Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- Seite 616 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Salsmsn Pleßner und Michael Kachs. Von Rabbiner Dr. E. Pleßner. err Profesior Dr. Ludwig Geiger schrieb mir am 5. August 1895: , ,,Jli der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" lese ich, daß Sie mit der Herausgabe der Schriften Ihres Herrn Vaters beschäftigt sind. Ich erlaube mir nun die ergebene Anfrage, ob'Ihr Herr Vater Ende der dreißiger Jahre und Anfang der vierzigerin Berlin lebte. In den Briefen von Veit an Sachs, die ich demnächst herausgebe, kommt eine wundervolle Charakteristik eines jüdischen Gelehrten Pleßner vor, bei dem Veit Midrasch lernte, u. s. w." Da nun mein seliger Vater thatsächlich der Lehrer und Wegweiser Veits in der Midraschim gewesen war, ihn auch liebte uüd schätzte, den intimen Freund Veits, den unsterblichen, hochgefeierten Michael Sachs, -verehrte und hochachtete, so sah ich begreiflicherweise dem Erscheinen dieses Briefwechsels auf dem Büchermärkte mit berechtigter Spannung entgegen, zumal ich, als Sohn Salomon Pleßners, durch-den berühmten Herausgeber erfuhr, daß Veit eine -wundervolle Charakteristik darin von meinem Vater entwirft. Dieser Briefwechsel liegt nun vor mir, und Ludwig Geiger darf aus den Dank und die volle Anerkennung aller gebildeten deutschen Juden rechnen, die in dem Gewühle materiellen Treibens den Sinn für Schönes und Edles noch nicht verloren haben! ■ Allein, wenn es auch unbestritten bleiben muß, daß der gelehrte Herausgeber durch die Veröffentlichung dieses hochinteressanten Briefwechsels unsere Litteratur durch unschätzbare kulturhistorische Beiträge bereichert hat, das Charaktergemälde, das Veit von Pleßner vorführt, und das Ludwig Geiger auf Seite 7 ein „kleines Kabinetstück" nennt, ist nichts weniger als erhebend für den Sohn, den esin seinen heiligsten Gefühlen verletzt; und weil dasselbe — auch abgesehen von der kindlichen Pietät, unbeeinflußt von dem subjektiven Empfinden des seinen Vater liebenden Sohnes — grundfalsch ist. Es versteht sich von selbst, daß den Herausgeber hierbei keinerlei Vorwurf trifft; sein Verdienst, die Briefe in ihrer originalen Ursprünglichkeit der Leserwelt gebracht zu haben, wird durch die — nennen wir sie meinetwegen „genialen Verirrungen" — des Briefschreibers nicht geschmälert, nicht um eines Haares Breite gekürzt. Veit sagt aus Seite 8 wie folgt: „Bei Gelegenheit der Predigtstoffe fallen mir die Midraschim ein u.s.w. u. s. w. Ich nehme bei Pleßner wöchentlich-vier Stunden förmlichen Unterricht. Wir haben gelesen: den Midrasch Echa, ein Stück in Bereschit Rabba, und jetzt habe ich die En Jacob von vorn angefangen, mit dem festen Vorsatz, ihn von Anfang zu Ende durchzulesen. Pleßner ist mir hierbei durch seine große Belesenheit außerordentlich nützlich; ich habe ihn jetzt so weit, daß wir Unwesentliches überschlagen. Ihm den eigentlich poetischen Kern begreiflich zu machen, auf den es mir ankommt, ist wohl aber schlechterdings unmöglich; er hat poetisches Gefühl, Begeisterung, ist aber ohne alle poetische Anschauung. Mir ist er selbst ein merkwürdiges Individuum, und je mehr wir mit einander bekannt werden, desto mehr vertraut er mir von seinem Inneren. Mystische Versenkung ist doch der Angelpunkt seines Wesens," u. s. w., u. s. w. „Daß er dabei ungeheures Gewicht auf sich selbst und feine Meinung legt, kommt immer mehr zum Vorschein; diese Anmaßung ist aber um so eher zu ertragen, als sie nicht auf höhere Gelehrsamkeit und Wissenschaftlichkeit, sondern eben auf jene Wahlverwandtschaft mit dem Geiste der heiligen Schriften sich stützt, die er durch sein jüdisches Leben und Denken erworben zu haben glaubt. Er hat mir geradezu erklärt, man könne unmöglich den rechten Sinn einer schwierigen Bibelstelle ergründen, wenn man dabei Schinken frühstücke; u. s. w., u. s. w. Von seinen sonnabendlichen Vorträgen, denen ich noch nicht beigewohnt habe, ist Zedner, beiläufig gesagt, entzückt und wirbt dafür: er sei der erste echt jüdische Redner, den , er gehört habe," u. s. w., u. s. w. Mein Vater soll also zwar „poetisches Gefühl und Begeisterung, aber keine poetische Anschauung gehabt haben!" .Ich bekenne offen, daß ich nicht so gebildet bin, um die so subtilen Begriffsunterschlede machen zu können. Ich weiß nur, daß Goethe sehr richtig sagt: „Durch „Vernünfteln" wird „Poesie" vertrieben. Aber sie mag das „Vernünftige" lieben." *. Veit vernünftelt hier, wird dialektisch, im Sinne der transscendentalen Dialektik; hingegen hat mein Vater nie das „Vernünftige" verlaßen. Das eben war Pleßners Größe. Er war durch und durch eine poetische Natur, sein ganzes Leben war Poesie, — wer dies im näheren Umgänge mit ihm nicht erkannte, der hatte' keinerlei Beobachtungsgabe; — aber poetische Herzensergüffe siegten nie durch schwärmerische Zaubergewalt über seine nüchterne, klare, philosophische Denkweise, gleich wie der Sohn Jischais, der Lyrik und Dialektik in seinen Psalmen zugleich vereinigte. Allenfalls ließ er sich auf der Kanzel im religiösen Feuereifer, in der flammenden Begeisterung, dazu hinreißen, für momentane Nutzanwendung ein ergreifendes Prophetenwort der Situation änzupaffen; und in diesem Augenblicke kam es ihm bisweilen nicht darauf ün, ob die Deutung des citirten Bibelverses mit der auf Wissenschaft beruhenden Exegese im Einklänge steht. Aber auf dem Lehrkatheder bibelforschend oder als schriftstellender Erklärer, wie zeigte er sich da heimisch in den orientalischen Disziplinen; als tiefgründlicher Vielwisser, als kritisch wissenschaftlicher Gelehrter — ohne durch etwaige Konjektur-Vorschläge den Boden der masoretischen Prämisse zu verlassen — trieb er Exegese. .Ich empfehle beispielsweise dem Leser den vor wenigen Monaten von mir herausgegebenen Nahum-Kommentar meines Vaters. In seinen Psalmen-Vorlesungen nahm er den feurigen Nahum als Beitrag zu Psalm 18 durch. Und wenn Umbreit schreibt: „Gewaltig schreitet Nahum daher, in den brennendsten Farben den Untergang des stolzen Niniveh malend, Bilder auf Bilder rasch wälzend, gedrungen und scharf",, so wird diese Schilderung lebendig, liest man, bezw. studirt man Pleßners Nahum-Uebersetzung und Nähum-Kommentar. Und diese wissenschaftliche Richtung Pleßners führt uns zu dem Veitsch'en Satze: „Mystische Versenkung ist doch der Angelpunkt seines Wesens!" ' Zur Widerlegung und Entkräftung dieser Behauptung laste ich meinen Schwager und Neffen, Dr. Hartwig Hirschfeld-London, für mich sprechen. Er hat mit glänzendem Erfolge übernommen, zum Säkulartage der Geburt seines Großvaters eine durchaus sachliche Biographie Pleßners zu schreiben, und sagt am Schluffe : „Für die richtige Beurtheilung Pleßners ist noch ein Punkt zu beberühren, der ein Mißverständniß zu beseitigen hat. In seinen exegetischen Auseinandersetzungen hat er, was eigentlich gar nicht zu verwundern ist, auch in kabbalistischen Schriften, zumalim Buche Sohar, nach Belegen gesucht. . Nun hat er seinen Standpunkt zu dieser Art Litteratur bei verschiedenen Gelegenheiten mit einer Deutlichkeit auseinandergesetzt, die nichts zu wünschen übrig läßt. Das Buch Sohar bezeichnet er als „Fundgruben für das hebräische Sprachstudium", aber weiter nichts. Im gewissen Sinne sind ihm „alle Propheten Kabbalisten und Moses der größte gewesen". Mit einer Geheimlehre hat Pleßner nichts zu schaffen gehabt. Offenheit war der Grundzug seines Charakters sowohl als seiner wissenschaftlichen Bestrebungen. Es hat ihn oft aufs Tiefste verletzt, wenn plumpe Verehrung ihn mit heiliger Scheu-betrachtete oder gar seinen Segen verlangte. Er hat übrigens vor seinem Ende nicht nur mündlich, sondern auch (in seinem Testamente) schriftlich