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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-24 · Heft 52 (24.12.1897) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 52 (24.12.1897)
Date
1897-12-24
Page
Seite 619 (sequence 7)
Language
German
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619 an der Menschheit verzweifeln? Ich möchte im bitteren Sarkasmus sagen.: * 22 O'in'1 UD3 Fürwahr, auch der edlere Theil unter den Menschen läßt sich Hinreißen! Der langen Rede kurzer Sinn ist: Für Salomon Pleßner und seine Gesinnungsgenossen ist das Judenthum als eine Religionsgenossenschast der lebendigen That anzusehen. *) Solchem Judenthum genügt keine bloße Betrachtung, kein historischer Rückblick, kein kritischer Scharfblick, kein poesieumflossener Fernblick, keine theoretische Umschau! — Mit einem Worte: Ideal ohne Wirklichkeit, Gedanke ohne pulsirendes Leben, Gemüth ohne treibende Seelenkraft gehörten für Salomon Pleßners Judenthum in das schrankenlose Gebiet der Phrase. -$#«- Eine Novelle und ihre Onellen. Von Karl Emil Franzos. II. as. gleiche Ziel, der Wahrheit die Ehre zu geben, erweist aber auch nicht blos der Inhalt, sondern auch die Art derDarstellung. Es ist alles beigebracht, um Juden und Bauern so erscheinen zu lassen, wie sie damals waren. Die verachtete Stellung der Juden, ihr demüthiges Wesen, das brüderliche Zusammenstehen und der Rachedurst der Unterdrückten sind greifbar klar geschildert; der Jude Pinnes, dem selbst der freundliche Förster, der mit ihm in Geschäftsverbindung steht, nur deshalb Feuer für die Pfeife giebt, weil man solches „auch keinem Juden abschlagen darf", ist ein ehrlicher Mann und erleidet ohne Verschulden sein Schicksal; seine Forderung war eine rechtmäßige, er hat sie auf gesetzlichem Wege geltend gemacht; er wird ermordet, Weiler „ja man deJaude" ist, und nur deshalb. Aber mit gleicher Objektivität wie das Opfer ist auch der Mörder geschildert: Keine Verbrechernatur, sondern vielmehr ein „frischer Bursche", den es zunächst nur eben ärgert, das „nicht einmal gut ausgefallene Tuch theuer zu bezahlen"; bei diesem Aerger würde es sein Bewenden haben, wenn der Verläufer nicht eben eine „verflogte Schinnertewe von Jauden" wäre; nur daraus kommt ihm die Keckheit zum Ableugnen und Drohen; die Anderen bestärken ihn darin; sein eigener Herr, der Bauernvogt, also ein Stück Obrigkeit, giebt ihm den Rath, den Inden „vörm Kopp" zu schlagen; nur durch diesen Zuspruch fühlt er sich zu der That ermuthigt. Hingegen glauben ihm die Akten und darum auch der Erzähler nicht, daß es sich um einen Todtschlag und nicht um einen Mord gehandelt, wohl aber wird die Darstellung seiner Empfindungen nach dem Morde und wie er sich durch den Opferpfennig für die Mutter Gottes im Gewissen völlig erleichtert gefühlt, wieder als durchaus glaubwürdig und authentisch angeführt. Ebenso werden die Leiden des Sklaven, der jammervolle Zustand des Heimgekehrten objektiv, aber mit ebenso viel menschlicher Theilnahme vor uns hingestellt wie zuvor der Schmerz der jüdischen Wittwe. So spricht aus dem Akten-Anszug ein Rechtsgefühl, wie man ihm selten begegnet. Ueber Juden und Christen steht das Recht und als sein Vollstrecker das Gewissen. Der Mord verlangt seine Sühne; für den Verbrecher spricht die Verleitung der Anderen, seine formale *) Wer nicht jene ins religiös-praktische Leben tief eingreifende werkthätige Gottesfurcht mit seinem Kennen und Können harmonisch vereinigte, der war für meinen Vater eo ipso ein Qijgj nsbro mim- Die Meinungsfreiheit Anderer wird hierdurch nicht gehemmt. — Niemand aber hat einen Salomon Pleßner so ververehrt wie eben der von Veit verehrte Sachs. Frömmigkeit, das harte Schicksal in der Sklaverei, aber die Thatsäche, daß an seiner Hand Menschenblut klebt, wird dadurch nicht beseitigt. Das weltliche Gericht kann ihn nicht mehr dem Henker überliefern: so wird er sein eigener Henker. Erst damit ist die That gesühnt, und darumdarf „dem Menschen, über dem ein ' ungeheures Unglück am Himmel gestanden", ein ehrliches Begräbniß nicht versagt werden. Dies die Quelle der „Judenbuche"; ihre Vergleichung mit der Novelle soll hier nicht'Zug um Zug und bis ins Kleinste durchgeführt sein. Nur auf die Hauptsachen will ich Hinweisen. Die äußeren Verschiedenheiten sind sehr beträchtlich; soweit sie Nebenumstünde betreffen, sind sie gewiß nicht beabsichtigt. Der Gesammteindruck der mündlichen Erzählung ihres Großvaters und des von ihrem Oheim augefertigten Akten-Auszugs hatte sich der 'Dichterin tief eingeprägt, die einzelnen Namen und Daten nicht, und da sie die richtige Empfindung hatte, der Stoff verlange eine durchaus korrekte Ausgestaltung, so ersetzte sie diese ihr entfallenen Namen und Daten durch andere. Der Mörder heißt Friedrich Mergel, das Dorf Bellersen, nicht Ovenhausen, die That wird im Herbst 1760 begangen (in Wahrheit 1782); Motiv der That ist die Mahnung wegen einer unbezahlten Uhr, Mergel war Sklave in Konstantinopel und wird durch ein holländisches Schiff befreit. Anders die Verschiedenheit in den Hauptsachen. Auch sie ist sehr beträchtlich, auch sie kauin bewußt beabsichtigt, aber nicht zu-' fällig wie die int Kleinen, sondern durch den künstlerischen Instinkt, durch die Weltanschauung der Dichterin geboten. Die einfachen Linien der Ueberlieferung genügen ihr nicht; sie schmückt sie in reicher und eigenthümlicher Weise aus. Zunächst wandelt sich der kulturgeschichtliche Hintergrund ins Seltsame, Romantische, ja Unheimliche. Ein Kulturbild entrollt ja auch der Akten-Auszug, sogar ein überaus anschauliches, nur ist hier der Gegensatz zwischen der christlichen und jüdischen Welt das. einzige Auffällige; im Uebrigen blicken wir, was die Bauern betrifft, in nüchternes Leben. Anders in der Novelle. Schon die düstere Judenwelt erscheint in ihrer Abgeschlossenheit noch fremdartiger als im Bericht. In einer Sturmnacht entdeckt die Jüdin im Walde den Leichnam ihres Gatten und ruft um Mitternacht, unter Donner und Blitz, den Gutsherrn zur Sühne des Frevels auf. ,„Aug' um Auge, Zähn um Zahn!"' — dies waren die einzigen Worte, die sie zuweilen hervorstieß." Auch die Theilnahme der Juden, dann ihr Mühen, den Mörder der Strafe zuzuführen, erscheinen gesteigert. Im Gegensatz zu dem thatsächlichen Vorgang versuchen sie sich durch Geld Helfer unter den Bauern zu erkaufen. Erst nachdem dies fruchtlos geblieben, findet sich eine Deputation beim Gutsherrn ein, ihm den Baum äbzukaufen. Allerlei kleine Mittel steigern das Unheimliche des Vorganges. Die Juden erbitten nicht die Erlaubniß, eine Inschrift anznbringen, sondern machen ihr Angebot, ohne den Zweck zu nennen. Der Gutsherr weigert sich, endlich kommt der Handel gegen Zahlung von zweihundert. Thalern zu Stande. „Darauf sah man an einem Abend wohl gegen sechzig Juden, ihren Rabbiner an der Spitze, in das Brendeholz ziehen, alle schweigend und mit gesenkten Augen. Sie blieben über eine Stunde im Walde und kehrten dann ebenso ernst und feierlich zurück, durch das Dorf Bellersen bis in das Zellerfeld, wo sie sich zerstreuten und jeder, seines Weges ging." Am nächsten Morgen findet sich eine hebräische Inschrift im Baume eingehauen, welche die Dichterin zunächst auch nur in hebräischen Zeichen (offenbar mit Hilfe ihres gelehrten Hauskaplans) wiedergiebt. Die deutsche Uebersetzung wird , erst in den letzten Worten der Novelle gegeben: „Wenn du dich

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