Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- Seite 622 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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622 Gin Weihnachtsabend. Von'Henrik Wergeland. i) (D wer erlebte Ein Wetter nicht, vor dessen Wuth er bebte? Ein Wetter, das nicht Gottes Vaterhuld Schien zu entstammen. Mit dem vielmehr sein Grimm neu zu verdammen Schien Kains stets noch ungesühnte Schuld? Ein Wetter, dessen Grauenvolle Stimmen nie sind zu vergessen? Von welchem Jeder wähnt: es ist gesandt Nur meinetwegen; Mich meint der Sturm, nur mich mit seinen Schlägen, Denn was ich that, den Geistern ward's bekannt! Ein Wetter, dessen Gewalt der Heiden Schaudern läßt ermessen Und Zweifel selbst dem Frommen bringen mag. Ob nicht Dämonen Doch zwischen Erd' und Himmel um uns wohnen. Das wie Posaunen dröhnt am jüngsten Tag? Ein Wetter, welches Die Schrecken ahnen läßt des Todeskelches; Ein Himmelwetter, das, wenn's fährt vorbei, Wie Hohngelächter Der Hölle dünkt selbst jedem Gottverächter Und Wipfel ächzen macht wie' Rabenschrei? Doch Raben bargen Sich im Geklüft; des Hungers gar, des argen. Vergaß der Wolf; kein Fuchs wagt' sich heraus; In aller Runde Kein Licht! Ins Haus ließ man die Kettenhunde . . . Manch' banges Fleh'n sucht Gott in solchem Graus! In solchem Wetter, — es war Weihnachtsabend, — Wo Nacht es ward, bevor der Tag geendet. Befand ein alter Jude, fast erliegend. Im Tiwedwalde sich, der Wüste Schwedens. Im Thale diesseits, aus den Thälern jenseits Ward voller Sehnsucht er des Festes halber Erwartet von den Mädchen, denn er brachte Im Kasten Spangen mit und Schmuck und Bänder Zum ersten, zweiten Festtag und fürs Neujahr. Auf den Ersehnten rechnet umsomehr man. Als nie der „alte Jakob" ausgeblieben Zum Weihnachtssest: er kam so sicher wie Der Weihnachtsabend selbst. In solchem Wetter ... „Horch, war das der Sturm, Der durch die Zweige heulte? Horch, dort schreit's . . . Nun schreit es wieder!"-Und der alte Jakob Hemmt seinen Schritt und lauscht zum andern Mal. Nun schweigt es, denn des Sturmes Massen stürzen Gleich wie der Bergstrom auf Ertrinkende. Er wandert wieder. — „Horch, aufs Neu' ein Laut!" Ein Laut war's, der des Wald's Gebraus durchschrillte. „Der falsche Hubro schreit oft wie ein Kind. Wer läßt ein Kind heraus in solchem Wetter? Der Wolf selbst thät' es nicht mit seiner Brut." i) Henrik Wergeland (1808 -1845) war bekanntlich der größte Dichter der neueren norwegischen Litteratur. Er war ein ebenso großer Patriot und Menschenfreund, der erste, der für die Gleichberechtigung der Juden in seinem Vaterlande -mit großem Eifer eintrat. Das obige Gedicht ist von P. Willatzen ins Deutsche übertragen worden. D. Red. Und weiter stolpert durch den Schnee der Alte. Da schrie es wieder —: alle Zweifel schwinden; Denn diese Sturmeswoge, welche einen Gewund'nen Schneesturm drüben überm Walde Hinwirbelt schon, hat einen Menschenlciüt, Ein einzeln Menschenwort vorbeigeführt. Und eilends wendet er sich nach der Gegend, Sich tiefer in den Wald hineinarbeitend Und tiefer in den Schnee und in die Nacht, Die sich wie eine schwarze Felsenwand Vor jedem Schritt erhob, durchleuchtet nur Von Schneegestöber, als sei angesüllt Der ungeheure, weite Wald ringsum Von fliegenden verschleierten Gespenstern, Die heulend in den Weg sich vor ihn stellten. Auf luft'ger Zeh' sich wirbelnd, grausig wachsend. Und im Gewirr der Stämme dann verschwanden. Doch vorwärts kämpft der Greis sich durch den Sturm. Schwillt dieser, wandert er; wenn der den Athem An sich zu halten scheint, lauscht auf den K.nie'n er. Doch flugs springt er empor und dringt durchs Dunkel, Wie sich der Gnom durchs Bergesinn're tastet. ... Er hört nichts mehr. . . Es bebt bei dem Gedanken Der Alte, daß ihn böse Geister packen. Und murmelt die Gebete, die er weiß. Da klagt es wieder, dieses Mal ganz nah'. Sein eigner Ruf dem Sturm entgegen kehret Zurück zu seinem Mund nur, aber dort! Zehn Schritte nur, regt etwas Dunkles sich Im Schnee, als wenn der Sturm mit einem Baumstumpf. Der von der Wurzel abgelockert, spiele. „Jehovah! o, ein Arm! Ein Arm, o Gott! Ein Kind, ein Kind! . . . doch tobt!" Ach, dachten wohl die Sterne dieser Nacht, In welcher einst der Bethlemsstern erschienen. Daß doch auf Erden Gutes nicht geschehe? Denn her sah keiner, wie der alte Jakob, So froh, als wenn er einen Schatz gefunden. Fort seinen ganzen Reichthum warf, den Kasten, Wie er sein Röcklein auszog, wie er's hüllte Ums Kind, wie er die eigne Brust entblößte. Des Kindes kalte Wangen daran schmiegend. Bis seines Herzens Schlag es neu belebte. Dann sprang er auf. Doch wohin nun? Der Sturm Hat seine Spur verweht. — Das schreckt ihn nicht. Denn in dem Dounerschwall der Waldeswipfel Vernimmt er Davids Jubelharfen nur. Er sieht in dem Gestöber Cherubim, Mit schwanenweißen Flügeln Pfad ihm weisend. Und in dem Drange, der ihn fortzieht, spüret Er einzig nur die starke Hand des Herrn. Doch wie ein Haus im wilden Tiwed finden In solcher Nacht, wo jedes Licht erloschen? Und halbwegs gab es nur ein einz'ges Häuschen Deß nied'res Dach vom Schnee, die schwarze Wand Von einer Klippe nicht zu unterscheiden. Ein Wunder lenkte seinen Fuß dahin — Dort sank er nieder. Weiter trug's ihn nicht. Und mancher Windstoß kam, eh' er's vermochte. Mit seiner Last sich an die Thür zu schleppen. Leis' klopft' er Anfangs, denn das Kindlein schlief. Da erst vermißt er den verlor'nen Kasten. Denn nichts besaß er ja,, damit zu lohnen Den guten armen Leuten, die ihm eiligst Die Hütte gastfrei öffnen würden.