Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- Seite 618 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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618 Und ein Eduard Israel Kley, der alte Reformprediger in Hamburg, bekannte laut und öffentlich nach einem Vortrage meines Vaters in der Hamburger Portugiesen - Synagoge: „Wenn ich Salomon Pleßner in meinen Jünglingsjahren nur hätte ahnen können, so wahr, wie ich hier im Gotteshause stehe, ich wäre nicht Kley geworden! Was Pleßner auf mich gewirkt, das ruhet in meiner Brust!" Er widmete ihm in den „Hamburger Nachrichten" ein Akrostichon, das da schließt : „Einen Pl.essner erwirb dir, o Hamburgs gläubiges Israel! Rasch dann erblüht dir des Glaubens uralte Ceder!" Was Veit ferner meinen Vater sagen läßt, daß „wenn er gebadet, gebetet und gelernt habe, die Auslegung ihm wie durch Inspiration kommedas habe ich in gleicher Weise aus dem Munde seines großen Freundes Michael Sachs gehört. Sachs erzählte mir folgende Begebenheit aus seinen Studienjahren: „Es war an einem Sommer-Freitag-Nachmittag, als ich Hegel hörte. Die. Thesen, die er im Kolleg ausstellte, waren geradezu verwüstend für ein gläubiges Herz. Mein fester Glaube an UTTim WDK gerieth ins Wanken, wenn ich die gehörten Heget'schernPhilosopheme einem Blatt „G'mora" gegenüberfiellte, und ich fühlte mich an jenem Nachmittag tief unglücklich! Da schwebten mir mich gleichsam ermunternd, alle die Glogauer Talmide Chachamim und Zadikim vor; ich raffte mich auf, schleuderte das Kollegimheft von nur, sammelte mich zu einem innigen, inbrünstigen Miucha-Gebete, weinte wie ein Kind, als ich an die Formel kam: ,nn DiH pin NN8 ,ninn pin ’"«":> nn nrn -[n«ö impi und siehe da, Gott erleuchtete mich, und die ganzen Hegelschen Axiome gingen in ihr ödes, leeres Nichts wie Phantasiebilder auf!" Tief erschüttert stand ich da, als ich aus so sprachgewaltigem Munde diese Aeutzerung damals hörte. Was Veit endlich über den exegetischen Standpunkt meines Vaters sagt, das soll durch meines Vaters eigene Worte widerlegt .werden. Diese Worte, entlehnt seinen „Reden", Jahrgang II, Band I und II, Berlin 1837, Seite 116—119 aus dem: „Vorwort zu den Kollektionen biblisch-exegetischen Inhalts", charakterisiren ihn als Gelehrten und als Jehudi iu einer Weise, daß jeder Vernünftige nur beistimmen kann. Mein Vater schreibt u. a.: „Das Bibclstudium ist bei allen den herrlichen Leistungen und Bestrebungen der neueren Zeit noch nicht so weit gediehen, als es schon hätte gedeihen können und sollen. Denn wiewohl in neuerer Zeit gründliches Sprachstudium überhaupt-großes Licht auch über die Schriften des Alten Testaments verbreitete, und man, die Einseitigkeit früherer Schulen zu vermeiden anfangend, sich einen glücklichen Weg zur Interpretation — der der semitischen Dialekte —, der übrigens bei mehreren älteren jüdischen Auslegern längst eingeschlagen war, bahnte, so hatte doch der allzu große Eifer,, mit welchem man diesen Weg verfolgte, nicht wieder eine gewisse Einseitigkeit, zur Folge, die längere Zeit, und zwar zu keinem sonderlichen Vortheile des Bibelstudiums/ wenigstens zu keinem solchen, wie man ihn erwartete, sortdauerte. Man verlor sich auf ferne Abwege, das ängstlich suchend, was oft so sehr nahe lag. Man zog die semitischen Dolmetscher auch da ins Gespräch, wo das hebräische Original nur allzu verständlich redete, ohne jede Fremdhilfe eines Vermittlers zu bedürfen. Diese mit solchem Eifer ergriffene neue Bibel-Kommentar-Weise schien die älteren Ausleger ganz verdrängen zu wollen. Sehr sparsam geworden war schon die Benutzung von Auslegern, wie Raschi, Aben Esra, Kimchi, Abarbanel?) in Kommentaren, die nur mit arabischen und syrischen Etymologien zum 9 „Andere als Ralberg, Nachmanives, Seforno, Naschbam, u. dgl. wollte man kaum dem Namen nach kennen, und fast ganz unbenutzt blieben die Schätze ihrer exegetischen Weisheit." Ueberflusse angefüllt waren. Wie viel Unnatürliches und daher Unwahres hierdurch der armen hebräischen Sprache — als müsse sie das Schicksal ihres Volkes theilen — aufgedrungen wurde, braucht wohl besseren Exegeten kaum bemerkt zu werden. Dieser Uebelstand erreichte zwar auch seine Grenze, Männern wie Rosenmüller, de Wette, Gesenius, die mehr als ihre nächsten Vorgänger auf das, was der biblischen Exegese noch fehle, aufmerksam wurden, gelang es, eine schon mehr .geläuterte und natürliche Auslegung auf die Bahn zu bringen. Sie fingen, bei aller Vielseitigkeit und Gründlichkeit ihrer Forschungen, dennoch an, das Bibelstudium auf eine gleichsam ursprüngliche Reinheit und Einfachheit zurückzuführen. Mit ihren nächsten Vorgängern, der Hallischen Schule, war jenem Studium zwar schon eine Morgenröthe, aber noch keine Sonne ausgegangen. Noch war die allzu kühne Benutzung des Arabischen bei dem sonst so hochverdienten Dr. Paulus zu rügen,') noch konnte mansch nicht ganz von der Weitschweifigkeit und den Manieren der holländischen Kommentirweise befreien, noch war — um mit Gesenius zu reden — kein glücklicher Mittelweg zwischen dem Festhalten des Traditionellen ynd der erneuerten Forschung mit Hilfe der Dialekte gesunden?) Erst mit Rosenmüller, de Wette und Gesenius beginnt diese Mittelstraße in der christlichen Exegentenwelt sich zu eröffnen. Es werden nun nicht "nur die älteren hebräischen Interpreten zu Rathe gezogen, sondern bisweilen sogar Rabbinen oder talmudische Schriften benutzt, insoweit daraus gewisse einfache, nahe liegende Materialien zu Gebote standen. Man schritt nun auf diesem, von letztgedachten Theologen eingeschlagenen Wege der Bibelinterpretirung fort, und wurden in der neuesten Zeit auf diesem Wege gewiß sehr herrliche Erscheinungen im Gebiete der Bibelexegese zu Tage gefördert. Aber wie viel, wie unaussprechlich viel ist auf diesem großen Wege noch zu thun! Daß die Mittelstraße auch in diesem Gegenstände die beste sei, hat allerdings der hellere Geist unseres Jahrhunderts erkannt. Aber welche ist diese? Wo ist die rechte Mitte? Wo bedarfis des Dialektenbeistandes, und wo ist jedes Nachsuchen desselben überflüssig? Wo haben die Rabbinen einfach interpretirt und sind geradezu zu benutzen, und wo mutz die herrliche und einzig richtige Deutung aus einem Bilde, einem Gleichnisse, einer witzigen Redeweise künstlich, enträthselt werden? Welches sind die Hilfsmittel zu dieser Enträthselung? Wie sind Midraschim zu benutzen? Ist das Buch Sohar, das oft wahre Fundgruben für das hebräische Sprachstudium enthält, gar nicht zu gebrauchen? Wie muß es mit den biblischen Bildern selbst gehalten werden, auf deren Schwierigkeit der heilige Kodex selbst (Sprüche 1, 6) aufmerksam macht? Ist auf richtigen Zusammenhang, des Abschnittes oder einzelner Verse beim Bibelauslegen gar nicht zu sehen? Ist das nur Nebensache? Findet jedes hebräische Wort den entsprechenden Ausdruck in neuen Sprachen? Kann diesem Mangel durch die Wahl veralteter Ausdrücke somit Eins abgeholfen werden? Jst's möglich, daß ein Uebersetzer oder Ausleger ein ganzes biblisches Buch, dem größten Theile nach, oder gar die ganze heilige Schrift richtig übersetze oder richtig kommentire? Kann einer oder zehn Gelehrte eine durchgehends oder nur größtentheils zuverlässige Volksbibel veranstalten?-y Gehört — mögen diese Frage Manche immerhin mitleidig oder spottend belächeln — zur Kommentirung der Bibel, als des göttlichen Wortes, nicht noch etwas außer der Gelehrsamkeit? Bedarfs zu jener Arbeit des Herrn keiner Bescheidenheit und Gottesfurcht? keines Gott - durchdrungenen, geheiligten Geistes oder Beistandes Gottes? (Spr. 28, 5, Ps. 119). Versperrt nicht eine kühne Kritik der uns zu mächtigen Bibelweisheit sich selbst den Weg zur Wahrheit, indem sie ihn aufzusuchen und zu finden glaubt? u. s. w. Berlin, im Oktober 1836, Cheschwan 5597. S. Pleßner." Man begreift cs kaum, wie Veit, der die Schriften meines Vaters nur zu genau kannte, dennoch ein Jahr später, 1837, in der in Rede stehenden Moment-Aufnahme ein anderes Bild von der wissenschaftlichen Anschauung Pleßners geben konnte. Sollten wir ') Gesenius, Gesch. d. hebr. Schr. 8 39, die vorletzte Note u. s. w. 3) Gesenius, Vorrede zu Jesaia, S. 11; vergl. auch mein „Wort zu seiner Zeit." Breslau 1825 S. l8. Die Anmerkung. 3) So hatte mein seliger Vater an der Zunz'schen Bibelübersetzung an welcher ein ganzes Gelehrten-Kollegium arbeitete, unablässig zu rügen, zu tadeln, zu verbessern. -L