtliche Verpflichtung der evangelischen Schulgemeinde, die Räume für israelitischen Religionsunterricht zu beschaffen, nicht anzuerkennen vermöge, und 2. daß das Kollegium den Stadtrath ersuche, dahin zu wirken, daß unter Vorbehalt des Widerrufs anderweitige geeignete Räume für Ertheilung des israelitischen Religionsunterrichts der israelitischen Religionsgesellschaft überwiesen werden. Ems, 20. Dezember. Der Rechenschafts-Bericht über die Bauspende des israelitischen Central-Waisen- und Mädchen- Heims zu Bad Ems berichtet ausfiihrlich über die erfreulichen Fortschritte dieses Unternehmens. Eine Anzahl angesehener Männer hatte sich aus Veranlassung der Herren Dr. med. Aronsohn-Ems, Heinrich Fränkel-Berlin und Georg Pinoff-Görlitz im Frühjahre 1896 in Berlin versammelt, um über das seit Oktober 1894 zu Limburg bestehende, in gemietheten Räumen von Herrn Lomnitz geleitete Deutsch-Israelitische Mädchenheim Berathung zu pflegen. Man war allgemein der Ansicht, daß eine geregelte Verwaltung und gedeihliche Entwickelung dieser in engen Grenzen wirkenden Anstalt am besten dadurch ermöglicht würde, daß man für dieselbe die Erwerbung eines eigenen Heims in Ems zu erstreben suchte. Es wurde daher im September 1896 ein von dem provisorischen Vorstände des Deutsch-Israelitischen Mädchenheims zu Limburg und einem größeren Gründungskomitee Unterzeichneter Aufruf versandt, in welchem um Spenden für den Bau eines Israelitischen Central-Waisen- und Mädchenheims in Ems gebeten wurde. In den verschiedensten Orten Deutschlands und auch des Auslandes begann nun eine eifrige Agitation, welche von den Herren Dr. Aronsohn-Ems, Heinrich Fränkel-Berlin, Louis Rosenheim-Ems und Rabbiner Dr. Weingarten-Ems eingeleitet und von den Herren Bigart-Paris, grand rabbin Zadoc Kahn-Paris, Justizrath Orgler-Posen, Georg Pinoff- Görlitz, Oberrabbiner Weil-Straßburg und Rabbiner Dr. Werner- München ausgenommen wurde. Bei solch rühriger Arbeit gelang es, das Interesse edler Wohlthäter wachzurufen und vor allem die Frau Baronin von Hirsch in Paris zu gewinnen, so daß schon nach Verlauf eines Jahres ein Grundstück für 70000 Mark gekauft und zum größten Theil bezahlt werden konnte. Die Uebersiedelung des Deutsch-Israelitischen Mädchenheims von Limburg in das eigene Heim zu Ems, woselbst es unter dem Namen Israelitisches Central-Waisen- und Mädchenheim weitergeführt wird, fand gegen Ende Oktober statt. Die Anstalt wurde sofort mit den 15 Waisenmädchen eröffnet, die sich in Limburg befanden; aber im Laufe des Herbstes soll die Zahl auf 20 erhöht werden! Den allgemeinen Unterricht sollen die Pfleglinge in den Volksschulen erhalten, woselbst sie infolge "Entgegenkommens der städtischen Behörden vom Schulgelde befreit sind. Den Religionsunterricht wird in den unteren Klassen der Hausvater Lomnitz und der Religionslehrer Emmel ertheilen, während in den oberen Klassen Bezirksrabbiner Herr Dr. Weingarten unterrichten wird, dem gleichzeitig die religiöse Oberleitung der Anstalt überantwortet ist. Mit besonderer Anerkennung gedenkt der Bericht der hochherzigen Frauen Baronin von Hirsch in Paris und Baronin Willy Carl, von Rothschild, Frankfurt a. M., und im Voraus dankt er jenen Herren und Damen, die Stiftungen von Freibetten ä 5000 Mark für die Zeit nach der Eröffnung unserer Anstalt versprochen haben. Möge die Zahl der Freunde und Gönner dieser Anstalt von Jahr zu Jahr wachsen. Der Vorstand besteht aus den Herren Dr. Aronsohn,.prakt. Arzt, Ems-Nizza; Dr. Cohn, Distrikts- Rabbiner, Jchenhausen; M. Faßbender, Kaufmann, Limburg a. Lahn; Heinrich Fränkel, Kaufmann, Berlin W.; Louis Grumach, Kaufmann, Berlin C.; Dr. Horövitz, Rabbiner, Frankfurt a. M.; Alphons Jacobson, Bankier, Leipzig; Joseph Kirchberger, Bankier, Bad-Ems; Dr. Landau, Bezirks-Rabbiner, Weilburg; G. Pinoff, Kaufmann, Görlitz; Louis Rosenheim, Kaufmann, Bad-Ems; Dr. Weingarten, Bezirks-Rabbiner, Bad-Ems. Der Rechnungsabschluß der Anstalt weist an Einnahmen 59 656,27 Mark, an Ausgaben 59 386,37 Mark auf, wobei freilich die Anzahlung auf das für 70000 Mark gekaufte Grundstück mit 50 000 Mark enthalten ist. Karlsruhe, 15. Dezember. In einer Bezirksrathssttzung war die Klage des Kaufmanns Moritz Straus Hierselbst gegen die israelitische