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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-24 · Heft 52 (24.12.1897) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 52 (24.12.1897)
Date
1897-12-24
Page
Seite 623 (sequence 11)
Language
German
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623 Er p^ckste oft, bevor ihm Antwort ward: „Um'-Jesu, wer ist da in solcher Nacht?" „Der alte Jakob ist's. Kennt Ihr ihn nicht? Der alte Jude." „Jude!" schrie'n entsetzt Die Stimmen eines Mann's und eines Weibes. „Bleib' draußen denn: wir haben nichts, wofür Wir kaufen könnten, und nur Unglück brächtest Du unserm Haus in dieser Nacht, wo Jener Geboren ward, den ihr ans Kreuz geschlagen!" „Ich?" „Ja, Dein Volk — die Sünde, die durch tausend Geschlechter soll geahndet werden." „Ach, In solcher Nacht, wo selbst den Hund man einläßt?" „Doch keinen Juden in ein christlich Haus!" Er hörte nichts mehr. Kälter als der Sturm Durchfuhren ihm das Herz die harten Worte Und warfen, stärker noch als dieser, nieder Ihn in die Schneefluth, übers Kind gebeugt. Das ruhig schlummernd lag an seinem Herzen. Da schien's, indem er hin zum Fenster starrte. Als wenn das schreckhaft weiße Antlitz wieder Sich zeig', er aber selbst in Daunen sinke. Ihm durch die Adern milde Wärme fließe. Und Wesen, wohlbekannte, flüsternd wie Des Sommerwindes Aeolsspiel im Grase, Sein Bett umschwebten, bis erhobenen Fingers Derselben eines raunte: „Kommt, er schläft!" — In einem lichterhellen Saale seitwärts Verschwanden Alle dann: das Kind allein Blieb zu den Füßen seines Lagers, stets Die Kissen dichter um ihn schmiegend, bis Zuletzt er selig zu entschlummern meinte. — Der Schnee war's, welcher rings wuchs um den Todten. „O Jesus, nein! Dort sitzt der Jude noch!" So schrie der Mann, als Morgens er hinaus sah. „Dann jag' ihn fort! Es ist ja Weihnachtstag," Fiel ein das Weib, „und sieh' den Judenschelm, Wie fest er an die Brust sein Bündel drückt!" „Zudringlich ist mit seinen Maaren er: Mit stierem Blick siehter herein, als wenn Wir Geld besäßen, daß er mit uns schach're." „Doch möcht' ich seh'n, was er im Bündel birgt." „Zeig, Jude!" Beide traten sie hinaus. Sie sah'n des Todtenaug's erfrorenen Glanz, Mehr noch erbleichend als die Leiche, heulend Vor Schreck, vor Neue bebend. „Jemine! Welch Unglück ist gescheh'n!" Sie hoben ihn. Mit ihm das Bündel, öffneten den Rock: Da hing, die Aermchen um des Juden Hals- Margret, ihr Kind, wie er auch eine Leiche. So trifft der Blitz nicht, nicht der Schlange Biß, Wie Schreck und Schmerz das Elternpaar hier trafen. Der Schnee war nicht so bleich wie dieser Vater, Aufschrie der Sturm nicht so wie diese Mutter. „O, Gott hat uns gestraft! Nicht Sturm und Kälte, Nein, wir, wir haben unser Kind getödtet! Umsonst, ach, wie an uns're Thür der Jude, So klopfen wir einst an der Gnade Thür!" Als gangbar ward der Wald, kam eine Botschaft Aus dem Gehöft, aus dem das kleine Gretchen In Pflege war bei mildgesinnten Bauern, Von wo es beim Geläut des heil'gen Abends, Bevor das Wetter kam, war fortgeeilt Auf eig'ne Hand, um seine lieben Eltern Zum schönen Weihnachtsseste zu besuchen. Doch wurde nachgefragt nicht nach dem Kinde, Nein, nach dem Juden von des Dorfes Mädchen, Die nur zum Neujahrstag noch hoffen durften. Im Festschmuck in der Kirche zu erscheinen- Wenn Jener endlich doch ward aufgefunden. Da lag er todt im Stübchen vor dem Herde, Wo neben ihm der Mann mit Augen, starr Wie die erfrorenen des todten Juden, Gekrümmt wie der, ins rothe Feuer stierte. Es schürend stets, damit gestreckt die Leiche Doch werden könne und gekreuzt die Hände. Doch vor ihm auf den Knie'n lag Gretchens Mutter, Des Lieblings steife Aermchen fester schmiegend Und fester um den Hals des todten Alten. „Sie ist nicht unser mehr!" so schluchzte sie; Er hat sich unser Kind im Tod erkauft. Nicht trennen dürfen Gretchen wir von ihm; Denn sie, ach, sie muß ja doch um Fürbitte Bei seinem Vater fleh'n, vor welchem uns Anklagen wird der arme Jude — — —" Sprerhsaat. Geehrter Herr Redakteur! Felix Makower hat in die Diskussion über die Stellung der <30? Rabbiner ein Argument eingeführt, das nicht ohne Widerspruch bleiben darf. Herr Makower stellt (Nr. 50 d. Bl.) die Frage nach dem Zweck der Kämpfe für die Hebung der Stellung der Rabbiner und meint, daß man in bisherigen Zuschriften auf diese Frage die Antwort schuldig geblieben sei — obwohl füglich bei Allen, die in dieser Angelegenheit das Wort ergriffen, der selbstverständliche Zweck vorausgesetzt werden darf: das Judenthum zu heben, ihm mehr Kraft und Ansehen zu verleihen und den in modernen Gemeinden allgemein empfundenen Niedergang des religiösen Lebens aufzuhalten. Herr Makower vermuthet aber einen anderen Zweck und meint, daß „seitens der meisten Derjenigen, welche die jetzige Gemeindeverfassung (in Preußen) angreisen, nichts anderes beabsichtigt wird, als eine Verstärkung der strenggläubigen Richtung innerhalb der jüdischen Gemeinden." Dem gegenüber könnte es genügen, darauf hinzuweisen, daß Männer von ebenso unbestrittenem Freisinn wie gründlicher Kenntniß der Entwickelung des Judenthums, gegen die unselige Laienherrschaft in unseren Gemeinden entschieden Stellung genommen haben. Adolf Jellinek, der sein Leben lang mit flammenden Worten die Strenggläubigkeit bekämpft hat, der mit allen Fasern seiner Seele nicht nur der „freieren", sondern der freiesten Richtung angehört hat, verdient gewiß gehört zu werden; und von ihm sind folgende Sätze an die Adresse der Vertheidiger der Laienherrschaft: „Entweihet nicht meinen heiligen Namen! Ein Ghilul ha-Schem, eine Entwürdigung des Judenthums ist es, wenn ihr die Völker und deren Regierungen in der Ansicht bestärket, daß bei euch Jeder thun dürfe, was ihm beliebt, daß bei euch Jeder berufen und berechtigt sei, in religiösen Angelegenheiten mitzureden, mitzurathen, mirzustimmen. Wohl trennt keine Scheidewand Priester von Laien in Israels Ge-

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