Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- Seite 621 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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»7M MMWWWUWMWW 621 Rachels zuckte ChluU in die Höhe, die verweinten Augen schienen ihn groß und vorwurfsvoll anzublicken: „Ruhig, ruhig," flüsterte ihm Tycho de Brahe zu. „Ruhig," antwortete mit wilder Heftigkeit der Graf, „wenn sie mir nahe ist? Befiehl dem stürmischen Meer, daß es sich plötzlich glätten soll wie ein blauer Spiegel, oder dem Wachs, daß es der Flamme trotzen soll, die hartes Eisen zerschmilzt. Ruhig soll /ich sein? Versuche es mit dem Stein, der zur Tiefe nieder rollt, ob er die Wucht des Laufes hemmen und stille stehen kann. Laß.mich zu ihr!" Der alte Isaak, der jede seiner Bewegungen argwöhnisch beobachtet hatte--faßte seine Tochter am Arm und fragte: „Was befehlt Ihr, hoher Rabbi?" Der Rabbi zog ihn bei Seite und sprach nach-einem Winke des Kaisers mit ernster, bebender Stimme: „Der Ritter liebt Deine Tochter, willst Du ihr entsagen, daß er sie heimführen kann in sein Haus und in den Tempel der Christen?" Löb ben Isaak prallte zurück und stotterte: „Was sagt Ihr, hoher Rabbi, meine Tochter soll eines Christen Weib sein?" „Bedenke es wohl," fuhr der Rabbi, gewaltsam ein ungeheures Gefühl zurückdrängend, fort, „er ist ein edler Graf, der hoch in unseres gnädigen Kaisers Gunst steht, und besten Fürsprache viel Nutzen unserer Gemeinde bringen könnte." Mit'stummer Verwunderung hatte der Jude den Rabbi angehört und sprach jetzt: „Ihr, hoher Rabbi, rathet mir, daß ich mein Kind aufgeben soll, mein einziges Kind?— Derböse Geist, der in den Nabuchodonosor gefahren, soll eher ihr Gatte sein als wie ein Ritter." Der Rabbi trat mit raschem Entschlüsse zurück. „Was, will der Jude nicht?" sagte Tycho de Brahe auflodernd. „Befehlt es ihm!" „Herr," antwortete festen Tones der Rabbi,, „ich habe mir vielleicht jetzt schon siebentausend Herzen, die mir unbedingt vertrauten, in diesem Manne entfremdet, weil ich der Herold Eueres Willens war. Vergebt dem Knecht; denn über das Leben geht mir die Achtung und das Vertrauen meiner Brüder und mein heiliger Glaube!" „Der arme Chlum," sagte der Kaiser, mitleidig den Grafen betrachtend, zu Tycho, „wir müssen ihm doch helfen. Sagt dem Manne im Namen des . Kaisers, daß er seine Tochter aufgeben soll." Isaak faßte wieder die Hand seiner Tochter, diesmal mit dem Entschlüsse, die Stube mit ihr zu verlassen. Da stürzte Chlum, alles um sich her vergessend, auf,sie los, stieß den Alten zurück und schloß Rachel in seine Arme., „Laßt mich, Herr Graf," flehte diese, „der Schritt zu Euch hinüber führt in die ewige Nacht." ' „Nacht, wie kommst Du Lichtgestalt zu diesem Worte, denk' unserer Liebe, sie führt in den Himmel, laß Deine Vergangenheit hinter Dir und mich die ewige Scheidewand sein zwischen Dir und dem Zorn der Deinen." Da riß sich Isaak los, den Tycho gebieterisch am Rockelor gefaßt hatte, und schrie: „Wer seid Ihr, daß Ihr droht, ich will nicht!" „Zittre, Jude, vor dem Zorne des Kaisers!" „Weh', wollt Ihr mir mein einzig Kind rauben? Zu Hilfe, hoher Rabbi, zu Hilfe!" und zu Chlum sich wendend, fuhr er mit gesteigerter Heftigkeit fort, „gebt mir mein Kind, gebt mir meine Rachel! Großer Gott, Gott Abrahams, tausend Jahre habt Ihr uns verfolgt mit Euerem Haß, habt unser Blut verspritzt, unser Gold geraubt, und nun verfolgt Ihr noch, nicht satt vom Elende der Väter, unsere Kinder mit Euerer Liebe und blendet die Augen der Töchter Israels mit dem Glanze Eueret Waffen und bethört ihr mit dem Klang Euerer Sporen."... Gleichgiltig, fast hart, erwiederte Chlum: „Gieb Dich zufrieden, Alter, morgen soll sie mir vor dem Mare —" „Weh'/ vor Eurem Altar! Und wo-soll ich stehen? Vor der Thüre draußen? Nicht einmal vor der Thüre darf ich stehen, sonst ' würde mich der Büttel beim Bart fasten und sein Stab meist graues Haupt schlagen." Rachel wollte sich, von den Wehlauten des Alten erschüttert, aufs Neue dem Arme des Ritters entwinden. Dieser aber faßte sie nur um so stürmischer. Da rief Isaak aus: „Rachel, als Deine Mutter starb, da warst Du ein kleines Kind, sie legte die kalte Hand auf Dein Haupt und sprach: Du sollst so fromm sein wie Rachel und Deinen Vater ehren wie die Tochter Jephtas, der ein Held war vor Gott und seinem Volk. Willst Du die Mutter im Grabe weinen lassen, und soll Dein alter Vater allein Zurückbleiben, während Du ins Land der Fremden fliehst?" Rachel verbarg das Gesicht in beide Hände, sie schwankte sichtbar hin und her. Isaak und der Rabbi blickten sie mit ängstlicher Spannung an, und aus krampfhaft bewegter Brust rief Chlum: „Halte aus, meine Liebe, es ist der letzte Kampf, den Du bestehst." Da schlug der Kaiser den Mantel zurück und streckte die Hand befehlend gegen den Alten aus. Der Rabbi verhüllte das Haupt und wandte sich ab. Isaak hatte kaum das goldene Vließ erblickt, als ihm eine innere Stimme zuzurufen schien, daß ein Gewaltiger vor ihm stände, auf' dessen Wink -fein Kind rettungslos für ihn verloren sei. Er fuhr mit einem Schrei der Verzweiflung in die Tasche seines Rockelors, ein Moment, und Rachel stürzte mit durchbohrter Brust in die Arme des Ritters. Kaum aber fühlte der Alte, der den tödtlichen Streich geführt, sich vom hochaufspritzenden Blute seines Kindes getroffen, als er todtenbleich ward und winselnd zu den Füßen des Rabbi zusammenbrach. Alles war entsetzt Über die ungeheuere That, am meisten der Rabbi, der mit bebenden Lippen, das Gesetz des Herrn aussprach: „Du sollst nicht tödten." Chlum von Nowidwor, erst erstarrt, dann wie eine Flamme auflodernd, hatte das Messer vom Boden aufgerafft, um den Alten zu durchbohren. Da umklammerte. Rachel mit der letzten Kraft seine Kniee, und Tycho de Brahe entwaffnest den Wüthenden. Der Kaiser hatte beim Anblick des fließenden Blutes das Haupt abgewendet und ergriff den Astronomen am Arm, um mit ihm das Gemach zu verlosten. Tycho winkte dem Rabbi, den Alten zu entfernen, aber ein Blick in das gebrochene Auge des Greises überzeugte ihn, daß die Vergeltung der That so schnell gefolgt sei wie der rollende Donner dem Blitz. Der Rabbi hatte sogleich, vom ersten Schrecken sich erholend, alles angewendet/das unglückliche Opfer retten. Aber sein sicherer Blick erkannte bald, daß menschliche Hilfe hier zu spät sei. Der Stoß war mit tödtlicher Kraft geführt worden. Schweigend verließen der Kaiser und sein Astronom das Haus des Schreckens. Chlum, über Rachels erblassende Leiche geworfen, küßte den schönen Mund, der den Druck seiner Lippen nicht mehr zu erwiedern vermochte. Mitten in dieser Szene des Gräuels und der Zerstörung stand der Rabbi mit aufgerichtetem Haupt und die Hände erhoben, während er die Worte des Klageliedes sprach: „Gebrochen ist die Blüthe und der Baum, Die Axt des Zorns hat seinen Stamm gefällt. Jeschuruns Kinder, weint ob Euerem Loos, Und mischet Euere Thränen in mein Lied!" _