Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-10 · Heft 50 (10.12.1897) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 50 (10.12.1897)
Date
1897-12-10
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228253--54212-3268180
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

61* Jahrgang. Nr. 50. K-rlm. IO. vexemder 1897. Weikage zur „Atl'gemeinen Zeitung öes IuöentHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 6. Dezember. Die heutige Repräfentanten-Versammlung erledigte in recht kurzer Zeit ihre Tagesordnung, die zwar fast nur Geldbewilligungen und Rechuungsabschlüsse aufwies, trotzdem aber nicht des Interesses entbehrte. — Zum geschäftlichen Theil lag keine Mittheilung vor. Zum zweiten Punkt betreffend die Berichte der Schuldirigenten der Religionsschulen referirt Herr Geh- Sanitätsrath Blumenthal. Die Berichte seien auf den im Juli erfolgten Beschluß sämmtlich eingegangen, enthielten aber mit Ausnahme desjenigen der TI. Neligionsschule sehr wenig Material. Die Kommission wolle nicht weiter in die Materie eingehen, weil es sich nicht lohne, und bitte die Versammlung, die Berichte der stehenden Kommission für den Religionsunterricht zur weiteren Beschlußfassung zu überweisen. Diesem Anträge wird von der Versammlung debattelos stattgegeben. Die dritte Vorlage, betreffend jährliche Subvention an den Verein „Arbeitsnachweis", hatte Herr Isidor Sachs Namens der Kommission zu vertreten. Aus dem im Druck erschienenen Vortrage des Herrn Eugen Rosenstiel, den auch die Leser unserer Zeitung kennen, verliest der Referent einige Stellen, um zu zeigen, wie nothwendig es sei, sich gerade diesem Verein zuzuwenden. Die Leistungsfähigkeit des Vereins sei sicher erwiesen, wovon sich der Referent und Herr Maurermeister Frankel durch persönliche Nachfragen bei Arbeitgebern überzeugen konnten. Diese Zeichen seien recht erfreulich, und die Gemeinde hätte deshalb die Pflicht, sich gerade diesem Zweige zu widmen. Die Armenkommission würde dadurch wesentlich entlastet werden. Die erbetene Bewilligung von 3000 Mark pro Jahr erscheine zu hoch. Man habe in der Kommission' beschlossen, dem Verein zur Deckung seines Defizits, das 896 Mark betrage, 5OO Mark zu bewilligen. Wenn erst die Gemeinde eine gewisse Einwirkung auf die Leitung der Geschäfte erlangt haben werde, könne eine jährliche Subvention einer weiteren Beschlußfassung Vorbehalten werden. In der sich hieran anschließenden Diskussion bezweifelt Herr Stadtrath Weigert, ob in der That ein jüdischer Verein für Arbeitsvermittelung noch zeitgemäß sei. Es bestehe ein Centralverein für Arbeitsnachweis seit einer Reihe von Jahren, welcher sehr günstig wirke und durch die Stadt in ausgiebiger Weise unterstützt werde. Es sei nicht nachgewiesen, daß dieser Verein vorzugsweise christliche Arbeiter berücksichtige. An der Spitze des Vereins stehe selbst ein Jude, im Vorstande seien mehrere Juden, wie Rudolf Mosse, der Referent selbst und andere hervorragende Männer. Für die Arbeitsnachweisung fei besonders nachtheilig, wenn sie zersplittert werde. Es müsse die vollste Aufmerksamkeit gerade der Centralisirung zugewendet werden, welche noch nicht so ausgebildet sei, wie sie sein sollte. Es seien theils von den Innungen, theils von den großen Fachvereinen Arbeitsnachweise gegründet worden, aber neu sei in der That, daß auf diesem Gebiete eine konfessionelle Trennung „künstlich" hineingearbeitet worden sei. Wenn es sich um die Unterbringung von Arbeitern handelte, welche nicht am Sonnabend arbeiten wollen, so würde er darin eine Spur der Existenzberechtigung eines solchen Vereins sehen. Nachdem der Verein in ein Defizit gerathen sei, wolle er ihm nicht die Subvention entziehen, man sollte jedoch reiflich in Erwägung ziehen, auf diesem Gebiete keine konfessionelle Scheidung hervorzurufen. Vom Vorstandstische übernimmt Herr Martin Simon die Widerlegung dieser Ausführungen. Eine konfessionelle Scheidung sollte nicht herbeigeführt werden, denn der Verein sei ja sehr dankbar, wenn sich christliche Arbeitgeber an ihn wendeten. Es liege jedoch nun einmal so, daß christliche Arbeitgeber nicht immer mit gleicher Bereitwilligkeit jüdische Arbeiter engagiren wie christliche. Es handele sich auch bei den jüdischen Arbeitern nicht um solche, wie sie der Centralverein suche. Es seien nicht Handarbeiter, welche ja schnell zu placiren seien, sondern es handele sich meist um solche, die geistig arbeiten, wie Buchhalter, Kaufleute rc. Der Vorstand habe sich alle diese Thatsachen, welche angeführt seien, vor Augen gehalten, sei aber zu der Ansicht gekommen, daß man sich den Verhältnissen nicht verschließen könne. Es sei noch nicht alles bewilligt worden, was der Verein Arbeitsnachweis fordere. Der Vorstand könne sich nicht dazu bereit erklären, die Höhe der jährlichen Subvention zu bewilligen, weil es sich noch nicht berechnen lasse, ob ein solches Defizit wie im Voranschläge des Vereins eintreten werde, und zweitens, weil doch ein etwas persönliches Regiment im Verein herrsche. Es sei von verschiedenen Herren über eine gewisse autokratische Leitung geklagt worden, die sich dem Verein deshalb nicht mit der vollen Wärme hingeben könnten, wie sie es gern möchten. Die Gemeinde wolle selbst an der Leitung des Vereins Mitarbeiten, und es sollten sowohl von der Armenwie auch von der Fürsorgekommission Herren beauftragt werden, mit dem Verein in Verbindung zu treten und nach einiger Zeit dem Vorstände hierüber Bericht zu erstatten. In seinem Schlußwort führt der Referent den Nachweis, daß der Verein auch nach der Richtung seine Schuldigkeit thue, die jüdischen Kräfte bei christlichen Arbeitgebern unterzubringen. Die Vorlage wird darauf mit großer Majorität angenommen. In rascher Aufeinanderfolge werden darauf einige Geldbewilligungen ausgesprochen, so 150 Mark für das israelitische Armenasyl in Meran, in welchem mehrere Berliner Aufnahme gefunden haben, 200 Mark für die Errichtung von Trennungs wänden in den Herrentoiletten der Synagoge in der Lindenstraße, 150 Mark für die Erneuerung der Beleuchtung der neuen Synagoge, 75 Mark zur Bewilligung von drei Gasglühlichtapparaten zur Erhellung des Hofes der alten Synagoge, 150 Mark zum Ankauf einer Thorarolle, deren Anschaffung in Anbetracht der Errichtung der Synagoge in der Lützowstraße sehr wünschenswerth erscheine. Der Rechnungsabschluß der Gemeindehauptkaffe ist noch nicht geprüft und verfällt deshalb der Vertagung. Der Bericht der Fürsorgekommission (Referent Herr Bodenstein) schließt mit einem Minderverbrauche von 1150,90 Mark ab, der Zuschuß der Gemeinde habe 4000 Mark betragen. Vom Vorstandstisch bemerkt Herr Jaco by zu dieser Vorlage, daß der Bericht so hervorragend sei, daß er vervielfältigt werden soll.' Die Gefangenen werden weniger rückfällig, wie dies in anderen Konfessionen der Fall sei. Die Thätigkeit der Fürsorgekommission habe sogar der Minister zur Nachahmung den anderen Konfessionen empfohlen. Herrn Rechtsanwalt Lilienthal gebühre das Verdienst, diese Erfolge hervorgerufen zu haben. Der Fürsorgekommission wird daraus Decharge erlheilt. — Die Revision der Kasse hat gemäß dem Referate des Herrn Isidor- Sach s die Richtigkeit des Bestandes ergeben, die Gesammtsumme des Steuerquittungswesens wurde ebenfalls für richtig befunden. Bezüglich der Revision des Depositoriums sei es interessant, zu erfahren, daß allein 117 verschiedene Stiftungen zu verwalten und von dem Hypothekenbestande 136 Hypotheken mit ihren Abzweigungen zu versorgen seien. Das technische Verwaltungswesen der Gemeinde sei ganz kolossal gestiegen, und der Vorstand leiste in der Bewältigung aller Arbeiten Großartiges. Die Zahl der Censiten betrage nunmehr 22 000, deren jeder ein eigenes Konto hat. — Nach Annahme dieses Berichtes erfolgt der Schluß der öffentlichen Sitzung. L2 Berlin, 5. Dezember. Am 30. v. M. fand eine Versammlung des „Verbandes für jüdische Wohlthätigkeitspflege" statt, die sehr gut besucht war, und^zwar im Sitzungssaal des Repräsentanten- Kollegiums. Der Vorsitzende, Herr Martin Simon, begrüßte die Erschienenen und ertheilte Herrn Rechtsanwalt B. Breslauer das Wort, welcher in trefflichen, von gründlicher Sachkenntniß und warmherziger Bruderliebe zeugenden Ausführungen die nächsten Zwecke des Verbandes darlegte. Ausgehend davon, daß die in Deutschland erst relativ spät durchgeführte Centralisirung der Wohlthätigkeit, welche nicht nur geben, sondern vor allem Helsen, zu selbstthätigem Erwerb erziehen müsse, heute als unbestrittene Nothwendigkeit anerkannt sei, hob Redner hervor, daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.