Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1897)
- Date
- 1897-12-17
- Page
- Seite 612 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228254--54228-3268197- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Kaiser war über diese schöne. Erfindung lehr erfreut und fragte, wie sie der Rabbi nenne. - - " " „Camera obscura“. * „So/ Ihr müßt mir auch eine machen." ~ - Auf die Versicherung ' des Rabbi, daß seine Kunst wie sein' Leben dem Weisesten aller Fürsten gehöre, und daß er die Maschine selbst zu Herrn Tycho de Brahe schaffen wolle, hob sie der Kaiser behutsam auf, und da er sie sehr leicht fand, äußerte er sogleich;: „Sie ist nicht so schwer, wir wollen sie gleich mitnehmen, ich und arnieu's Tycho werden sie schon allein in unser Boot tragen." - Der Kaiser setzte sich nun in den Lehnstuhl des Rabbi, uüd nachdenkend das Haupt hin und her wiegend, sprach er über die vielen Erfindungen, welche der menschliche Geist bereits gemacht, und welch ein großer Abstand zwischen jetzt und den Zeiten sei, - wo die Menschen nur des Lebens äußerste Nothdurft erjagt, und so wird es fort gehen. Auch auf unsere Zeit wird mitleidsvoll das Auge 'der Enkel blicken. — „Es ist leicht für den Enkel, das zu ernten," sagte Tycho, „was sein Ahn mit Mühe gesäet und gepflanzt hat." „Wer weiß, ob unsere Enkel genießen werden," sprach, wie von trüber Ahnung überweht, der Rabbi, „was wir für sie gepflanzt und aufgebaut haben. Unsere Wünsche verwesen mit uns, der necke Geist erzeugt auch ein neues Wollen. r „Quod non, dann wäre cs ja unnütz, für die Zukunft zu pflanzey/' „Für uns nicht, erhabener Kaiser," fiel der Rabbi lebhaft ein;; „denn wirgehen, weil wir das Ende des Werkes nicht erleben, mit frommer Segenshoffnung aus der Welt und sehen im Geiste die Enkel sich an Frucht und Schatten unserer Pflanzung freuen. Aber wehe dem Garten, dessen Pfleger stirbt." Der Astronom war indeß ans Fenster getreten und sprach : „Der Syrius glänzt und die Plejaden." Der Kaiser und der RabK traten zu ihm, und Letzterer, mit-dem Finger in die Nacht deutend; wies auf den Jupiter und den aufgehenden Mars. 1 „Was bedeutet wohl diese Konstellation?" fragte der Kaiser nachdenklicher. Der Rabbi sprach mit weichen, feierlichen Tönen, als ob eine Prophezeiung von seinen Lippen strömte: „Feindlich steht auf dem Felde des Himmels der blutige Gott dem Stern des Segens entgegen; aber trostreich glänzt das heilige Siebengestirn, des irrenden Schiffers Wahrzeichen auf hoher See." „Ein blutiger Krieg steht uns bevor," sagte ebenfalls mit tiefem Ernste der Astronom.; Indem wurde heftig an die Hausthür gepocht, Alle horchten auf, und der Rabbi, mit tiefer Verneigung, erbat sich vom Kaiser die Erlaubniß, nach der Ursache solcher Störung zu sehen. Kaum hatte er jedoch die äußere ThÜre geöffnet, als et bereits Aarons scheltende Stimme vernahm, und über die Treppe polternd ein Mann vor ihm erschien, der hastig nach dem Rabbi fragte.' . Der Kaiser, der die Kapuze seines Mantels über das Gesicht gezogen, horchte nrit Tycho an der Thür, sie vernahmen heftige Morte, und der Kaiser fragte halblaut: „Ist das nicht die Stimme unseres Kämmerers Chlum, des Grafen von Nowidwor?" Mir scheint es auch so." — „Wie kommt der her? Hat sich zu Hause Etwas ereignet? Aber Chlum hat ja heute nicht den Dienst in unserem Vorgemach, sondern unser getreuer Graf Slawata. Seht doch zu, was es ist." Der Astronom ging hinaus und sah den Ritter wie im Zustande des Wahnsinns in einen Stuhl gesunken, und den Rabbi, der muss Höchste, erstaunt und betroffen schien, mit seltsamen Wörtern bestürmend. - ' *T,;' .„Verzeiht, mein Herr," sagte er,'„ich weiß nicht, was Ihr-zu so ungewöhnlicher Stunde begehrt." ' - * „Weiser Rabbi," sprach der Ritter hastig, „wie die Meinung aller Menschen spricht, seid Ihr ein Vater der Bedrängten, helft auch mir, der nirgends'Rettung sieht als bei Euch in seiner verzweifelten Noth." „Wie kann ich Euch helfen?" . - „Euer Rath, Euer Ansehen." - »Ihr scheint,. Euerem Wesen und dem goldenen Schmucke nach,, der auf Euerer Brust schimmert, ein edler Herr zu sein. Was kann Euch der arme Jude nützen, , der noch nicht einmal gefaßt hat,- was Ihr begehrt?'" „Sie ist vielleicht mißhandelt von ihrem Vater und ringt int Schmerz die Hände. O Rachel, Rachel!" Dem Rabbi stieg bei diesem Namen ein Gedanke auf;- „meint Ihr Rachel, die Tochterdes Löb?" „Wen Anders als sie?" - Der Kaiser war nun auch hereingetreten, und fragte den Astronomen, was dem Grafen fehle. Achselzuckend erwiederte ihm Tycho, daß er selbst noch kein Wort begriffen habe; -der Graf scheine - im Delirium zu fein, beim er rede allerhand Unsinn. Der Kaiser schlug seine Verkappung zurück und sprach: „Was wollt Ihr hier, Graf Chlum?" Der Graf fuhr beim Klange der Stimme empor, starrte den Kaiser mit einem langen Blicke an und stürzte dann zu dessen Füßen, die huldreich dargebotene Hand mit Küssen bedeckend. Der scharfsinnige Rabbi,-welcher, der Erzählung Rachels eingedenk, nach den zerrissenen Aeußerungen des Ritters den Hergang der Sache erkannte, brachte zuerst mit Hilfe 'des Astronomen den Ritter in einen Lehnstuhl und theilte dem Kaiser seine Muthmaßungen mit. .. „Schickt um den Mann und seine Tochter," sagte der Kaiser bei dem das. Mitleid sogleich die Oberhand über den Unwillen gewann; und während der Astronom sich mit dem Grafen beschäftigte, ging der Rabbi hinaus, seinen Diener zu Löb ben Isaak zu senden. Der Kaiser hatte sich theilnehmend vor den Grafen gestellt und untersuchte seinen Puls. -,Er hat wirklich ein Fieber," sagte' er, „hat der Rabbi nicht etwas Niederschlagendes bei der Hand? Wären wir zu Hause, so würde ich ihm gleich turturus stidiatus eingeben." (Schluß folgt.) rÄ» Sprerhsnat. Sehr geehrter Herr Redakteur! n Veranlassung Ihres Leitartikels „Die brennende Frage" beehre ich mich- Ihnen mitzutheilen, daß die Lehr-Abtheilung des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes bereits im vorigen Winter ausführlich den jüdischen Religionsunterricht betreffende Lehrpläne l. für die — nicht ausschließlich jüdischen — Volksschulen, 2. für die höheren Lehranstalten (Gymnasien, Realgymnasien u. f. w.), 3. für die höheren Töchterschulen ausgearbeitet hat. - Die Veröffentlichung derselben hat sich aus äußerlichen Gründen bis. jetzt hingezogen, wird aber in der nächsten Nummer der Mittheilungen, vom D.-J. G.-B. erfolgen. - Diese Nummer erscheint im Laufe der nächsten Wochen. Hochachtungsvoll und ergebenst Berlin, 10. Dezember. - Dr. Georg Minden. ❖ Briefkasten der Redaktion. A. W. in N. Der Komponist M. B. ist ein geborener Protestant. Druck und Verlag von Ru d o lf M o ss e in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: M a x Bau ch w i tz in Berlin.