Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- Seite 620 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228255--54241-3268211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
620 diesem Orte nahest, so. wird es dir ergehen/ wie du mir gethan hast." Das Wort, geht buchstäblich in Erfüllung: Der Mörder er--^ hängt sich an einem Ast dieses Baumes. . Erscheint hier die Romantik nur dadurch gemehrt', -daß die. aktenmäßigen Thatsachen verschärft, zusammenrückt und? in grelleres Licht gesetzt sind, so mußte die Dichterin aus anderen Quellen schöpfen, um in der Schilderung der Bauern den gleichen Eindruck zu erzielen. Sieht man von der Warnung des Försters ab, des Nachts nicht durchs Holz zu gehen, so enthalten die Akten keiner? Zug, der auf eine besondere Unheimlichkeit der Gegend schließen ließe; das Verbrechen des Winkelhannes erscheint als ein Ausnahmefall. der, sich überall zutragen kann, wo die gleiche Voraussetzung vorhanden ist: der furchtbare, alles Rechtsgefühl und alle Menschlichkeit ertödtende Haß gegen dieJuden. Wie anders in der Novelle! Ein düsterer, armseliger Erdenwinkel, von ebenso verschlagenen' als gewaltthätigen Menschen bewohnt, das ist der Schauplatz der „Judenbuche". Hier sind „die Begriffe der Einwohner von Recht und Unrecht einigermaßen in Verwirrung gerathen;" der Menschenschlag ist „unruhiger und unternehmender als seine Nachbarn, Holz- und Jagdfrevel an der Tagesordnung und bei den häufig vorfallenden Schlägereien hatte sich jeder selbst seines zerschlagenen Kopfes zu trösten". Das Heimathsdorf des Mörders gilt „für die hochmüthigste, schlaueste und-kühnste Gemeinde des ganzen Fürstenthums." Alle Welt steht im Kampfe gegen einander: Bauer gegen Bauer, dann die Bauern gegen den Gutsherrn, die Förster,'die Juden; kurz vor der Ermordung des Juden wird ein Förster erschlagen. Diese Schilderung ist weder ganz wahr noch ganz erfunden; Phantasie und Beobachtung Haben gleichen Antheil daran. „Das Wilddieben und Holzstehlen," schreibt die Dichterin im Sommer 1839 an ihren Freund Schlüter,"als sie wieder in dieser Gegend verweilt, „geht überhaupt noch seinen alten Gang, noch ärger das Kontrebandiren über die ganze Lippesche und Braunschweigische Grenze. . . Vorgestern in der Nacht hörten wir Geschrei und Schießen vor unserer Pforte . . . Getödtet ist Niemand, verwundet wahrscheinlich einer oder der andere; aber das bleibt-still, Niemand bekümmert sich darum, gerade wie vor 60 Jahren." Vielleicht hat die Dichterin eben darum, um die Wildheit der Zustände noch glaubhafter zu machen, die Handlung von 1782 auf 1760 vordatirt. Noch ungleich größer als der Unterschied im Milieu ist der in der Fabel und der Charakteristik der handelnden Personen. Im Gegensatz zum Winkelhannes ist Friedrich Mergel eine sehr komplizirte Matur, und die Dichterin hat alle ihre Kunst und Kraft darauf gewendet, glaubhaft zu machen, wie er ein Verbrecher werden muß. Der Vater ein Säufer und Tagedieb, den seine Laster zu , einem frühen, jammervollen Ende führen, die Mutter eine schwache Frau, die dem Knaben gefliffentlich, eben weil, sie es nicht anders versteht, die angeborene Empfindung für Recht und Unrecht trübt. Dem Neunjährigen gilt der Nachbar Hülsmeyer noch als ein Dieb, denn „er hat neulich den Aaron geprügelt und ihm sechs Groschen ge- , nommen. Brandes sagte auch, daß er Holz und Rehe stiehlt." Mer die Mutter: „Hat er dem Aaron Geld genommen, so hat ihn der verfluchte Jude gewiß zuvor darum betrogen. Hülsmeyer ist ein ordentlicher, angesehener Mann, und die Juden sind alle Schelme. Und Brandes ist. ein Förster. . ." Gegen Juden und Förster ist Alles erlaubt. Und so hetzt Friedrich als Achtzehnjähriger den Förster in den Tod Und ermordet vier Jahre später den Juden Aaron. Als Hesonderes, sehr'wirksames Motiv der That ist hinzüersunden, daß;• Friedrich ein Mensch von fast krankhaftem Hochmuth ist und'der Jrihe ihn, öffentlich bei einem Hochzeitsfeste um zehn Thaler für die Uhr, mit deren Besitz der Bursche unmittelbar vorher geprahlt hat, mahnt; hier also. begnügt sich der Gläubiger nicht, , sein Recht zu. fordern, sondern beschämt auch den Schuldner. Nach vollbrachter That entflieht Friedrich, mit.ihm sein Vetter Johannes, der ihm sehr ähnlich sieht. „Er war bald verschollen, vergessen, . : .? Die Judenfrau tröstete sich am- Ende und-nahm einen anderen Manm" Kurz darauflenkt -sich, der Verdacht von dem Entflohenen ab auf einen ' — Juden; im Nachbarlande - wird eine Räuberbande aufgegriffenein .Mitglied derselben, „Lumpenmoisis" genannt, sägt im letzten Verhör müs,- „daß ihn nichts so sehr gereue, als. der Mord an einem Glaubensgenoffen, Aaron, den er im Walde erschlagen; und doch nur sechs Groschen bei ihm gefunden; zU)-einem näheren Geständniß und um welchen „Aaron" es .sich gehandelt,.'kommt er nicht, weil sich „der Hund von einem Juden an einem Strumpfband, erhängt." Das scheint dem Gutsherrn genügend, zu verbreiten, daß Friedrich wahrscheinlich unschuldig sei.. Achtundzwanzig Jahre später kommt ein armer, morscher Mensch ins Dorf; es ist Friedrichs Vetter Johannes, wie er selbst sagt, von Friedrichs Verbleiben will er nichts wissen. Er wird gut ausgenommen und erhält sein. Gnadenbrod im Schlosse, wird aber immer verstörter und verschwindet. endlich, bis er als' Leiche am Aste der Judenbuche entdeckt wird. An^ einer Narbe wird erkannt, daß der Selbstmörder nicht Johannes, sondern Friedrich Mergel gewesen. „Die Leiche wird auf dem Schindanger verscharrt." — --II —| 1-:--T. 1!-1 1—-9 MMMnevÄ WBfllUilnffm 1 n | FEUILLETON | 1 C-^l 1-1 I— ----^-----—I I-1 1-^— Kaiser und Nabln. Historische Erzählung. . ■ V. n ihrem Kämmerlein, dessen Thür der zürnende Vater hinter sich verschlossen, saß auf ihrem Bette die schöne Rachel, ein Bild des tiefsten Schmerzes. lieber den weißen Busen -hing aufgelöst das glänzend schwarze Haar, ihre Augen glichen zwei Quellen, ihre Wange aber einer verdorrten Flur. Vor ihrem Gedächtnisse zogen wild und verworren die Bilder der jüngsten Vergangenheit vorüber, sie hörte die stürmischen Worte des Geliebten und das heisere Wehgeschrei des greisen Vaters zugleich. Da kam es ihr vor, als würde an die Thür gepocht, sie horchte auf und vernahm, wie der Vater die Treppe hinabschlurfte und nach einigen Worten den Riegel zurückschob. Als sich nach einer Weile ihrer Thür Schritte näherten, schrak sie zusammen, als stünden blutige Rächer vor ihrer Thür. Der alte Löb ben Isaak trat herein und gebot ihr, sich anzükleiden und ihm zu folgen. Sie hatte nicht den Muth, zu fragen, wohin, sondern ordnete schweigend ihr Gewand und ging mit dem Vater auf die Straße hinab, wo Aaron, der Diener des Rabbi Löb, ihrer wartete. Schweigend schritt sie hinter den beiden Männern her, welche angelegentlich zusammen flüsterten; als sie sah, daß sie vor des Rabbi Thür anlangten, faßte sie wieder Muth. Sie stiegen die Treppe hinauf und traten in das Gemach. . Der Kaiser hatte sein Haupt wieder verhüllt, der Graf und Rabbi Löb standen vor ihm. Ersterer gefaßter, wie es schien, der Rabbi aber mit tiefer Schlvermuth in den Augen. Beim Anblick