Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-17 · Heft 51 (17.12.1897) · p. Seite 604

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 51 (17.12.1897)
Date
1897-12-17
Page
Seite 604 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228254--54220-3268189
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nothstand vorliegl, dessen unverzügliche Linderung eine Pflicht des, üStaates ist. Bei den letzten Ueberschwemmungskatastrophen haben die Juden-mit vollen Händen gegeben, ohne zu fragen/ welcher Konfession die vom Unglück Heimgesuchten angehören. Da sie auf eine Reeiproeität seitens der -privaten Wohlthätigkeit nicht zu rechnen haben, ist es Sache 'des Staates, helfend einzugreifen, und an den jüdischen Abgeordneten ist es, auf diese Hilfe zu drängen. * Im französischen Parlament hat Abg.' Beauregard einen Gesetzentwurf eingebracht, dessen Bestimmungen lauten: Jedem Individuum von jüdischer Abstammung ist es verboten, irgend einer öffentlichen' Verwaltung anzugehören; jeder von ausländischen Eltern stammende Franzose kann erst im zweiten Geschlecht zu einem Staatsamte zugelassen werden. Was also die deutschen Antlsemiten gegen die Juden beabsichtigen^ das wollen die französiichen Antisemiten gegen die Deutschen.gleichfalls durchführen. So geht es\iit der Weltgeschichte. Maß für Maß. .. & Die Frage des Militärdienstes der Juden in Rumänien, welche die Staatsangehörigkeit besitzen, glaubte man seit. lange gelöst, da thatsächlich seit Jahren Tausende von ihnen ihrer Militärpflicht genügt haben und noch genügen. Nun brachte der Kriegsminister Verendet einen Gesetzentwurf ein, die Juden fernerhin vom Kriegsdienst auszuschließen und mit einer besonderen Militärtaxe zu belasten. Dagegen berief der angeblich 30000 Personen zählende Verein jüdischer Reservisten eine Versammlung im Daciasaale in Bukarest ein, um gegen diese Vorlage Verwahrungeinzulegen und den Rechtssinn des rumänischen Volkes anzurnfen. Dabei kam es zum Handgemenge mit eingedrungenen rumänischen Studenten, die einen Stuhl nach dem Vorsitzenden warfen. Die Versammlung wurde aufgelöst, und nun pflanzte sich der Skandal auf der Straße fort. Die jüdischen Reservisten protestirten in .einem von gerechter Entrüstung diktirten Aufrufe, derallerdings ungeschickt abgefaßt war, dem/ er gab Anlaß zu scharfen Angriffen in der Presse und schließlich auch in der Kammer. Dieser Fehler brauchte aber nicht zu diesen wüsten Ausschreitungen zu führen, die jüngst in Bukarest vorkamen, und die der ehemalige Minister Carp scharf tadelte. Verwüstungen und Plünderungen sind nicht politische Beweise, und es scheint, daß die ganze Militärangelegenheit der rumänischen Juden ohne Straßenkrawall vorübergegangen wäre^ wenn nicht die Vorgänge in Frankreich in der Dreyfus-Angelegenheit, wo der Antisemitismus durch die Zeitungsblätter weht, und die Ereignisse in Böhmen den „Ehrgeiz" der Bukarester Studenten und des stets nachfolgenden Mobs geweckt hätten, es Westeuropa nachzuthun. Eine geschickte Regierung hätte alle.Schwierigkeiten überwindell können, wie es schon zum Theil geschehen war, ehe der mindestens nicht staatskluge Gesetzentwurf des Kriegsministers die, gegenwärtigen Wirren schuf. Die Regierung Sturdzas hat aber in den inneren Fragen eine unglückliche Hand und keine feste Mehrheit im Parlament. Das ist ihr Verhängniß, das sie hoffentlich zum Sturze bringen wird. Aber für die Juden ist damit leider nichts gethan, denn es^kommt nichts Besseres nach. Ueber die Judenkrawalle in Bukarest selbst wird von nichtjüdischer Seite berichtet: Abgesehen v.on etwaigen sonstigen politischen Borwänden, hat die moralische Verantwortung für die heutigen, einen Schaden von vielen Hunderttausenden verursachenden Verwüstungsgreuel in erster Linie das sogenannte nationale Studentenkomitee zu tragen, daß für heute ^eine Versammlung behufs Gründung einer Antisemitenliga ausgeschrieben und für diese durch Ausgabe einer unter dem bezeichnenden Namen „Jo8 Jidanii“' (Nieder mit den Juden!) erschienenen volksoerhetzerischen. Flugschrift in ausgiebigster Weise Stimmunggemacht hatte. ' Schon während der Abhaltung .dieser für/-heute' Nachmittag 2 Uhr anberaumten Versammlung hatte der' Pöbel der Vorstädte und anderes Gesindel die zumeist von Juden bewohnte Calea Vacaresei überfallen,- um die Fenster der Häuser einzuwerfen und alle Israeliten, deren man habhaft werden konnte, in :brutaler Weise zu mißhandeln. Der Hauptskandal ging aber erst, los, als nach Schluß der Versammlung der demvnstrirende -Mob durch die aus der Verv sammlung zurückkehrende, vielhundertköpfige Menge eine ausgiebige Verstärkung erhielt. Während das studentische Einberufüngskomitee in Begleitung einer Pereatrufe auf die Juden ausbringenden Gefolgschaft vom Schauplatze seiner oratorischen Berhetzungsarbeit abzog, ergoß sich eine nach Taufenden zählende Pöbelmenge, unter der sich besonders zahlreiche Lebensmittelhaustrer befanden, in das Geschäftsviertel der inneren Stadt, um hier, namentlich in der Strada Carol, der Strada Lipseanie und der Calea Vietoriei, wahre Zerstörungsorgien zu feiern. Obgleich der Sonntagsruhe halber die in ununterbrochener Reihe an einander Anschließenden Verkaufslokale der genannten HHMßen gesperrt Schaufenster mit herabgelassenen Rolljalousien geschlossen waren; so blieb doch kein Geschäft eines israelitischen'Firmeninhabers verschont. Man sprengte die Verschlußläden auf, stieß die Rolljalousien ichdie Höhe und schlug die Spiegelscheiben der Auslagefenster in Scherben. Anfangs mochte man es blos auf die israelitischen. Geschäftsleute abgesehen haben. Bald ^wurde aber zwischen den israelitischen und anderen einen fremden Namen tragenden Geschäften gar kein Unterschied gemacht, und sind in der Folge auch die Verkaufsauslagen deutscher, österreichischungarischer, französischer, russischer und schweizerischer Staatsangehöriger zertrümmert und theilweise ihres Inhalts beraubt worden. Die Polizei, die von der drohenden Revolte sicherlich Kenntniß haben mußte, erschien erst spät am Platze und schien eher zum Schutzeals zur Zurückdrängung der Tumultuanten ausgerückt zu sein. Wenigstens legte sie dem'tollen Treiben der verwüstenden und plündernden Bande lange Zeit kein nennenswerthes Hinderniß in. den Weg. Als man endlich sich zu energischerem Einschreiten entschloß, war das Zerstörungswerk. bereits vollbracht, durch das zahlreiche Geschäftsleute auf Jahre hinaus ruiuirt worden sind. In der bereits erwähnten Calea Vaearesci, wo einem lediglich zu Verhetzungszwecken verbreiteten unwahren Gerücht zufolge ein Rumäne von bewaffneten Juden getödtet worden sein sollte, versuchte der Mob die dortige Synagoge zu stürmen, wurde aber daran durch das Erscheinen einer Militäräbtheilung gehindert. Sobald die bewaffnete Macht in genügender Stärke zur Säuberung der von der Pöbelmenge durchwogten Straßen aufgeboten war, war überhaupt der Wanze Tumult zu Ende, und gaben um 6 Uhr Abends nur noch die alle Trottoirs schichtenweise bedeckenden Glassplitter von der wildeNrBerwüstungsrevolte Zeugniß. Im Uebrigen hat Namens des diplomatischen Korps der rnssische Gesandte Fonton bereits' dem Kabinetschef Stnrdza avisirt, daß für die Schädigung fremder Unterthanen bei den letzten Bukarester Pöbelexzessen Schadenersatz verlangt werden würde. Ferner hat der Rektor der Universität, Majorescu, jede Verantwortung für die von der Negierung und der Regierungspreffe entschuldigte Volksverhetzung eines Theiles der Studentenschaft abgelehnt und ist zurückgetreten. Ebenso ist die Entlassung des Polizeipräfekten Tecca unvermeidlich geworden. Und schließlich hat im Senat Peter Carp der Regierung direkt ins Gesicht gesagt, daß sie die Schuld an den Judenhetzen trage. Man sieht also, wer in diesem Kampfe Unrecht hat. ■ Aus der Berliner Gemeinde. Berlin, 15. Dezember, ie letzte Sitzung der Repräsentanten hatte durch ihr Programm nur wenige Zuhörer angelockt. Es waren eben/keine stürmischen Debatten zu erwarten. Und doch enthielt gerade dieses Programm viel des Interessanten — allerdings nicht für sensationslüsterne Zuhörer, sondern vielmehr für solche, denen die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.