Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1897)
- Date
- 1897-12-17
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 603 - WWMHMMDMWMMWGWWW wie sollte Antiochns nicht an Eigensinn und Empörungslust glauben, zumal die vornehmen Israeliten ihn in dieser Meinung bestärkten. Wo bot ihm die hellenische Welt das Beispiel eines so starren Festhaltens an eigenthümlichen Glaubensvorstellungen, daß ihm der Eifer der Juden wäre verständlich geworden? Nirgendwo. Das höchste Ideal des Griechen war das Vaterland, dieses erweckte seine Leidenschaften, seinen Eifer, die Religion hatte nur Macht über ihn, soweit sie mit den vaterländischen Einrichtungen zusammenhiug. Nichts'anderes als politische Beweggründe mußte der Syrer hinter dem jüdischen Widerstande vermuthen; daher die steigende Erbitterung, weil sich die Streitenden nicht verstanden. Es wird erzählt, daß die Fürsten der Fremden, wenn sie nach Jerusalem kamen, begierig waren, das Allerheiligste zu betreten; vergebens baten dann wohl die Priester, es zu Unterlasten, da'es nur dein Hohenpriester am Versöhnungstage erlaubt sei, in den geweihten Raum zu gehen; vergebens bethenerten sie, daß dieser Raum kein Bildniß der jüdischen Gottheit enthielte, allzu heftig war die Neugier, und wenn sie eindrangen, und der Raum leer war, und keinem Götzenbilde ihr Blick begegnete, da war ihr Erstaunen nur noch mächtiger, unfaßlich war ihnen dies Volk,, denn sie hatten keine Vorstellung von einem unsichtbaren Gotte. Judenthum und Heidenthum, da war kein Friede möglich; denn , wie konnte Einverständniß walten, wo jedes Verständniß fehlte. Bevor Mathathias zum Kampfe ausrief, da hatte es fast den Anschein, als werde das Heidenthum siegen, denn ihm halfen Viele, denen die rauhe Sitte der Väter unbequem war und die der hellenische Glanz blendete, und wiederum waren die Frommen ohne Math, sie trugen in dumpfer Ergebung ihr Loos und gefährdeten durch Uebertreibung der religiösen Pflicht das Dasein des Judenthmns. Mathathias selbst erfuhr es, daß, als einst der Syrer an einem Sabbath seine Schaar überfiel, sie sich lieber tödten ließen, denn daß sie sich zur Wehr setzten. Da erhob sich dieses Geschlecht und war den Abtrünnigen ein Schrecken und den Frommen ein Sporn, und es; wich die Verzagtheit und die feige Ergebung, und sie waren mächtig im Streite. Juda, das schon am Boden lag, ermannte sich und begann aufs Neue den Kampf mit den Heiden, und der 25. Kislew, einst^ der Tag der Entweihung, wurde zum Tage der Weihe, Gott hat an diesem Tage die Klage zur Lust gewandelt, und die Lichter wurden entzündet; sie sangen ein neues Lied, denn eine neue Zeit war aufgegangen, der Stein hatte sich gelöst, besiegelt war das Geschicktes Heidenthums, daß ihm das Recht geschehe, wie es verheißen war, ein Ruhm für alle Frommen. Berlin, 14. Dezember. Sie Konservativen haben, — das geht aus den Berichten über den hier abgehaltenen Provinzialparteitag hervor, — vor den Antisemiten und Bündlern kapitulirt. Die agitatorische Phrase ist für die Wahlagitation nothwendig, und deshalb hat Dr. Kropatschek das Tivoliprogramm Hoch geschwungen lind zum Kampfe „gegen Judeuthum und Revolution" ausgerufen. In der Besorgnis;, daß die antisemitische Fronde, bei den kommenden Wahlen die konservativen Zirkel stören könne, suchen die „Junker" die Uniform der fragwürdigen Verbündeten aufs Neue hervor, einigen sich mit ihnen und zahlen, um mit Herrn Liebermann von Sonnenberg zu sprechen, die Kriegskosten. Ueber die Rede des Dr. Kropatschek lesen wir in der „Kreuzzeitung" : < Dr. Kropatschek führte weiter aus, daß das konservative Programm vom 8. Dezember 1892 noch heute den konservativen . Grundsätzen entspreche. „Manche Anfechtung erfährt der Satz : „Wir bekämpfen .den vielfach sich vordrängenden und zersetzenden jüdischen Einfluß auf unser Volksleben." Ich bin ja überzeugt, daß die Antisemiten, ' denen die übrigen Theile des Programms zusagen, sich mit diesem 'Passus werden zufrieden geben können; aber ich glaube, einem großen Bruchtheil unserer antisemitischen Freunde werden viele Programmtheile nicht zugesagt haben. Da konnten wir nicht daran denken, sie an uns zu fesseln. Wenn man ferner gesagt hat, wir hätten , den Satz von den „Ausschreitungen des Antisemitismus" nur gestrichen, weil wir die Antisemiten nicht verärgern wollten, so trifft das auch "gar nicht zu. Wir verurtheilen alle Ausschreitungen. Weshalb hätten .wir gerade die antisemitischen hervorheben sollen? Also den Satz über den sich vordrängenden jüdischen Einfluß halten wir noch heute fest — und wir haben guten Grund dazu —, er entspricht noch heute .der Ansicht der weitaus größten Zahl der Konservativen. Sie alle wissen ja auch, wie groß der Einfluß des Judenthums ist. Wir erkennen nicht in jedem einzelnen Juden einen Schuft, ebenso wenig wie in jedem einzelnen Sozialdemokraten oder Freisinnigen. Aber das Recht haben wir als Deutsche, von dem zersetzenden Einfluß des Judenthums zu reden. Es wäre gar keine so schlechte Wahlparole, den Herren, die immer den Ruf gegen die Junker erschallen lassen, entgegenzustellen eine Parole, die auch mit „Ju" anfängt: auf zum Kampfe gegen das Judenthum! Wenn es dann weiter immer heißt: auf zum Kampfe gegen Reaktion und Junkerthum, so wissen wir auch ein schönes Wort mit R: auf zum Kampf gegen Revolution und JudenthUm (Beifall), zum Kampf gegen Juden und Revolution!" Diese Phrasen haben aber den Antisemiten nur wenig imponirt. Sie trauen vorläufig — und mit Recht — den Konservativen trotz alledem noch nicht über den Weg und erklären daher ohne Scheu : „Es ist auffallend, daß die Betonung des antisemitischen Standpunktes immer kurz vor den Wahlen für angebracht erachtet wird, und daß auch im Wahlkampfe selbst einzelne Angehörige der konservativen Partei sich fast noch antisemitischer geben als die Antisemiten selbst,. während sie nach den Wahlen den. Antisemitismus wieder still im verborgenen Schrein ihres Herzens aufbewahren, . bis es wieder einmal angebracht erscheint, ihn in stolzen Reden glänzen zu lassen." Im klebrigen hat die antisemitische Fraktion zu Gunsten ihres Wahlprogramms wieder folgende Ladenhüter eingebracht: 1. Ein Gesetz über die Betäubung der Schlachtthiere. ' 2. Ein Gesetz über die Einwanderung ausländischer Juden, dessen § 1 lautet: Die Einwanderung von Juden, die nicht in Deutschland staats-, angehörig sind, ist untersagt. - * In Böhmen scheint wieder einmal Ruhe zu herrschen. Alber in Prag allein sind au achthundert jüdischen Häusern und Käufläden die Fensterscheiben zertrümmert und viernndvierzig jüdische Geschäfte geplündert worden. Werthe, die in die Hunderttausende gehen, sind vernichtet worden. Wer ersetzt den Schaden? Wer giebt diesen armen Menschen ihre ruinirte Existenz wieder? Es. ist rührend, zu lesen, wie die Stadtgemeinde dem Staate und dieser der Stadtgemeinde die Haftpflicht zuschieben will. Für die zünftigen Juristen ist das eine höchst interessante Rechtssache, und je länger sich der Prozeß hinzieht, desto interestanter ist er. Mittlerweile erledigt sich die Sache von selbst, da ja die beklagenswerthen Opfer verhungert! werden. Aber mit Recht bemerkt die „Oesterreichische Wochenschrift": Wenn irgendwo, so bietet sich hier den jüdischen Abgeordneten ein Feld für nützliche Thätigkeit. Ihre heilige Pflicht, ist es, ungesäumt und. mit aller Energie an die Regierung heranzutreten und vollen Schadenersatz für die Opfer der Prager Exzesse zu fordern. Aber nicht nur vollen, sondern auch sofortigen Ersatz. Die betreffenden Geschäftsleute können nicht warten, bis der Prozeß zwischen Stadt und Staat - entschieden ist. Es ist mit vollem Recht betont worden, daß hier ein