Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1897)
- Date
- 1897-12-17
- Page
- Seite 611 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228254--54227-3268196- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
611 das ihn überall an den unsichtbaren Fäden lenkte, in seinem Tode gelöst ward. Spät Abends an dem Tage, als er von dem Drosten jene abschlägige Antwort erhalten, pocht er in Holzhausen, zwei Stunden weiter, heftig an die Thüre des ersten Hauses am Wege rechts, und als ihm aufgemacht und er gefragt wird, was er wolle, stürzt er leichenblaß und in furchtbarer Angst ins Haus, und bittet um Gottes und aller Heiligen Willen, ihn für diese Nacht bei sich zu behalten; und auf die Frage, was ihm denn in aller Welt wiederfahren, erzählt er, wie er übers Holz gekommen, habe ihn eine große lange Frau eingeholt und ihn gezwungen, ein schweres Bund Dörner zu tragen und ihn angetrieben, wenn er still gestanden, da hätten sich die Dörner ihm alle ins Fleisch gedrückt, und er hätte an zu laufen gefangen und sei so keuchend in großer Angst vor's Dorf gekommen, da sei die Frau und das Bund Dörner fort gewesen, und sie möchten ihn nur die Nacht behalten, er wolle den anderen Tag wieder nach Hause. Früh fortgegangen, ist er gegen Mittag auf die Glashütte zur Emde gekommen, wo er oft Almosen erhalten, und hat um ein Glas Branntwein gebeten, und als er getrunken, um noch eins, da ist ihm auch das dritte gegeben worden, worauf er gesagt, nun wolle er nach Hause. Wie er aber an den Kiel gekommen, nicht weit von der Stelle, wo er vor 24 Jahren die Schuhe zur Wallfahrt ausgezogen, da hat er eine Leine von einem nahen Pflug genommen, und sich damit an einen Baum aufgehenkt und zwar so niedrig, daß er mit den Füßen das Herbstlaub unter sich weggescharret habe. Als ihm einst der Drost die Geschichte mit dem Baum und den geheimen Zeichen, die die Juden darin geschnitten, erzählt, und wie sie bedeuteten, daß er keines natürlichen und rechten Todes sterben solle, hat er geantwortet: „O dat füll eck doch nich denken, eck häwwe doch so lange davör Buße daen, un hewwe vaste an minen Gloven Halen, vße se meck överreeen wullen, en abtoschwören!" Damit ist der thatsächliche Inhalt der merkwürdigen Erzählung erschöpft. Was nun folgt, ist nur noch eine Art Betrachtung, die aber gleichfalls viel zu charakteristisch ist, um sie 311 unterdrücken. Sie lautet: „So hat der Mensch 17 Jahre ungebeugt und ohne Verzweiflung die härteste Sklaverei des Leibes und Geistes ertragen, aber die Freiheit und volle Straflosigkeit hat er nicht ertragen dürfen! Er mußte sein Schicksal erfüllen, und weil Blut für Blut, und Leben für Leben eingesetzt ist, ihn aber menschliches Gesetz nicht mehr erreichte, hat er, nachdem er lange Jahre fern umher geschweift, wieder durch des Geschicks geheimnißvolle Macht zu dem Kreis, Ort und Boden des Verbrechens zurückgebannt, dort sich selbst Gerechtigkeit geübt. Zwei Jahre nach seinem Tode ist jener Baum, worin die Juden ihre dunklen Zeichen geschnitten, umgehauen worden. Die Rinde aber hatte diese in den langen Jahren herausgewachsen, daß man ihre Form und Gestaltung nicht mehr erkennen konnte." Dies der Akten-Auszug. Er ist ersichtlich von einem Mann angefertigt, der über ein starkes, natürliches Erzähler-Talent verfügt. Neben dem Inhalt sind auch die geschickte Anordnung, die Betonung alles Wichtigen und Eigenthümlichen dazu angethan, auf den Leser zu wirken. In der That war August von Haxthausen (1792 bis 1866), obwohl auf anderem, dem sozial-politischen Gebiete thätig, auch eine dichterisch veranlagte Individualität; sein Verständniß für das Poetische, seinen sicheren Blick für das Volksthümliche erweist namentlich seine Sammlung „Westfälische Volkslieder." Aber wie der größte Werth dieses Buches in der unbedingten Wahrheitsliebe und Verläßlichkeit des Autors besteht, so auch der dieses Akten- Auszugs. Hier ist wirklich, was die Thatsachen betrifft, nichts davon und dazu gethan. jäjkK -11—11- ----- -11- 11 M'MMMtMlMMskMMWlMMMsitMtMWklkMMMwMMwMMMmM SS s K üiL'nytvi'l ffflntaSTmT P FEUILLETON 1 .itüannim TTiüEJfm —ll—II--*•=-11—II-- Kaiser und Nabln. Historische Erzählung. IV. tabbi Löb stand verabredetermaßen cm der Thüre seines Hauses, als die Glocken der Kirchthürme die neunte Stunde schlugen. Er hatte nur wenige Augenblicke geharrt, als. von der Moldau herkommend, zwei verhüllte Gestalten sichtbar wurden, die geradezu auf sein Haus gingen. Es war der Kaiser und sein Astronom. Er empfing sie mit tiefer Verneigung. „Welch eine hohe Gnade Euere Majestät dem Aermsten Euerer Knechte zngewendet hat, spricht meine Zunge unterwürfig aus. Der Boden, den ihr tretet, wird verherrlicht." , „Erhebt Euch, Meister," sprach Rudolf- II. mit gütigem Ton, „und denkt nicht daran, daß es der Kaiser ist, der Euch in mitternächtlicher Stunde besucht, sondern ein lernbegieriger Schüler. Legt darum auch alle Scheu und Befangenheit ab." „Die Nacht ist unserem Werke günstig," begann Tycho de Brahe, dem Rabbi die Hand reichend. »Ja, ja, laßt lins die kurze Stunde rührig sein," meinte der Kaiser, „Du hast Recht, amlee, so eine Nacht ist bald hinweg, und wer weiß, wie lange es braucht, ehe wir uns wieder sehen können." Rabbi Löb zeigte von seinen Instrumenten die wichtigsten, und endlich öffnete er auch den Kasten, aus dem sein Golem, diesmal beständig mit dem Kopfe nickend, herausfuhr und surrend und schnurrend seinen Weg durch die Stube nahm. Der Kaiser lachte über die possirlichen Bewegungen des hölzernen Famulus, dem der Rabbi zu mehrerer Unterhaltung seiner Gäste einen Kehrbesen in die Hand gab, mit dem er munter und flink den Fußboden fegte. Nachdem er zu großer Belustigung des Kaisers alle seine Kunststücke gemacht, wurde er wieder in seinen Kasten gesperrt, und der Rabbi zog ein Tüchlein von zwei kleinen Silberbechern, innen reich vergoldet und mit arabischen Sprüchen bedeckt; dann entkorkte er eine wunderlich geformte, uralte Flasche, und mit bescheidenen Worten seine Gäste auffordernd, schenkte er beide Becher mit einer goldgelben Flüssigkeit voll. Rabbi Löb hatte, während der Kaiser mit vieler Behaglichkeit, wie es schien, von dem Trünke nippte, von einem Kasten, der mit Fenster stand, den Schleier abgezogen und bat den Kaiser, durch ein rundes Glas zu blicken, das in demselben sichtbar wurde. Der Kaiser sah hinein, und alsbald glänzte ein zufriedenes Lächeln ans seinem Gesichte. „Das ist ja unser Schloß auf dem Hradschin in voller Mondbeleuchtung, so treu, daß auch nicht ein Ztig vergessen oder falsch ist. Ihr seid auch ein Maler, und nach diesem Probestücke zu urtheilen ein ganz ausgezeichneter." Nachdem der Kaiser seiner Schaulust Genüge gethan -und den Platz vor dem Glase dem Astronomen eingeräumt hatte, wandte sich der Rabbi mit der bescheidenen Erklärung zu ihm, das dies kein Gemälde sei, sondern, daß sich jede Gegend, nach der das Glas gerichtet würde, bei gehörigem Lichte treulich abspiegele.