Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- Seite 617 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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erklärt, daß er Schriften mit kabbalistischen Sentenzenniemals gelesen und selbst im Sohär nur die exegetischen Stellen studirt, die mystischen aber übergangen habe. Freilich waren es geringfügige äußere Umstände, welche bei „oberflächlichen Beurtheilern" den Glauben erweckten, als wäre sein Anftreten"mystisch" u. s. w. Veit erwähnt auch eines solchen „äußeren Umstandes", z.B. des .„nicht im Bette Schlafens", wie es alte Leute zu jeder Nachtzeit thun; und da glaubte er in Pleßner die philosophische Richtung Zusehen, die durch Asketik Herr und Meister der ckenschlich-physischen Natur werden wollten, oder einen guten „Juden-Christen" aus der Paulus'schen Schule, die es sich zur Aufgabe stellte, mit Satan und ihrem eigenen Fleische zu kämpfen. Aber Pleßner, der Jesaia auf der Kanzel, weinte mit Jeremia zur Mitternachtsstunde über Zijons Fall und Verfall! Das war ein schauervolles "„Stehe aus, weheklage in der Nacht!" aus Echa; dazu befolgte Pleßner'den Ausspruch, der an der Spitze, des Schulchan Aruch steht, am frühen Morgen zum Gottesdienste sich wieder zu erheben. Wer in dieser Weise auf seinem gottesdienstlichen Posten steht, der kann unmöglich sich der Nachtruhen gleich allen Menschen hingeben. Aber Mystisches liegt diesem gottgeweihten Leben so fern wie der Osten vom Westen! Daß Veit von meinem Vater sagt: „Er hätte viel Gewicht auf sich selbst gelegt", und: „er besäße Anmaßung", dies könnte, wenn man nicht allzu genau wüßte, daß Veit vom Midrasch-Meister unb Agada-Beherrscher Salomon Pleßner spricht, der Vermuthung Raum geben, Veit hätte auch noch bei einem anderen Gelehrten, Namens Pleßner, Midrasch gelernt. Denn was meinen Vater betrifft, so kannte ja alle Welt die beispiellose Demuth, die rührende, kindliche Bescheidenheit, die ihn von sich selbst so gering denken ließen, daß Die, die ihm nahe standen, ihn in seiner Harmlosigkeit, seiner Naivetät, seiner ungekünstelten, natürlichen Einfachheit fast anstaunten. Wo findet man in Pleßners Schriften, in den „wissenschaftlichen" wie in den „homiletischen" etwas, das die Mystik oder Mysticismus trifft? Man müsse doch in den großen, umfangreichen, voluminösen Predigt - Jahrgängen, irgendwo jenes „-Schwelgen in unklaren Phantasien" entdecken! Ueberall klarer Begriff von Gottesfurcht, überall, weht der wohlthuende . Geist der gesunden Ver nunft entgegen; so daß selbst Diejenigen, die seinen religiösen Standpunkt ni ch t theilen, seinen frommen Grundsätzen nicht huldigen,Achtung vor den geisteshellen Ausführungen, denen jedes Visionäre fern liegt, erfüllen muß. Ich darf es, selbst als Sohn, sagen, daß die Demuth, die meinem Vater innewohnte, sich würdig der der biblischen Helden: „Abraham, Moses und David" anreiht, welche im Talmud. Chullin, 89 a, Gegenstand der Betrachtung ist. Dorthin gehört Salomon Pleßner! Und da die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" ein unparteiisches . Organ ist, das — fern von Engherzigkeit und Einseitigkeit — Salomon Pleßner bei Gelegenheit der Säkularfeier in erhebender Weise würdigte, so wird sie auch bereitwilligst ihre Spalten hergeben zur Auseinandersetzung seines religiös-geistigen Standpunktes. Veit schreibt ebendaselbst, meinen Vater betreffend, an Sachs: „Er hat geradezu erklärt, man könne unmöglich den rechten Sinn einer schwierigen Bibelstelle ergründen, wenn. man dabei Schinken frühstücke." Was Veit hier ausspricht, das trägt völlig ein Pleßner'sches Gepräge! Das ist ganz und voll im Sinne und Geiste meines Vaters .gesprochen! Jawohh das war die Anschauung meines Vaters! Der Leser mag hierüber denken, wie und was er nur für richtig hält, aber meines Vaters individuelle Ansicht hat Veit hier ausgesprochen, und in diesem einzigen Punkte zeigt er getreu die Gesinnung des in Rede Stehenden! . Aber das war ja auch die Denkweise eines Michael Sachs!; Wie oft hat er in geistreicher Polemik die Geißel geschwungen über Diejenigen, die da sprechen: „Die Bibel kann man als Studium, wie Horaz und Virgil, betrachten; uns interessirt nur ihre Schönheit, ihre Sprache, ihre ehrwürdige Geschichte aus dem grauen Alterthum, ihre poetische Erhabenheit imponirt uns, könnte uns zur Anbetung hinreißen. Aber wir lasten, uns keineswegs in die Feffeln der das Leben erschwerenden Gesetzgebung schlagen-!". Derartige Helden der Phrase kennzeichnete Sachs im Jahre 1863 auf der Kanzel, — Schreiber dieser Zeilen befand sich unter den Zuhörern, die an seinen Lippen hoch begeistert hingen, — durch folgende humorvolle Deutung des jesaianischen Ausrufes: „se jomar: laschem oni, wese jikro beschem Jakow“: „Ich bin Jude durch und durch, bin historischer Jude, Natjonaljude!" „wese jichtow jado laschem: „Das ist der Mann der Feder, der Journalist, der gewandte Stilist, der für seinen Gott leitartikelt"; „uwescliem Jissroel jechunne“! „Ich nenne mich Jude mit einem gewissen stolzen Bewußtsein; Israels nationales Wohl und Wehe trage ich in meiner Brust, und meinen orientalischen Typus senke ich nicht scheu zu Boden wie so Viele, die sich in christlichen Kreisen ihrer Abstammung schämen! „Nun, meinte Sachs, all. diese Redensarten vom Judenthum im Herzen und. der sabbathtichen Havana im Munde, von Begeisterung für Religion beim Glase Bier am Pessach, vom wissenschaftlichen Werthe der Thora an der trefenen Tafelrunde, sie sind für den echten, rechten Jehudi eine Verhöhnung der allerheiligsten Güter unseres Volkes!" Nehmen wir das Konkrete für das Abstrakte, so heißt dies mit anderen Worten: „Den Sinn, einer schwierigen Stelle-in der Bibel ergründen wollen beim Schinkenfrühstück!" Für Pleßner gehörte zum tjrmro m'V auch das *pni2Cö2 mb pam als unzertrennlich. „Schon für den ersten nationalen Verfall," sagt Pleßners Gesinnungsgenoffe, der feurige, geniale Samson Raphael Hirsch, im 18. Briefe seiner geistvollen „Neunzehn Briefe über Judenthum", „weisen unsere tiefblickenden Weisen den letzten Grund darin nach : rfenri rmro 12*12 d. h. daß sie Tauroh nicht mit Entschluß der Erfüllung, also nicht mit Rücksicht aufs Leben und für dasselbe getrieben. Das Leben floh aus der Wissenschaft; so konnte die Wiffenschaft auch das Leben nicht durchdringen, nicht wahrhaft erleuchten, erwärmen" u. s. w. Und dabei War mein Vater durchaus tolerant Leuten gegenüber, die nicht seinen Standpunkt theilten. Nur . ein einziger Beweis .hierfür sei mir gestattet: Auf Seite 153 seiner von mir herausgegebenen „Sabbath- Predigten" zum zweiten Buche Mosis (Frankfurt a. M., Kauffmann) sagt er: „Um Mißverständnissen vörzubeugen. bemerke ich, daß ich unter nicht etwa in Pausch und Pogen alle Minderfrommen verstehe, nein, 'es ist nur von D'W") die Rede, deren Gottlob nur wenige angetroffen werden, so Wie ja auch nicht alle Frommen: heißen werden." -- Darum gewann er auch im Sturme Aller Herzen, selbst die der radikalsten Reformer, weil er trotz seiner strengen Frömmigkeit und strengen Auftretens gegen die Weinbergszerstörer voller Liebe und Milde war.