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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-17 · Heft 51 (17.12.1897) · p. Seite 609

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 51 (17.12.1897)
Date
1897-12-17
Page
Seite 609 (sequence 9)
Language
German
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Eine Novelle und ihre Ouellrn. Von Karl Emil-Franzos. I. Novellevon der ich.hier-sprechen will, ist: „Die Juden- *• J0B* buche" der Annette von Droste-Hülshoss. Diese einzige Novelle, welche die Dichterin vollendet hat, ist in jeder Beziehung, auch in der Schilderung der Juden, ein Meisterwerk; künstlerisch wie kulturhistorisch lohnt sie /.die nähere Betrachtung. Am reichsten aber wird wohl die Ausbeute nach einer dritten Richtung sein: Wer die Quellen mit dem Kunstwerk vergleicht und dann der Ausdeutung folgt, die dieses zuletzt gefunden hat, dem enthüllt sich auch hier das Schicksal des jüdischen Stammes: seine Beurtheilung wandelt sich, nicht nach Recht und Verdienst, sondern nach der Stimmung der Zeiten. Zunächst sei auf das Verhältnis der Dichterin zu ihren Quellen eingegangen. Annette war fast vierzig Jahre alt, als ihr plötzlich, ohne daß sie sich vorher mit Juden und Judenthum irgendwie beschäftigt hätte, zufällig, ohne ersichtlichen-Grund, zwei Stoffe aus diesem Kreise auftauchten. Ein Brief an ihren Freund Junkmann vom 4. August 1837 verzeichnet beide Pläne. . . Der Stoff zu einem Gedichte von mehreren Gesängen, den ich ganz vollständig geträumt, durch alle Gesänge, die ich zu lesen glaubte. Er betraf die Entdeckung eines Mordes an einem Juden, die ein blinder Bettler dadurch befördert, daß er den Mörder veranlaßt, dieselben Worte, auszusprechen, die Jener, der, ungesehen in einem Gebüsch ruhend, gegenwärtig war, denselben während des Mordes sagen hörte." Die zweite Arbeit ist: . . eine Criminal-Geschichte, Friedrich Mergel, ist im Paderbornschen passirt, rein national." Von dem Gedicht hat sich im Nachlaß keine Spur vorgefunden; Friedrich Mergel aber heißt der Held der , „Judenbuche", und diese Arbeit ist vollendet worden. Beides jst durchaus verständlich, wenn man erwägt, daß die scheinbar verschiedenen Stoffe im Grunde in Eins zusammenrinnen: Kernpunkt ist hier wie dort, die Aufdeckung des Mordes an einem Juden durch ein ungewöhnliches Mittel, die Einwirkung auf die Phantasie des Mörders, Derlei Varianten können in der Einbildungskraft des Dichters sehr wohl neben einander bestehen; greift er zur Feder, so stirbt jene, die das schwächere Leben hat. Das war im vorliegenden Fall die Variante von dem blinden Bettler; sie war nur „geträumt", die Geschichte von der „Judenbuche" über hatte die Dichterin in ihrer Kinderzeit oft erzählen hören und die Akten des'Kriminalfalls gelesen, mindestens einmal, vielleicht auch öfter, allerdings, nicht unmittelbar bevor sie 1837 ihre Novelle niederschrieb: Sie war sich bei dieser Niederschrift natürlich bewußt, dem Gehörten und Gelesenen nur eben „den Hauptumständen nach" zu folgen, also vieles zu erfinden. So sagt sie selbst in einem Brief vom Jahre 1839, auf den ich später zurückkommen werde, und es ist auch gar nicht anders möglich. Gleichwohl haben sich Kritiker gefunden, welche Wendungen in der „Judenbuche" wie die folgende : „Es würde in einer erdichteten Geschichte Unrecht sein, die Neugier des Lesers so. zu täuschen. Aber das alles hat sich wirklich zugetragen; ich kann nichts davon oder dazu thun" — ganz buchstäblich. genommen haben. Es will ihnen nicht einleuchten, daß die Dichterin „gelogen" haben könnte. Nun sind aber derlei Wendungen nicht „Lügen",/ sondern Kunstmittel, wie sie viele Dichter anwenden, den Schein der Lebenswahrheit zu erhöhen. So hat denn auch unsere Dichterin sehr viel „davon und dazu gethanV und wir sind in der Lage, dies festzustellen. Die mündliche Erzählung ihres Großvaters, des Drosten Freiherrn von Haxthausen, ist freilich nicht erhalten, wohl aber eine Aufzeichnung ihres Oheims, des Freiherr» August von Haxthausen, von der dieser versichert, sie gebe „völlig getreu und ohne einen Zusatz" jene Erzählung und zugleich den Inhalt der Akten wieder. Letzteres ist erweislich richtig,; elfteres höchst wahrscheinlich. Da diese Aufzeichnungobgleich wiederholt gedruckt^) nicht allgemein zugänglich ist, so.:gebe ich sie hier im Auszug und soweit für pie Zwecke meiner Analyse nöthig, wieder. ->- „Der Bauernvogt von Ovenhausen im Bisthum Corvey hatte im Herbst 1782 einen Knecht Hermann Johannes Winkelhannes aus Bellersen, mit dem er, weil er ein tüchtiger frischer Bursche, wohl zufrieden war. Dieser hatte bei dem Schutzjuden Sojestmann- Behrens, genannt Pinnes aus Börden, aber in Ovenhausen wohnend, Tuch zum Forhemd (Kamisol) ausgenommen und als er wohl schon einige Zeit damit umhergegangen und der Jude ihn nun an die Bezahlung mahnt, so leugnet er, verdrießlich,, das schon etwas abgetragene, und auch nicht einmal gut ausgefallene Tuch noch,theuer bezahlen zu Müssen, jenem keck ab, so hoch mit ihm überein gekommen zu seyn, vielmehr habe er die Elle zwei gute Groschen wohlfeiler aceordirt, und nach manchem Hin- und Herreden sagt er zuletzt: „Du verflogte Schinnerteve von Jauden, Du wüst mi man bedreigen, eh eck di awerst den halven Daler in den Rachen smite, will eck mi läver den kleinen Finger mit den Tännen afbiten! un wann de mi noch mal kümmst, so schla ick Di de Jacken so voll, dat Du de Dage. Dines Lewens an mi gödenken fast." Dem Juden blieb also nichts anders übrig, als ihn 'beim Haxthausenschen Gericht, der Gutsherrschaft Hermanns, zu verklagen. In der Zwischenzeit bis zum Gerichtstag hat sich dieser mit - Mehreren besprochen, und ist ihm von den Bauern, da es gegen einen verhaßten Juden ging, gerathen worden, es darauf ankommen zu lassen; wie denn sein eigner Brotherr sich später ein Gewissen daraus gemacht hat, daß er ihm damals gesagt habe: „Ei wat wüst Du denn dat bethalen, eck schlüge ja leiver den Juden vör'n Kopp, dat hei den Himmel vör'n Dudelsack anseihe, et is ja man 'n Jaude!" Aber am Morgen des Gerichtstages, am 10. Februar 1783, beschwor der Jude sein Annotirbuch, und da er außerdem unbescholten war, ward ihm der volle Preis zugesprochen. Da. wollen Leute, die die Treppe hdraufgingen, als Hermann von der. Gerichtsstube herunter kam, gehört /.haben, daß er gesagt: „Töf, eck will Di kalt maken!" von welchen Worten ihnen das Berständniß nach dem Morde geworden. Es war Abend geworden, als der Förster Schmidts quer übers Feld aufs Dorf zugehend, den Hermann an der Ricke herauf nach dem Heilgen Geist-Holze zugehen sieht, und, glaubend, jener wolle noch spät' Holz stehlen, ihm behutsam auf dem Fuß nachfolgt. Als er ihn aber nur einen Knüppel sich ab schneiden sieht, und die Zackäste davon abschlagen, so sagt er halb ärgerlich bei sich: „I, wenn Du wieder nix wult haddest ase dat, so heddest Du mi auk nich bruken da henup to tergen!" und die Flinte, die er auf den schlimmsten Fall zu schneller Bereitschaft unter dem Arm genommen, wieder auf die Schulter hockend, geht er langsam die Schlucht herunter nach dem Dorfe zu. Nahe davor, zwischen den Gärten begegnet ihm der Jude Pinnes, und bittet für seine Pfeife um etwas Feuer, welches man auch keinem Juden ab- .. schlagen darf, und weil der Zunder nicht gleich fangen will, so reden sie vom Handel, und ob der Jude seine Fuchsfelle haben wolle, der aber : er könne jetzt nicht wieder umkehren und.sie besehen, er müsse nach Hause; „ja," sagte der Förster, ihm das Feuer auf die Pfeife legend: „wenn Du noch na Huse wüst, so mak, dat Du vör der Dunkelheit dörch't Holt kämst, de Nacht meint et nich gud med den . Minschen." . ..> Zwei Tage darauf, des Nachmittags, kommt die Frau des Schutzlüden Pinnes den Höxterschen Weg herunter ins Dorf, schreiend und - i) Den ersten Abdruck besorgte Haxthausen selbst in der Zeitschrift Die Wünschelruthe", Göttingen - Januar — Juni -1816; einen' zweiten Hermann Hüffer in der „Monatsschrift für die Geschichte -des westlichen Deutschlands", Band VI; einen Abdruck nach dem Manuskript hat Wilhelm Kreiten im ersten Band feiner Gesammtausgabe der Werke der Dichterin gegeben. Es wäre zu wünschen, daß /der kurze Auszug, den ich geben den vollständigen Abdruck des merk- - 'würdigen. Dokuments in - einer jüdischen Zeitschrift nicht hindere, vielmehr 8azu anrege. .....

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