Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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- Gemeinde Karlsruhe, Fe st st ellun g und Z a h tun g zur Ungebühr - betr. - von Interesse. Von der israelitischen Gemeinde war der Klager Straus ' in Höhe, von 100 Mark für die Jahre 1896/1897 zur Kirchensteuer herangezogen worden, wogegen Straus Widerspruch erhob, über den der Bezirksrath: zu entscheiden.hatte. Straus begründete, seines. Zahlungsprotest damit, daß er erklärte, die israelitische Gemeinde Karlsruhe sei nicht berechtigt, ihn zur örtlichen Kirchensteuer heranzuziehen, da er württembergischer Staatsangehöriger sei, nie in den staatlich organisirten ' badischen Judenverband, sondern in die israelitische Religionsgesellschaft eingetreten sei, und da er, mn jeder Eventualität vorzubeugen, im Jahre . 1895 seinen. Austritt' aus dem staatlichen Judenverband vorsichtshalber angezeigt habe. Die israelitische Gemeinde machte geltend, daß Straus zur örtlichen Kirchensteuer heranzuziehen sei, da sowohl dessen Kinder wie dessen Ehefrau wiederholt von den kirchlichen Einrichtungen der israelitischen Gemeinde Karlsruhe Gebrauch gemacht hätten. Der Bezirksrath kam nach längerer Berathung zu folgendem Urtheif: Die beklagte Gemeinde hat anzuerkennen, daß sie nicht berechtigt ist, den Kläger Straus zur Kirchensteuer heranzuziehen; sie wird verurthefft, dem Kläger . den zur Ungebühr erhobenen Betrag von 100 M. herauszuzahlen. Die Kosten des Verfahrens werden der israelitischen Gemeinde in Karlsruhe auferlegt. Oesterreich - Ungarn. □ LVien, 20. Dezember. In den bö hmischen Städtchen ist Leider noch immer nicht vollkommene Ruhe eingetreten, und es giebt noch allerorten Fenstereinwürfe und. Drohungen gegen die deutschen und israelitischen Familien: glücklicherweise ist das Militär überall an verdächtigen Orten sogleich bei der Hand, um vor Gewaltthätigkeiten zu ‘ schützen. — Ein unliebsames Abenteuer passivte jüngst dem antisemitischen Abgeordneten Geßmann: Gelegentlich einer Agitationsreise wurde er vom Publikum verhöhnt und derart empfangen, daß er sich rasch in ein Kupee Mchtete und die Heimreise antrat. Seine Abfahrt begleiteten 'zahllose Hüi- und Pereatrufe. — Am 8. d. M. fand auf Einladung des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde eine Enquete über Armenpflege statt.. Aus diesem Anlasse hatte sich im Sitzungs- . saale der Aultusgemeinde eine illustre Gesellschaft eingefunden. Die Verhandlungen erstreckten sich zunächst auf Bildung eines Centralbüreaus. Bei diesem.Anlasse machte der Vorsitzende folgende charakteristische Mittheilung : Von den ca 15 000 Steuerkontribuenten der. Gemeinde konnten ca. 8000 die niedrigste Steuer Bezahlenden nicht in Betracht gezogen werden. Die bei den anderen, ca. 7000,. durch die Schätzung^-' kommission .vorgenommene Erhöhung betrage endgiltig ca. 20 Gulden per Steuerzahler im Durchschnitt und in Summa nur um ungefähr sieben Zehntel mehr als die .im Vorjahre eingenommene gesammhe ^Aussteuer. — Der tschechisch-jüdische Verband kündigte der MMchechischen Partei die Gefolgschaft, weil deren Führer keinen Finger gerührt hätten, um die tschechisch gesinnten Juden in Prag vor ' Plünderungen zu schützen. Endlich! Es war die höchste Zeit. — Hier ist der gewesene. Realschulprofessor Ignatz Beck im 89. Lebensjahre verschieden. . ' . . K L. Budapest, 10. Dezember. Ueber die Zustände BosnieyD und der Herzegowina werden von den Antisemiten Unwahrheiten verbreitet, die sich durch die Offenkundigkeit des Widerspruches mit den thatsächlichen "Verhältnissen von selbst richten. Aus dem Spülicht, mit welchem die Organe ihrer Partei jahraus, jahrein die bosnische Verwaltung begießen, haben die antisemitischen Delegirten Axmann und Scheicher einige Brocken herausgefischt, welche sie nun der Delegation auftischten. Der Reichsfinanzminister Källap ist der Mann, der. mit dieser Sorte von Kämpfern fertig zu werden weiß. Die erfundenen Anklagen widerlegte der Minister in einer längeren Rede, von der wir ' nur jenen Theil hervorheben wollen, der sich auf die Judenfrage in Bosnien bezieht: „Was den Appell Scheichers betrifft, daß nicht so viele Juden nach dem Lande kommen sollen, so war ich, offen geständen, auf diese Frage gefaßt. Wir haben im Lande 8213 Juden, das ist 0,82 pCt. der ^ganzen Bevölkerung. Bon diesen sind aber 5729 Spagnolen> die äus ^Kastilien vor 400 . bis 500 Jahren nach ihrer Vertreibung kamen und mit dem Lande vollkommen verwachsen sind. Aus Oesterreich und Ungarn sind 2484 Israeliten eingewandert, und in acht Bezirken giebt e^.gar keine. So steht es mit der so oft ventilirten Judenfrage in Bosnien'. Ich glaube, daß, wenn von dieser Seite überhaupt eine Gefahr drohen könnte, diese Ziffer gär keine Gefahr «%f§| birgt. Ob es aber richtig wäre, auf eine so thättge Klaffe Bevölkerung zu verzichten, das überlasse ich der Beurthellung deü^ Herren Mitglieder der hohen Delegation." — Eine seltene Feier be^Wt/ der verdienstvolle und ehrwürdige Piaristenorden im laufendest Jahre: die dreihundertste Jahreswende der Errichtung seiner ersten Schule durch seinen Stifter. Unter jenen Ländern-, welche das jetzige Jubiläum dankerfüllt mitfeiern, gehört unstreitig Ungarn zu den ersten, da es schon mehr als 250 Jahre sind, daß der Orden in der öber- . ungarischen Stadt"Podolin seine Thätigkeit begonnen hat und sich seither . stetigen Gedeihens erfreut/ Auf die Lehrtätigkeit dieses Ordens und auf deren Wirkung war von bedeutendem Einfluß die außerordentliche Toleranz, die sich in allen seinen Lehranstalten in Ungarn den Juden gegenüber künd giebt. Es ist dies um so wichtiger, als diese Gymnasten; die jährlich von mehr als 6000. jüdischen Schülern besucht sind, zumeist ' die einzigen Mittelschulen der betreffenden Städte und Gegenden und für die Juden die einzigen Bildungsstätten sind. Da muß es nur begründet erscheinen, daß auch die Judenschaft Ungarns sich dieser Feier mit Freuden anschließt. . Asten. ■ ' 1 *^* Jerusalem, im Dezember. Wir freuen uns, mittheilen zu . können, daß die Arbeiten am Souterrain des israelitischen Hospitals bisher einen überaus befriedigenden Fortgang genommen haben; man ist gegenwärtig mit Ausführung der letzten Ueberwölbung im Ostflügel beschäftigt, und wenn das Wetter günstig bleibt,, hoffen wir, daß in ca. 14 Tagen bis drei Wochen die Arbeiten am Souterrain vollendet sein werden. Es sind'jetzt täglich meist 120 Arbeiter beschäftigt, und zwar 85 Jehudim und 35 Nichtjuden. Hoffen wir, daß der Weitertzau auch baldigst einen ebenso guten Verlauf nehmen wird. Kon Kah und Fern. — Professor F. Gernsheim hat anläßlich des fünfzigjährigen Jubiläums des Stern'schen Gesangvereins den Rothen Adlerorden 4. Kl. erhalten. — Der bekannte Berliner Chirurg Professor Dr. James Israel feiert am 1. Januar 1898 vas Jubiläum seiner 25 jährigen Thätigkeit am Krankenhause der jüdischen Gemeinde. — Auch in der Berufungsinstanz ist Herr Sedlaezek m' seinem Prozesse gegen den Obersthofmeister Freiherrn v. Mi^ach abgewiesen worden. Die Sache kommt nun vor das Kammergericht?- Der Seminarlehrer Baer in Uetersen, ein Führer der deuthsozialen Reformpartei im 6. schleswig-holsteinischen Wahlkreise, ist na. Verübung eines Sittlichkeitsverbrechens heimlich geflüchtet.! Der Flüchtlmg ist verheirathet und Vater von drei Kindern. — Wie die „DeuffW Volksmacht" hört, befinden sich unter den einigen dreißig Einjähritztzy des Münchener Schweren Reiter-Regiments nicht weniger 22 Juden. — Nach den Veröffentlichungen der baierischen protestantischen Landeskirche traten im Jahre . 1896 vom Judenthum zum Protestantismus über 11 Juden, während nur ein lf^otestant ^e wurde. — Wegen fortgesetzter Verbrechen wider die Sittlichkeit, begangen an zehn israelitischen Mädchen unter 14 Jahren und einer israelitischem. Sonntagsschülerin von 16 Jahren, wurde der katholische Lehrer GWW Schmitt von Hüttenheim vom Landgericht Würzb'urg^.^iMF. Jahre sechs Monaten Gefängniß verurtheilt. — Der bekannte BarÜ^iA Wawelberg in Warschau hat zum Zwecke der Errichtung^von. billigen Arbeiterwohnungen die Summe von 300 000 Rubel gespendet.—. Eine neue Bibelübersetzung in die russische Sprache hat die Gesellschaft für Verbreitung der Kultur unter den Juden unternommen, dieselbe ist dem bekannten Hebraisten Dr. Kantor, der früher Herausgeber des Hajom . war und jetzt Rabbiner in Libau ist, und dem Orientalisten Israels«« übertragen worden. — Die Zahl der Juden in Jerusalem beträgt jetzt 40 000 bis 45 000 unter insgesammt '60 000 Einwohnern. — Nach { einem Reuter-Telegramm hat der Sultan von Marokko der jüdischen . Gemeinde von Fez geantwortet, daß ihre Beschwerden über die Gouverneure von Sisroo und Tasza begründet gefunden sind, und die.Gouverneure einen Verweis erhalten haben. Zugleich versichert der Sultan die Juden feines leider nicht sehr weit reichenden Schutzes. Druck.und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. y Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. -