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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-17 · Heft 51 (17.12.1897) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 51 (17.12.1897)
Date
1897-12-17
Page
Seite 610 (sequence 10)
Language
German
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610 heulen-: ihr Mann läge oben erschlagen im Joelskampe gleich unter dem Ovenhauser Fußwege; und während die Leute zusammenstehen und es besprechen und einige den Weg heraufgehen, dem Holze zu, giebt fie es bei dem Gerichte an, und erzählt unter Schluchzen, als vorgestern ihr Mann nicht gekommen, gestern nicht, und auch heute Morgen nichts habe sie sich aufgemacht, um hier im Dorfe zu fragen, welchen Weg er genommen, und als sie durchs Holz gekommen, sei auf einem Fleck viel Blut gelegen, und eine Spur davon habe ins nahe Gebüsch gewiesen, da sei sie neugierig gefolgt, meinend, ein todwundes Wild sei da vielleicht hineingekrochen, da sei es ein Mensch gewesen, und ihr Mann, und todt! Man bringt ihn auf einer Tragbahre ins Dorf. Er hatte siebzehn sichtbare Schläge mit einem Knüppel erhalten. . ." Nun folgen Einzelheiten, in welcher Art die Spuren des vomusgegaugenen Kampfes an der Leiche sichtbar gewesen, hierauf wird berichtet, wie sich der Verdacht auf den Winkelhannes gelenkt und der Gerichtsherr selbst vergeblich nach dem Entflohenen gefahndet. Dann fährt der Bericht fort: „Der Jude lag indeß auf der Todtenbahre, und seine Wunden öffneten sich nicht mehr, um bei Vorführung des Mörders zu bluten. Da kamen die Verwandten und Glaubensgenossen, ihn zum ehrlichen Begräbniß abzuholen, und während der Rabbiner ihn in den Sarg legen und auf den Wagen laden läßt, stehen der Bruder und ein paar andere Juden bei dem Drosten Haxthausen und bitten ihn nach einiger Einleitung: „Mer haben ne grauße Vitt an Er Gnoden." — „Nun, und worin besteht die?" wendet der Drost ein. „Er Gnoden müßens uns aber nich nehmen vor übel, da is der Baum, wobei erschlagen is unser Bruder, da wöllten mer Se bitten, ob Se uns wollten erlauben, in den Baum unsere Zeichen rein zu schneiden? Mer wollen's gerne bezahlen, fordern Er Gnoden nur, was Se wollen haben davor!" — „O, das thut in Gottesnamen, soviel Ihr nur wollt!" — „Nun, mer wollen ersetzen allen Schaden, verkaufen Se uns gneedigst den Baum." — „Ach was, schreibt daran, was Ihr Lust habt, das thut ja dem Baume weiter nichts. Aber was wollt Ihr denn dreinschneiden, dürft Ihr das nicht sagen?" frägt der Drost zurück. „Ach, wenn es Er Gnoden nich nehmen wollten vor übel, da ist unser Rabbiner, der soll da Hineinschneiden unsere Hebräischen Zeichen, daß der Mörder, den unser Gokt finden werd, nicht sterben soll eines rechten Daudes!" Nach fast sechs Jahren, im Frühjahr 1788, wird dem Fürstbischöfe von Paderborn, während gerade der Drost von Haxthausen bei ihm an der Mittagstafel sitzt, ein Brief aus Algier gebracht, in welchem „Johannes Winkelhannes, Sklave des Ministers Casnaczi in Algier", flehentlich bittet, ihn gegen ein Lösegeld von 300 Dlikaten aus der Sklaverei zu befreien. Auf des Drosten Bemerkung, „man würde den Mörder dort nur befreien, um ihn hier den Händen" der Gerechtigkeit zu überliefern", wird der Brief ad acta gelegt. Achtzehn Jahre darauf, im April 1807, ist der verschollene Winkelhannes wieder in seinem Heimathsdorf, „ein kleiner, krüpplichbucklichter Kerl, ganz kümmerlich aussehend", der sich nur in einem abenteuerlichen Mischmasch von Deutsch, Holländisch, Französisch, Spanisch und Türkisch verständlich machen kann. Auf die Anfrage des Gerichtsherrn an die neue, preußische Regierung, ob der Mensch zu verhaften sei, wird ihm der Bescheid, „den W. ganz, ungekränkt zu lassen: 24jährige Sklaverei wäre nach dem Gesetze der Todesstrafe gleich gesetzt". Seine Schuld gesteht der Heimgekehrte nun offen ein, giebt nach dem Drosten auf dessen Befragen nach einiger Zeit (nachdem er im Dorfe wieder Deutsch gelernt) eingehenden Bericht über seine That. Diese Beichte des Wiukelhannes, die nun sehr ausführlich und zum gröfiten Theil im westfälischen Dialekt mit seinen eigenen Worten mitgetheilt wird, läßt sich kurz dahin zusammenfassen, er habe, als er den Juden angefallen, ihn nur tüchtig durchprügeln, aber nicht tobten wollen; als jedoch der Jude, da er auf ihn einzuhauen begonnen, sich — gegen sein Erwarten — zur Wehre gesetzt und gleichfalls seinen Stock gebraucht, da habe er ihn mit dem Knittel über den Kopf geschlagen, daß er Zusammengeklappt sei wie ein Taschenmesser. Da habe er gedacht, nun ist es doch vorbei, nun. sollst Du ihn ganz kalt machen, was er denn auch gethan. Da aber nun der Jude todt vor ihm gelegen, habe ihn doch die Angst vor der Entdeckung übermannt, und er sei statt nach Ovenhausen zu seinem Brodherrn zu seinem Vater nach Bellersen gegangen unter dem Vorwände, er habe Streit mit seinem Bauer gehabt und sei deshalb aus dem Dienst gelaufen. Als nun aber die Kunde von dem Morde nach Bellersen gekommen, habe sein Vater die Wahrheit geahnt und daher auch, als Herr von Haxthausen mit den Dienern erschienen, seine Anwesenheit im Hause in Abrede gestellt. Während dieser Haussuchung sei er in den Vizebohnen im Garten versteckt gelvesen und habe in höchster Angst das Gelübde gethan, barfuß nach Werl zu wallfahrten, wenn ihn Niemand sähe. Da hätte ihn die Mutter Gottes erhört und ihn Niemand entdeckt, als es aber Nacht geworden, da sei er leise über den Zaun gestiegen und quer durch den Garten zum Dorfe hinaus. Auf der Höhe nach dem kleinen Kiel zu habe er sich noch einnml umgesehen, da hätte er die Lichter im Dorfe gesehen, und die Hunde hätten gebellt, damals habe er bitterlich geweint und gemeint, er kriege es nun wohl seine Lebtage nicht wieder zu sehen. Und er hätte Schuh mld Strümpfe ausgezogen und sei, den Rosenkranz betend, über die Hölzer ins Lippische hineingegangen, und den zweiten Abend sei er in Werl angelangt. Ganz früh am anderen Morgen habe er gebeichet und kommunizirt, und er habe noch einen halben Gulden gehabt, den habe er der Mutter Gottes als Opferpfennig gegeben, da sei ihm ganz frisch zu'Sinne geworden, und wie er aus der Kirche getreten, da sei die Sonne eben durch die Bäume aufgegangen, die auf dem Kirchhof stehen, und die Schatten davon wären alle nach Holland gelaufen, da hätte er gedacht: „ich muß auch wohl dahin", und wäre munter zugeschritten. Nun sei er in Holland Matrose geworden, hierauf auf einen spanischen Kauffahrer gerathen und, als dieser im sizilischen Meer von Seeräubern genommen worden, in die Sklaverei zu Algier gefallen und erst 1806 befreit worden, als Hieronymus Vonaparte den Dei von Algier gezwungen, alle Christensklaven freizugeben. Dies der Inhalt seiner Erzählung, dann fährt der Bericht fort: ,,. . . Zu Hause ging es ihm aber traurig, sein Bruder sah ihn nur ungern, arbeiten konnte er nur wenig, dabei klagte er über unausstehliche Kälte. Während der Kurzeit ging er oft nach dem Driburger Brunnen, bettelnd, und, wer sie hören wollte, seine Geschichte erzählend. Im Spätherbst kam er noch einmalzu dem Drost Haxthausen, und auf dessen Frage, da er nach erholtem Almosen noch stehen blieb, „ob er noch was besondres wolle?" klagt er erst nochmals seine Noth und bittet zuletzt flehentlich, ob ihn der Drost nicht wolle ganz zu sich nehmen, er wolle ja gern all' die kleine Arbeit eines Hausknechts Ihun; das schlug dieser ihm aber rund ab, aus dem unangenehmen Gefühl, einen vorsätzlichen Mörder unter dem Dache zu haben. Als zwei Tage darauf der Domherr Carl .v. Haxthausen früh auf die Jagd ging, kommt er über die Stoppeln an dem Pflüger Kerkhoff aus Bellersen vorbei, der ihm erzählt, sie hätten vor einer Stunde den Algierer im Kiel an einem Banm hangen gefunden. Da hat der Drost die Gemeindevorsteher zu sich kommen lassen und sie gebeten, den Menschen, über dem ein ungeheures Unglück am Himmel gestanden, ein ehrliches Begräbniß nicht zu versagen, und nicht darauf zu bestehen, daß er, wie sonst Selbstmördern geschieht, unter der Dachtraufe oder hinter der Kirchhofsmauer eingescharrt werde, welches sie denn auch zugesagt. Erst nach acht Tagen führten die einzelnen Fäden über seine letzten Stunden und seinen Tod zu einem Knoten, der wie sein Schicksal , selbst.

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