Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1897)
- Date
- 1897-12-10
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Rabbiner Dr. L. Bäck zum Vorsitzenden des Vorstandes gewählt. Dr. B. sprach daselbst über die Charaktere im „Kaufmann von Venedig" und Dr. med. Schlesinger über die Charaktereigenschaften der Juden in Legende und Geschichte. Ferner sprachen Dr. Vogelslein-Stettin in Leipzig über Josephus Flavius, Dr. Werner-München in Frankfurt a. M über die Sekten im Judenthum und Dr. Silberstein- Wiesbaden ebendaselbst über die Juden in Amerika, D'r.Horov itz - Krefeld über die beiden Philanthropen Moses Montefiore und Baron Hirsch, Dr. Aoolf Ko Hut in Köln und Barmen über Friedrich der Große und Kaiser Joseph II. in ihrer Stellung zu den Juden. L2 Berlin, 5 Dezember. Der „Israelitische Miethe- Hilfs-Verein", der im vergangenen Jahre auf eine 25jährige gesegnete Thätigkeit zurückblicken konnte, veranstaltet zum Besten seiner Unterstützungskasse einen Cyklus von drei Vorträgen, welche zu übernehmen in dankenswerther Weise sich die Herren Schriftsteller Georg Engel, Professor Dr. Ludwig Geiger und.. Redakteur Manuel Schnitzer bereit erklärten. Die Vorträge finden im großen Saal der Gesellschaft der Freunde, Potsdamerstraße 9, statt. , Potsdam, 6. Dezember. Am 28. v. M. beging Herr OberkantorSchönbergersein 25jähriges Amtsjubiläum. Schon in der frühen Morgenstunde erschien der Vorsitzende des Synagogen-Vorstandes, Herr Rechtsanwalt Friedländer und feierte in einer herzlichen Ansprache den Jubilar. Der Vorstand überreichte Herrn Schönberger eine namhafte Ehrengabe und knüpfte zugleich die Versicherung daran, daß er auch später seine Familiensorgen mit ihm tragen Helsen wolle. Dieser Rede schloß sich ein Gesang des Konzertsängers Herrn Heinemann aus Berlin an, welcher den Psalm 120, vom Sohne des Jubilars anläßlich der Feier komponirt, vortrug. Hernach sprach in beredten Worten Herr Rabbiner Dr. Rieger von der Bedeutung des Chasan überhaupt und pries dabei die Pflichttreue und Hingebung mit welchem Herr Schönberger seinem Berufe im Gotteshause und in der Schule obliegt Ferner hob er das schöne Verhältniß hervor, welches hier zwischen der Gemeinde und ihrem Kantor herrscht. Dann überreichte er dem Jubilar eine „Mosesgruppe". Hierauf folgte der Synagogengesangverein mit seiner Gratulation und überreichte dem Jubilar einen kostbaren Silberkasten. Der Frauenverein Potsdams ehrte Herrn Schönberger gleichfalls durch ein werthvolles Geschenk. Auch viele Gemeindemitglieder suchten Herrn Schönberger durch Aufmerksamkeiten zu erfreuen. Während des Tages gingen zahlreiche Telegramme und Briefe ein. Auch Herr Rabbiner Dr. Cohn,, der frühere Prediger in Potsdam, schrieb herzliche Worte, aus denen das intime Verhältniß zwischen diesen Beiden während ihres langjährigen Zusammenwirkens zu ersehen war. Am Abend fand ein Festessen statt, an dem auch mehrere Kantoren mit ihren Frauen aus Berlin Theil nahmen. Kantor Friedmann feierte den Jubilar wie dessen Gattin in einer längeren Rede. Dann trug er das von seiner Frau gedichtete und von ihm komponirte „Jubellied", welches er dem Silberpaar widmete, vor. Kantor Dubowski schloß die Tafel mit dem üblichen Tischgebet. Der ganze Tag legte Zeugniß ab, welche Hochachtung und Werthschätzung das Schönberger'sche Ehepaar hier genießt. X Bromberg, im Dezember. Die verstorbene Wittwe Bertha Kauffmann hat der hiesigen Gemeinde 600 Mark überwiesen. Die Zinsen von diesem Betrage sind von dem Vorstande an ihrem Sterbetage nach Gutdünken zu verwenden. — In Wongrowitz ist zum Rathsherrn Herr Ziegel gewählt, zu Stadtverordneten die Herren I. Fürder, Krombach und Dr. Payser. — In Lobsens ist der Kaufmann Abraham Cohn zum Stadtverordneten gewählt. OO Bad Homburg, 2. Dezember. Mit Beginn des neuen Jahres ist unser verehrter Kantor, Herr Abr. Braunschweig, in den Ruhestand getreten. Der Genannte hat 42 Jahre lang, den höchsten Anforderungen genügend, seines Amtes gewaltet und sich erworben, was unsere Weisen als eines der werthvollsten Güter hier auf Erden bezeichnen: einen guten Namen. Am 1. Neujahrstage wurde Herrn Braunschweig seitens des Kultusvorstandes in einer geschmackvoll ausgestatteten Adresse die Ehrenmitgliedschaft unserer Gemeinde zuertheilt, und neuerdings ist ihm vom Kaiser der Kronenorden IV. Klasse verliehen worden. Möchte dem alten Herrn, der trotz seiner 72 Jahre noch recht stattlich einherschreitet, ein freudvoller Lebensabend beschieden sein! Oesterreich-Ungarn. Wien, 6. Dezember. Die entsetzlichen Vorgänge in Prag . drängen das Interesse an allen anderen Ereignissen in den Hintergrund; leider waren es nebst den Deutschen auch unsere Glaubensgenossen, die von dem wildbewegten Pöbel arg mitgenommen sind; allein nicht blos deutsche Juden verfielen der Plünderung, auch viele tschechische Juden, besonders in Weinberge, Zizkov, Smichau und Tabor blieben nicht verschont. Die Plünderer machten bezüglich der Nationalität der Juden - keinen Unterschied. Immer neue Schilderungen von bei den Exzessen verübten Greuelthaten laufen ein. Man findet es unglaublich und kann es gar nicht verstehen, daß derartige Raubzüge, trotzdem oft Militär und Polizei in der Nähe waren, haben geschehen können. Einzelne der Beschädigten würden ihrer Habe vollständig beraubt. Einem Geschäftsmanne blieb nichts übrig, als was er am Leibe hatte; nicht blos sein Laden, sondern auch die angrenzende Wohnung wurde völlig ausgeplündert. Eine arme jüdische Gemischtwaarenhändlerin, die auf den Knien um Schonung ihrer kümmerlichen Habe flehte, wurde von' der entmenschten Rotte, ehe die Polizei dazu kam, niedergestochen. Unzählige Gräuel wurden verübt, und noch jetzt wüthet der Pöbel in den böhmischen Landstädten, so würden in Nachod die Fenster der Synagoge zertrümmert, in Sylau die Wohnungen zweier Israeliten demolirt, in Melnik die Fenster der israelitischen Schule zerschlagen und in die jüdischen Häuser eingedrungen. Ueberall zog der Pöbel zunächst vor die Synagogen, um dort die Fenster einzuschlagen und zu plündern. Gestern wendete sich der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in der Vorstadt Weinberge in Prag telegraphisch an den Erbauer der dortigen Synagoge, den Baurath Stiaßny in Wien, mit der Bitte, sich sofort an den Minister-Präsidenten Baron Gautsch zu wenden und um Schutz für dieses erst im Vorjahr fertiggestellte Bauwerk zu ersuchen, welches der Pöbel anzuzünden drohte. In Abwesenheit des Minister- Präsidenten erhielt Baurath Stiaßny im Minister-Präsidium die Zusicherung, daß auf telephonischem Wege der Schutz für das bedrohte Gotteshaus angeordnet werden wird. Diese Drohung des Prager tschechischen Mobs ist um so auffallender, als die Juden in der Gemeinde Weinberge in allen politischen Fragen mit den Tschechen gingen und bei allen Wahlen für die jungtschechischen Kandidaten eintraten. . In Prag selbst ist seit der Proklamirung des Standrechtes Ruhe eingetreten; der Schaden aber, den zahlreiche jüdische Familien erlitten haben, ist ein horrender. Zahlreiche Familien sind hierher geflüchtet, sie haben nichts als ihr Leben gerettet. — Unter dem Vorsitze des Präsidenten Baron Suttner hielt gestern der Verein zur Abwehr des Antisemitismus im Saale des „Hotel de France" eine sehr zahlreich besuchte Versammlung ab. Die Diskussion bewegte sich vornehmlich um die Anregung, der Verein möge sich in einen politischen umgestalten, um eine intensivere Agitation entfalten zu können. Mehrere Redner sprachen sich für eine entschiedene Agitation aus. Aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus soll ein Verein zur Bekämpfung des Antisemitismus werden. Auch das Verhalten der Christlich-Sozialen im Reichsrathe wurde in der Debatte gestreift und die Art, in der Dr. Lueger seine Schwenkung im letzten Momente vollzog und aus der Demission des Ministeriums Badeni für sich Kapital zu schlagen suchte. Die aus der Versammlung gegebenen Anregungen werden vom Ausschüsse geprüft und der Entscheidung einer demnächst einzuberufenden Versammlung überlassen werden. — Auch in Karlsbad ist ein Verein zur Abwehr des Äntisemitismus im Entstehen begriffen. Holland. CU> Amsterdam, 30. November. Diesen Morgen starb hier plötzlich der Bankier A. C. Wertheim, eine der hervorragendsten Persönlichkeiten nicht nur der Stadt Amsterdam, sonderndes ganzen Königreichs der Niederlande. Wenige haben wie er in politischer Hinsicht eine so maßgebende Rolle gespielt, und noch wenigeren war es beschieden, bis ans Lebensende ihren Einfluß auf die Massen wie auf die gebildeten Elemente so ungeschmälert zu erhalten. Es läßt sich überhaupt keine gemeinnützige Einrichtung, kein dem öffentlichen Interesse gewidmeter Verein, kein zur Verbesserung des Looses der unteren Volksklassen unternommener Versuch denken, woran er nicht, sei es als Leiter oder als Rathgeber betheiligt gewesen wäre. An dem Emporblühen Amsterdams in den letzten 25 Jahren hat er in einer so thatkräftigen Weise mitgewirkt, daß der Volksmund ihn kurzweg „die Vorsehung von