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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-24 · Heft 52 (24.12.1897) · p. Seite 615

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 52 (24.12.1897)
Date
1897-12-24
Page
Seite 615 (sequence 3)
Language
German
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615 Judenlhums bedeuten würde, und sie arbeiten weiter in der Hoffnung, daß es schließlich doch gelingen werde, der Gleichgiltigkeit Herr zu werden, die der stärkste Bundesgenosse der Orthodoxie ist. Je größer die Gefahren sind, die dem Liberalismus drohen, uni so nothwendiger wird die Organisation der freisinnigen Kreise, wird der Bestand freisinniger Vereine. Die Erkenntniß hat nun auch in Berlin zur Gründung eines dem unseren ähnlichen Vereins geführt, an dessen Spitze die angesehensten Männer stehen. Diese Erkenntniß macht es auch uns zur gebieterischen Pflicht, auszuharren und thatkrästig und entschieden dem weiteren Vordringen der Reaktion entgegenzutreten. Die Judenhetze in Rumänien fordert noch immer die Betrachtung heraus. Wahrhaft charakteristisch für die Lage sind die Verhandlungen des rumänischen Senats dom 15. d. Mts. gewesen, wo der ehemalige Minister Peter Carp eine Interpellation über diese Exzesse einbrachte. Als der Minister des Innern erklärte, daß er bereit sei, zu antworten, ergriff Herr Carp das Wort. zu folgender Rede: Die wahre Ursache der letzten Bewegung war das Projekt des Generals Berendep. Als dieser General kam, um zu sagen, daß er alle Israeliten dieses Landes als Fremde betrachten wolle, was war natürlicher, als daß diese dagegen protestirten? Sollte vielleicht ein Jude nicht das Recht haben, etwas zu reklamiren? Sind wir im Mittelalter, in der Epoche, wo man rief: „Schlagt den Juden todt?" Man will dem Juden die letzte Hoffnung nehmen, in die rumänische Familie einzutreten, und wundert sich, wenn er es wagt, mehr Gerechtigkeit zu verlangen. Trotzdem hat dieser Protest, so sagt man, eine Reaktion hervorgerufen. Das kann ja sein. Aber wenn man unter großem Spektakel eine Versammlung ankündigt, wenn die Leidenschaften entfesselt werden, konnte da die Regierung Unordnungen vorhersehen, und hatte sie die Kraft, dieselben zu verhindern? Ja, gewiß! Aber wie hätte sie dies thun sollen, wenn der Minister selbst gestern in der Kammer erklärte, er könne es nicht dulden, daß die Juden uns insultiren? Pherekyde, unterbrechend: Ich habe das nicht gesagt. Carp: Sie haben gesagt, daß die Juden keine Rechte in diesem - Lande haben. Sie haben, vielleicht unbewußt, zu verstehen gegeben, daß Sie die Akte der Devastation mißbilligen, und man erfährt heute daß die Polizei mit den Manifestanten fraterniürt hat. Der Minister hat uns gesagt, daß er in Zukunft die Bewegung wird verhindern können. Diese Bewegung wird, insbesondere unter dem.gegenwärtigen Minister des Innern, noch mehr ausarten. Sie haben die Judenfrage aufgerollt. Haben Sie sich Rechenschaft davon gegeben, was Sie wollen? Ihr Gesetz Verenden ist dazu angethan, den rumänischen Handwerker umzubringen und die Thätigkeit der Israeliten, welche Sie zu bekämpfen behaupten, zu ermuthigen. Aber kommen wir auf den Gegenstand zurück. Man hat geplündert und devastirt. Man muß die Urheber bestrafen. (Ironische Stimmen): Erschießt sie! Carp: In einem civilisirten Lande muß vor allem das Vermögen und das Leben der Bürger geschützt werden. Wenn man dies ohne Anwendung von Gewalt thun kann, um so besser. Wenn nicht, so lasse ich auch die Gewehre interveniren. Wir haben ungefähr 300 000 Juden in diesem Lande. Haben mir nun ein Interesse, daran, sie in ebenso viele unversöhnliche Feinde zu verwandeln oder aus ihnen lieber den möglichst größten Nutzen zu ziehen? Die Antwort auf diese Frage ist nicht zweifelhaft. Nun wohl! Heute bleibt den Israeliten eine einzige Hoffnung, sich uns zu nähern, und Sie entreißen ihnen dieselbe. Noch einmal! Was wollen Sie mit diesen Juden thun, welche Sie als Fremde behandeln? Sind es fremde Unterthanen? Nein. Sie genießen also keinen Schutz. Geben Sie sich nicht Rechenschaft darüber, welchen Haß Sie mit Ihrem barbarischen Vorgehen in die Seele von 300 000 Einwohnern säen? Glauben Sie mir, wer den Wind säet, wird Sturm ernten." Leider scheinen die Mahnworte Carps ziemlich wirkungslos verhallt zu sein. Die Mehrheit des Senats stellte sich auf die Seite der Negierung, die nur erklärte, daß das Projekt Berendey vorläufig noch eine Fiktion sei, da es noch nicht die Zustimmung des Ministerraths erhalten habe. Allerdings erscheint diese Zustimmung kaum zweifelhaft, obwohl König Carol den Prediger Dr. Beck und den Präsidenten .der israelitischen Gemeinde als Deputation der Bnkarester Juden, empfangen hat. Der König forderte unter dem Ausdrucke des lebhaftesten Bedauerns über das Vorgefallene die erwähnten Delegirten auf, ihren Glaubensgenossen im ganzen Lande die beruhigende Versicherung zu geben, daß auch jene Israeliten, welche keinen fremden Schutz genießen, für die vom Pöbel angerichteten Verwüstungen entschädigt werden sollen.. Wie verlautet, soll die^vom Ministerium des Innern zur Feststellung des durch die Pobelrevolten angerichteten Schadens eingesetzte Kommission bereits heute ihre Arbeit abschließen und das Resultat derselben der Regierung vorlegen, welche sodann auf Grund dieser Feststellungen und der seitens der verschiedenen Konsulate erhobenen Schadenersatzansprüche eine diesbezügliche Kreditvorlage dem Parlamente unterbreiten wird. Obgleich verschiedene Stimmen der Regierungsmajorität der Ansicht sind, daß keine Verpflichtung zur Schadloshaltung nach Pöbelrevolten bestehe, und von Seiten der Opposition die Heranziehung der Regierung zum Ersätze des durch die Polizei verschuldeten Schadens beantragt werden wird, so dürfte doch die in Rede stehende Kreditvorlage angenommen und die Schadenersatzfrage im Sinne der fremden Gesandtschaften und der Regierung erledigt werden. * Wir haben bereits in der vorigen Nummer mitgetheilt, daß der Abg. de Beauregard einen Gesetzentwurf in der französischen Kammer einzubringen beschlossen hat, nach dem jedem Individuum jüdischen Ursprungs es verboten ist, einer öffentlichen Verwaltung anzugehören, und jeder von fremden Eltern geborene Franzose erst in der zweiten Generation zu einein unter der Kontrole des Staates stehenden Amte zugelassen werden kann. Der Motivenbericht, mit dem Herr de Beauregard seinen Antrag einleitet, dem er den Charakter „eines nationalen Interesses und sozialer Sicherheit" beimißt, besagt Folgendes: „Seit 27 Jahren haben die Juden in Frankreich dermaßen gehaust, daß dieses vordem Ende des 20. Jahrhunderts von der Karte verschwinden wird, wenn man nicht ehestens Vorsorge trifft, wie man aus den Versuchen, die Revision des Dreyfus-Prozesses herbeizuführen, ersehen kann. Ganz Frankreich ist heute in den Händen der Juden, die sich nunmehr auch der Armee bemächtigen wollen." Auch für den Panamaschwindel, der doch von de Leffeps und den Spitzen der bonapartistischen Partei geleitet wurde, macht de Beauregard die Juden verantwortlich, die davon träumen, aus Frankreich ein zweites Polen zu machen. Die „Libre Parole" hat ihre Helle Freude an diesem Entwurf, gesteht aber melancholisch zu. daß er von der Kammermehrheit nicht - angenommen werden dürfte. Der Abg. de Beauregard hat in der That zu seinem Leidwesen auf das Einbringen seines Antrages bereits verzichten muffen, da der Präsident der Kammer, Herr Briffon, denselben als gegen die Verfassung verstoßend bezeichnet und ihn anzunehmen sich geweigert hat. Aber bezeichnend ist der Antrag doch für den Zustand, den in dem Lande, das vor hundert Jahren die Menschenrechte proklamirte, die allgemeine Hetze gegen alles Fremde bereis gezeitigt hat.

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