Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1897)
- Date
- 1897-12-17
- Page
- Seite 602 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228254--54218-3268187- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
602 sich die religiöse Begeisterung in Judäa, welche darauf mehrere Jahrhunderte hindurch das kleine. Land durchglüht und dasselbe zum Herd der mächtigsten religiösen Bewegung gemacht hat. Fast zwei Jahrhunderte gingen nach dem Tode Juda Makabis darüber hin, bevor aus den engen Grenzen Palästinas das Feuer hinausströmte in die heidnische Welt, jede Spur der alten- Mächte versengend und verzehrend, und ein neuer Glaube die Welt in neue Formen goß. Feindlich standen damals Israels Führer der neuen Lehre gegenüber; sie hielten treue Wacht über den, heiligen Hort; wir brauchen uns ihrer nicht zu schämen, sie nicht zu verleugnen; sie waren der Meinung, die Israel theilt bis auf den heutigen Tag, daß die neue Lehre zwar manche herrliche Perle der alten Wahrheit entlehnt habe, daß sie aber nimmer so rein und lauter sei als die Satzungen des Sinai. Wie durften sie einem Glauben sich freundlich zeigen, der bei seinem Entstehen sich fast ausschließlich an die Juden richtete, diesen jedoch ungleich weniger bot an Aufschluß über die Welt und das eigene Gemüth, an Trost und Anhalt in ernsten Stunden, an klaren inib sicheren Regeln fürs Leben als die alte, durch die weisen und gottesfürchtigen Meister fortgebildete Lehre? Aber beklagenswerth ist es, daß dieses unfreundliche Urtheil aus diesen ersten Zeiten sich fortpflanzte zu den spätem Geschlechtern, zu Jahrhunderten, wo sich die Ohnmacht der neuen Lehre gegenüber dem Judenthum längst erwiesen hatte, wo sie aber nicht minder als der Stein sich zeigte, der dem Koloß des Heidenthums den thönernen Fuß zerschlug, und dessen mächtiges Dröhnen die Erde erfüllte. Wohl war die Tochter hart und rauh gegen die jüdische Mutter, und dieser wurde das Dasein schwer unter der Herrschaft des Sprößlings, der allen gesitteten Völkern gebot und noch heute gebietet. Dies alles trübte vielen Israeliten den Sinn, daß sie die große Gottesthat, die Erlösung der heidnischen Welt? die sich damals vollzog?micht begriffen, daß sie nicht einsahen, wie nächst der Offenbarung am . Sinai die Geschichte der Religion kein gewaltigeres und kein segensreicheres Ereigniß zu verzeichnen hat als dieses Ausströmen Zeines großen Theils der jüdischen Wahrheit zu den heidnischen Völkern. Viele unserer großen Lehrer haben es für gut befunden, an der Spitze ihrer Werke es auszusprechen, daß alles, was die Schrift und der Talmud von den Götzendienern Schimpfliches reden, keine Anwendung ertrage auf diese Bekenner des neuen Glaubens, denn sie seien ja vom jüdischen Lichte erleuchtet, obgleich deffen Strahlen nicht voll und klar in die Gemüther gefallen sind. Dennoch begegnet uns hie und da ein Jude, und es ist nicht selten ein Aufgeklärter, der wegwerfend und absprechend von diesem Glauben redet, an welchem die civilisirten Völker hängen, und es ist dies oft die einzige Form, in welcher er sein Judenthum bethätigt; die Abneigung gegen das Fremde ist an die Stelle der Liebe zu dem eigenen ererbten Glauben getreten. Freilich, noch heute dringt manch unduldsames Wort aus diesen Kreisen zu uns herüber; ja, es kann Vorkommen, daß Priester dieses neuen Glaubens, dazu geladen, Zeuge gn sein der Weihe eines Gotteshauses, dieses zurückweisen, weil es ein jüdisches Gotteshaus war. Es ist eine harte Verirrung, so vollkommen das beiden Religionen Gemeinsame zu verkennen; wir aber, wie ernste Bedenken wir auch gegen diesen Glauben haben, so ernst, daß viele Israeliten lieber den Tod erlitten haben, denn daß sie sich zu ihm bekannt hätten, wir erkennen die Zeichen, daß er ans der Lehre' und dem Leben unseres Volkes entsprungen ist, wir wissen, daß es unwürdig wäre, diesen Sprößling des Sinai mit dem Wahn des Heidenthums in eine Reihe zu stellen, und wir ehren die Weisheit Gottes, der | durch diese wunderbare Bewegung den Götzendienst gestürzt und die Menschen für eine bessere Erkenntniß gewonnen hat. Längst vorbereitet war diese Bewegung im jüdischen Volke, und der Stein, welcher den griechisch-römischen Koloß'zertrümmert hat, war durch die Makabäer ins Rollen gekommen' Wäre Juda Makabi zu. Grunde gegangen, wäre es den Syrern gelungen, auch Judäa ihren Göttern unterthan zu ' machen, dann hätten auch die Bedingungen zu der großen religiösen Revolution gefehlt, welche einige? Jahrhunderte später die alt gewordene Welt verjüngt haben. Das Buch Daniel läßt uns den rechten Standpunkt gewinnen, von dem aus wir dies welthistorische Schauspiel klar übersehen können. Indem Juda Makabi den fast erstorbenen jüdischen Geist wieder zum Leben erweckte, indem er durch seine Siege, durch seine Gesänge Begeisterung in die ermatteten Seelen hauchte, gab er dem religiösen Bewußtsein eine kaum geahnte Stärke und Freudigkeit; ein neues Feuer durchglühte die Nation, wie die Lavafluth die Erde spaltet, und weithin sich ergießt, so drängte diese Gluth zum Ausbruch; damals, als Juda Makabi in Jerusalem einzog und das Channkahfest feierte, hatte der Stein sich losgelöst wider das Heidenthum, Israel war wieder lebendig, Israel, das mit Göttern und Helden streitet und immer obsiegt. Bekannt ist die Sage von dem Krüglein heiligen Oels, das die siegenden Israeliten in dem entweihten Tempel an entlegener Stätte vorfanden, und das durch ein Wunder für acht Tage reichte. Es ist nicht zufällig, daß gerade dieses Märchen dem Volksgeiste vertraut geworden ist, währendso viele rühmliche Thaten der tapferen Hasmonäerweniger gekannt sind. Ein Volk gewinnt nicht selten eine Sage deswegen lieb, weil in ihr Charakter und Schicksal, sei es seines Helden, sei es des Volkes selbst, mit besonderer Deutlichkeit ausgeprägt ist,, und kaum giebt es eine bessere Symbolik für das Schicksal der Makabäer als dieses Märchen vom Oelkrüglein. In einem entlegenen Winkel Palästinas wohnte Mathathias mit seinen Söhnen, um sich vor den Schergen zu schützen; wäre er nicht gewaltsam hineingestoßen worden in diesen Streit, sein Ehrgeiz hätte ihn nicht gedrängt, die Leitung des Widerstandes zu übernehmen; aber kein Fleck des Landes ist vordem syrischen Uebermuth sicher, Mathathms muß vor seinen Augen die Schande des Götzendienstes sehen, er selbst wird aufgesordert, durch sein Beispiel die Anderen zum Abfall zu verleiten, da erwacht in ihm der Zorn, der die Israeliten aus Duldern zu Helden bildet, und wie das Oelkrüglein an einer entlegenen Stelle gefunden wird, so erhebt sich aus der kleinen vergessenen Stadt der Widerstand gegen den Unterdrücker. Aber nun geschieht ein Wunder, der kleine Krug enthält eine überschwengliche Fülle des Oels, und fort und fort speist er die Flamme. Wer ist das anders als Juda Makabi, an dessen Be-. geisterung sich eine Flamme entfacht hat, die den Erdball entzündet und erleuchtet hat? . Wie vortrefflich ist das Heidenthum gerüstet gegen den jüdischen Geist; so verlockend stellt es sich dar. daß.es den Verrath hineinträgt in die jüdischen Reihen, und wir dürfen auch nicht glauben, daß die Ansprüche, welche Antiochus an die Inden stellte, so unerhört und absonderlich gewesen wären. Das Buch der Makabäer selbst berichtet uns, daß, als Antiochus Befehle gab, alle Stämme seines weiten Reiches zu einem Volke zu verschmelzen, und sie aufforderte, ihr altes Herkommen aufzugeben, ihm alle Völker gehorchten bis auf Israel. Dieses Heidenthum des Antiochus war so hübsch verziert mit hellenischer Kunst, da war alles so prächtig und geschmackvoll, daß die Barbaren willig ihre rohen Fetische vertauschten mit den künstlerischen Gebilden der Griechen. Israel allein blieb ungehorsam,.