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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-24 · Heft 52 (24.12.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 52 (24.12.1897)
Date
1897-12-24
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 24. Dezember 1897. 61. Jahrgang. Ur. 52. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse^ Begründe) von Rabbiner Sc- Ludwig Philippson-Lonn. Verlags-Expedition: (Berlin, Jerusalemerftr. 48/49. Alle Zusendungen für^-Redaktion. rMd Expedition sind an di^Myeffe: Berlatz 8er „Allgem. Zeitung des Jutzeuthunls", Berlitz SW., Jerusalemer Straße>48/49 zu richlön: Verlag von Rudolf Mostz^ Berlin. Diese Zeitung. erscheint wöchentlich. Abonnements - Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von derExpedition inBerlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. vRedacteur^ Gustav Karpeles. Inhalt« Leitartikel: Die Gleichberechtigung und Gleichstellung des jüdischen Religionsunterrichts. — Die Woche. — Salomon Pleßner und Michael Sachs. Von Rabbiner Dr. E. Pletzner. — Eine Novelle und ihreQuellen. II. Von Karl Emil Franzos. — Feuilleton: Kaiser und Rabbi. Historische Erzählung (Schluß). — Sprechfaul.. Der Geweindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Königsberg, Aus der Provinz Posen, Inowrazlaw, Gollantsch,. Schweidnitz- Bautzen, Ems, Karlsruhe, Wien, Budapest, Jerusalem. — Bon Bah und Fern. — Miseellen. Nie Gleichberechtignng «nd Gleichstellung des jüdischen Ueiigionsnnterrichts. Berlin, 22. Dezember. iner der von den Befürwortern des obligatorischen Religionsunterrichts geltend gemachten wesentlichsten Gesichtspunkte ist die mangelnde Gleichberechtigung dieses Lehrgegenstandes gegenüber den anderen Schulfächern im Allgemeinen und gegenüber. dem christlichen Religionsunterricht im Besonderen. Ueber diesen .Mangel kann selbst der gediegenste Unterricht und die verständmßvöllste moralische Einwirkung des Lehrers aus -die Schüler nicht hinweghelfen. Der jüdische Religionsunterricht wird bei dem jetzigen Stand der Dinge immer als ein Nebenfach betrachtet werden, sowohl von Seilen der Schüler als von Seiten der betreffenden Anstalt und der Eltern. Die Mehrzahl der Sterblichen ist nun einmal so geartet, daß sie dem, was zu ihrer Geltendmachung und ihrem Fortkommen unumgänglich nothwendig ist, eine viel größere Sorgfalt und aufmerksamere Beachtung zuwendet als den Ansprüchen, die sich blos aus moralische Nöthigung gründen und fürein besseres Fortkommen ohne direkten, in die Augen fallenden Einfluß sind. Warum sollten, hier die Schüler eine Ausnahme machen? Wir sehen ja, wie selbst Lei den obligatorischen Fächern eine Abstufung in be.r Werthschätzung bei Schülern und Lehrern hervortritt. Den Hauptfächern wird durchweg viel größerer Fleiß und viel lebhafteres Interesse, wenn auch nur gezwungenerweise, entgegengebracht wie den Nebenfächern, und häusliche Privatstudien werden immer der Schule weichen müssen. Es kann sich demnach der jüdische Religionsunterricht nie und nimmer die ihm gebührende Stellung erringen, wenn er nicht als Hauptfach in den Lehrplan der Schule eingesetzt und dadurch völlig dem christlichen Religionsunterricht gleichgestellt-., wird. Es mag ja Vorkommen, daß ein Lehrer durch sein Lehrgeschick und seine Lehrfertigkeit sowie durch das Ansehen und die Liebe, deren er sich bei den Schülern erfreut, auch jetzt schon recht erfolgreiche - Resultate erzielt. Ein jeder Religionslehrer wird aber zu seiner tiefen Betrübniß schön die Erfahrung gemacht haben, wenn er sonst auch noch so zufrieden mit dem Eifer und der Lernbigier seiner Schüler ist, daß bei einer Kollision der Pflichten gegen die einzelnen Lehrfachs der jüdische Religionsunterricht immer hintangesetzt wird: Es ist dies nicht so sehr im Interesse eines gedeihlichen und erfolgreichen Unterrichts zu beklagen, denn die entstehenden Lückenkaffen sich bald wieder durch Eifer und Fleiß ergänzen, als vielmehr um der nachtheiligen Einwirkung willen, den 'dieser Umstand weit über die Schuljahre hinaus auf die Werthschätzung dex Religion überhaupt ausübt. Es muß'und soll die Religion im Leben die erste Stelle einnehmen. Wie kann man aber Opferwiüigkeit und selbstlose Hingabe an dieselbe erwarten, wenn sich der Knabe schon in der Schule daran gewöhnt hat, sie allen anderen Disziplinen nachzustelltn. Der moralische Nachtheil, den die jetzige' Behandlung, des. Religionsunterrichts im Gefolge hat> ist somit nicht zu unterschätzen und kaum je wieder zu pa'ralystreu. . Um des moralischen Eindrucks willen können wir es darmm auch nicht gutheißen, wenn man von maßgebender Seite in Erwägung, zieht, ob es sich nicht empfehle,- den jüdischen Religionsunterricht nicht gleich mit dem ersten Schuljahr beginnen zu lassen. Hierdurch., würde das Prinzip der Gleichstellung mit dem christlichen. Religionsunterricht von vornherein durchbrochen, und die .Würdigung der Religionsstunde müßte nothwendigerweise die größte Einbuße erfahren. Ein Kind sieht und urtheilt sehr scharf. Hat es nun zwei bis drei Jahre es mit angesehen, daß seine gleichalterigen andersgläubigen Mitschüler in Religion unterrichtet werden, es selbst hingegen keinen Unterricht in diesem Fach erhält, so gewöhnt es sich daran, dies ,. Fach als minderwerth und minderwichtig anzusehen. Die späteren Schuljahre werden aber nicht wieder ersetzen können,' was auf. solche -Weise in den drei ersten Jahren verabsäumt wird. Denn mehr als bei irgend einem anderen Fach sind beim Religionsunterricht die ersten Schuljahre grundlegend und einflußübend,? nicht nur für die Schulzeit,, sondern für das ganze Leben. Man muß Kinder dieses Alters schon selbst unterrichtet, und die Hineigung und Vorliebe derselben für den' gemüthvollen und gemttthbildenden Religionsunterricht aus? eigener Anschauung und - Erfahrung kennen gelernt haben, um richtig zu beurtheilen, was da verloren geht, wenn man den Religionsunterricht ' in den ersten Schuljahren ausfallen läßt. Ja, wir behaupten gar, daß die jungen Schüler in keiner Lehrstunde so gern und mit so viel Interesse theilnehmen als gerade am Religionsunterricht: . In den ersten Schuljahren ist eben das Kind für die .herrlichen Erzählungen des Schöpfungsbuches, und um diese handelt es M Hauptsächlich bei dem Religionsunterricht der unterstin Stufe,! am empfäng- .lichsten. Hat es dann einmal diesem Unterrichtszweig eine schöne Seite abgewonnen, so hält die erlangte. Vorliebe/ wenn nicht andere Faktoren direkt entgegenwirken, gewöhnlich während der ganzen

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