Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1897)
- Date
- 1897-12-10
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Amsterdam" genannt hat. Manchem war es unbegreiflich, wie dieser^ Mann, der an > der Spitze - eines der hervorragendsten Bankhäuserder^ Stadt stand, noch, die Zeit finden konnte, eine, so umfassende und staunenswerthe gemeinnützige Thätigkeitzu entwickeln, und dennoch hat. er/ die vielen-Ehrenpostendie ihm das Vertrauen seiner Mitbürger über-//: tragen hat, mit der peinlichsten Gewissenhaftigkeit und mit nie ermattendem Eifer ivahrgenommen, Wer es einmal gesehen hat, wie zweimal in der/. Woche in früher . Morgenstunde sein Büreau von Bittstellern und Rath-< und Hilfesuchenden aller Art, die er einen nach dem anderen freundlich', anhörte, förmlich belagert war, der mußte unwillkürlich an die Audienz/ eines vielbeschäftigten Ministers oder Staatsmannes-denken. Will man einen sprechenden Beweis seines geradezu unwiderstehlichen Einflusses,., so muß man wissen, daß er vor ein paar Jahren zum Präsidenten der, großen, über das ganze Land verbreiteten hMaatsschappy tot nut van’t: algemeen“; jener Gesellschaft gewählt wurde, in deren Statuten die Be-' stimmung obenan stand, daß kein - Israelit Mitglied sein könne, eine Bestimmung, die er beinahe spielend zu beseitigen wußte! Wertheim war ein außerordentlich gewandter Redner, der ebenso mit formeller . Eleganz, wie mit sachlicher Schärfe sprach, und wenn er zur Feder griff, was bei vielen, auch nicht gerade wichtigen Fragen sehr häufig geschah, so bewunderte mau ebenso die Schlagfertigkeit seiner Gründe wie den.' unübertroffenen Meister des klaren. Allen verständlichen Stils. Zuerst Mitglied der Provinzialstaaten von Nordholland, wurde er von dieser/ in die Erste Kammer gewählt, und hier war er eine Zierde der liberalen Partei, der er sein ganzes Leben lang mit unverbrüchlicher Treue gedient hat. Erwähnen wir zum Schluffe noch seine hochherzige Freigebigkeit, mit der er manche Thräne getrocknet, manche Familie vor dem Untergang gerettet und mancher aufstrebenden Kraft die Bahn zu einer ehrenvollen Laufbahn eröffnet hat, sowie seine innige Anhänglichkeit an das Judenthum, so darf man wohl sagen, daß bd§ Land und der. Staat, vor allem aber die Gemeinde Amsterdam einen ihrer besten und edelsten Bürger verloren Haben. Amerika. C. H. New-Iork, 16. November. Am 11. d. Mts. starb in Philadelphia der Rabbiner der Mickwe Israel-Gemeinde, Sabbato Morais. Mit seinem Hinscheiden erleidet das konservative Judenthum Amerikas einen schweren Schlag. Morais war 1823 in Livornb geboren, kam im Jahre 1850 als Minister an die älteste, ursprüngliche^ portugiesische Gemeinde Philadelphias, wo er der Nachfolger Jsaae Leesers wurde. Ohne ein Gelehrter zu sein, war Morais ein gut/ unterrichteter Mann, ein treuer Diener seiner Gemeinde, ein fleckenloser: Charakter und eine tief-religiöse Natur. Er war Präsident und eifrigster/ Mitbegründer des Newyorker orthodoxen Seminars.—Dem Jargondichterl Moriz Rosenthal, einem früheren Schneider, wird die Ehre angethan,- daß seine Gedichte in der angesehenen Newyorker Zeitschrift „The Nation"! als klassische Poesie gerühmt werden. — William H. Cohen ist zum/ Richter am obersten Gerichtshöfe für den ersten Bezirk des Staates: New-Jork ernannt worden. Er ist 40 Jahre alt und ein gebürtiger: New-Iorker. — Rabbiner Geismar in Brooklyn verzichtete aus seine/ Stelle, um sich der Advokatur zuzuwenden. l C. H. Nelv-Aork, im Dezember. Am 7. v. Mts. fand im! Tempel Emanuel eine große Trauerfeierlichkeit zu Ehren des ver-j stordenen Präsidenten Lewis May statt. Die Verdienste des Ver-; storbenen wurden von dem Schulinspektor Dr. Leipziger und den beiden/ Rabbinern des Tempels, Dr. Gottheil und Dr. Silverman, gebührend! gefeiert. Am 14. v. Mts. fand die Jahresversammlung der allgemeinen! Wohlthätigkeitsgesellschaft United Hebrew Charities statt. Das/ Einkommen betrug 137 940 Dollars; die Ausgaben beliefen sich auf! 130 680 Dollars. Der Präsident Henry Rice wies auf die sichtliche! Besserung der Verhältnisse hin, klagte aber doch über unzureichende/ Theilnahme. 31088 Ansuchen um Hilfeleistung wurden an die Ge-j sellschast gestellt. — Als recht bezeichnend will ich melden, daß der/ litterarische Verein der Studenten am hiesigen „orthodoxen Rabbiner-! seminar" an einem Debattenabend die Frage: Sind die Ceremonien! ein wesentlicher Bestandtheil der Religion? im negativen Sinne' löste. — Am 4. November feierte die Gemeinde Anshe Maarab in! Chicago ihr fünfzigjähriges Jubiläum. Sie ist durch ihren früheren! Rabbiner Liebmann Adler, den Verfasser des Erbauungsbüches „Zeenalii u Reenah“ auch in Deutschland bekannt. Don Nah und Fern. — Die antisemitische Reichstagsfraktion hat beschlossen; ' die Anträge betreffend die Judeneinwanderung und das Schächten' wieder einzubringen. — Im Wahlkreise Dr am burg -- S chiev elbe in haben die Antisemiten den durch verschiedene Gerichtsverhandlungen bereits bekannten 'Antisemitenhäuptling Sedlatzek, der soeben eine mehrmonatliche Gefängnißstrafe in Plötzensee verbüßt hat, für" die Reichstagswahlen aufgestellt. — In Lobsens'feierte das Hirschberger'sche Ehepaar unter allgemeiner Theilnahme am 24. v. Mts. die goldene Hochzeit. Hirschberger war Jahre lang Vorsteher der dortigen jüdischen Gemeinde. Das Jubelpaar erhielt bie" kaiserliche Jubiläumsmedaille und spendete an diesem Tage eine beträchtliche Summe an Arme und eine neue Thorarolle mit einem mit schwerem Golde besetzten Mäntelchen der Synagoge. Bei der Uebergabe fand . eine Feier statt, die Kantor Baumstein unter. Begleitung eines von ihm eingeübten Chors abhielt. — Aus Anlaß des Geburtstagsfestes des Großherzogs von Hessen wurden ausgezeichnet: Der ordentliche Professor an der/Technifchen Hochschule zu.Darmstadt Dr. Sigmund Gundelfinger erhielt das Ritterkreuz I. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen; der Weinhändler und dermalige Präsident der Handelskammer zu Bingen Simon Zacharias Coblenz wurde zum Kommerzienrath ernannt. —. Das dem badischen Landtage vorgelegte Budget pro 1898/99 enthält im Ausgabenetat folgenden Posten: „Aufbesserung gering besoldeter Rabbiner 18 400 Mark". — Ein zionistisches Schauspiel wird Theodor Herzl auf einer großen Wiener Bühne demnächst aufführen lassen. Herzl soll das Schauspiel schon vor drei Jahren vollendet, sich aber erst jetzt zur Aufführung entschlossen haben. — In Prag ist der Verlagsbuchhändler und Schriftsteller Jacob W. Pa scheles gestorben. — Kaiser Franz Josef; hat den Vertreter des Hauses Rothschild in Madrid, Gustav Bauer, zum österreichisch-ungarischen General-Konsul hier ernannt. Bauer entstammt einer geachteten israelitischen Familie in Wien, und einer seiner Onkel ist der bekannte Abbö Bauer, der früher eine große Rolle in der katholischen Welt gespielt hat, vor Kurzem aber wieder zum Judenthum zurückgekehrt ist. — Dr. Hartwig Hirschfeld ist zum Dozenten für semitische Sprachen und zum Bibliothekar am Jewish College in London ernannt worden. — Der bekannteehemals boulangistische Deputirte Castelin in Paris, der seinerzeit den Schwiegervater von Dreyfus, Hadamar, des Berrathes beschuldigte, um dann kläglich seine Angriffe zurückzunehmen, hat jetzt in eine Heilanstalt für Geisteskranke gebracht werden müssen. — Im Aufträge der „Jewish Colonisation Association“ geht jetzt Mr. Walter Cohen, der Sohn des verstorbenen Lionel Cohen, nach Cypern, um diese Insel auf die Anlage einer jüdischen Kolonie hin zu prüfen. Der Bericht dürfte schon Ende dieses Jahres eintreffen. — In London wird in dem nächsten Jahre ein großes Theater gebaut für die Jargon - Aufführungen, das 3000 Sitzplätze enthalten wird. Mr. M. Rosenthal, der dies Theater errichten läßt, wird für die .Saison 1898/99 die beste Jargontruppe zusammenstellen, die sich erreichen läßt. Für diese Aufführungen wird sich vielleicht auch ein distinguirteres Publikum interessiren. — In Stockholm wird der emeritirte Rabbiner Dr. Ludwig Lewysohn am 30. d. Mts. sein 50 jähriges Doktor - Jubiläum feiern. — Frau Baronin Hirsch hat 15 000 Francs zur Errichtung von zehn neuen Häusern für Arme Und 10 000 Francs für die sephardische Gemeinde in Jerusalem bewilligt. — Die Antwort des Staatssekretärs Leyds in Johannisburg auf die Beschwerde des jüdischen Gleichberechtigungs-Komitees ist jetzt eingegangen, ist aber nicht sehr befriedigend. Sie gesteht zwar einige Kleinigkeiten zu, bleibt aber zurückhaltend in allen wichtigen Punkten. Die jüdischen Gemeinden' beabsichtigen, ihr Votum, 3— 400 Stimmen, für denjenigen Präsidentschaftskandidaten in die Wage zu werfen, der den Juden Aufhebung aller Beschränkungen zusichert. — In New- Jork wurde der Advokat Randolph Guggenheimer zum Vizebürgermeister der Viermillionenstadt gewählt. U '-Q& \ ' / Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.