Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1897)
- Date
- 1897-12-10
- Page
- Seite 599 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Entweiht das alte Heiligthum des Volks. An Babels Wässern saßen seine Kinder Und weinten ob des bitteren Geschicks; Da hat der Herr sich ihrer Noth erbarmt Und führte sie zurück ins Land des Segens, Wo der Propheten heilige Asche ruht J Und die Gebeine ihrer Ahnen liegen." Jetzt aber unterbrach mit schmerzlich aufgeregter Stimme der Rabbi sein Klagelied: Ist es schlimmer als in jener Zeit, wann o Herr! wird die Trübsal Deines Volkes endigen, und der Fluch nicht mehr wie giftiger Thau auf die Herzen Deiner Kinder fallen? III. Vor dem Hause Löbs ben Isaak am Ende der Belelesgasse ging, in seinen Mantel gehüllt, ein junger Mann auf und nieder, das Gesicht theils durch den Kragen seines Mantels, theils durch die tief über die Stirn gezogene schwarze Flügelkappe den Vorübergehenden verbergend. Am Ende der Gaffe-führt ein Seitenweg auf' den alten Judenkirchhof, der um diese Zeit bereits ziemlich verlassen und einsam war, so daß er sich zum Stelldichein zweier Liebenden wohl eignen mochte; denn ein solches schien der Mann im Mantel zu erwarten. Mit Ausnahme eines Fensters im Hinterhause Löbs. das nach dem Kirchhofe zuging, brannte nirgends mehr Licht in dieser Gegend. Der Mann im Mantel war wohl zwanzigmal vom Kirchhofe an der Altneuschule vorbei, die ganze Gaffe entlang gegangen und wieder umgekehrt, hatte auf jedes ihm begegnende Weib einen aufmerksamen Blick geworfen und war wieder zum Kirchhofe zurück gegangen, ohne zu finden, was er suchte. Unmuthig setzte er sich im tiefsten, dunkelsten Schatten der Kirchhofsmauer auf einen Stein, wickelte sich in den grauen Mantel und behielt die Ecke fest im Auge, an der vorbei man in das Haus Löbs gelangte. Endlich erschien eine schlanke, weiß verschleierte Gestalt und schien besorgt umher zu blicken. Als sie das Hausthor öffnen wollte, fühlte sie sich hastig am Arm gefaßt und rasch von der Thür weg ins Dunkel gezogen. Ehe sie es hindern konnte, war ihr Schleier zurückgeschlagen, und ein Paar heiße Lippen'brannten auf den ihrigen. „Rachel, wo bleibst Du. so lange?" Rachel seufzte und erzählte mit thränenerstickter Stimme, daß sie beim Rabbi gewesen fei. und ihm das Geheimniß ihrer Liebe geoffenbart habe. Der Ritter schrak sichtlich zusammen, als er diese Kunde vernahm, und ließ mit schmerzlicher Bewegung die Arme sinken. „Ich soll Euch und meiner Liebe entsagen, so läutet das unwiderrufliche Gebot. Wir sehen uns heute zum letzten Male." Der Ritter ergriff die Hand der Jüdin. „So hast Du selbst den Scheidebrief geschrieben, der uns auf ewig trennt? Bedenke es wohl, Mädchen, was Du thust. Du mähst nicht allein in meiner Brust die jungen grünen Halme ab, auch in der Deinigen werden sie nicht mehr Blüthe und Frucht treiben, und Dein Herz wird verdorren wie das weinige. Sei standhaft und gieb die schöne Hoffnung nicht auf." „Sei standhaft, und tödte diese Hoffnung, sprach der Rabbi zu mir," entgeguete Rachel. „Wem von Euch Beiden soll ich glauben?" „Mir, mir," fiel ihr hastig der Ritter ins Wort. „Wirf einen Blick in jene heitere Zukunft, die ich Dir so oft vorgemalt, und halte sie gegen das kärgliche Loos, das Deiner im väterlichen Hause harrt." Die Jüdin schüttelte das Haupt und schickte sich, ihre Kräfte gewaltsam zusanunenraffend, an, in das Haus ihres Vaters zu gehen. Der Ritter hielt sie zurück, „Du gehst, Rachel, was bleibt mir von meinem Glück?" „Die Erinnerung daran, und mir Euer Bild im Herzen." „Erinnerung!" rief der Ritter. „Westen soll ich mich erinnern? Deiner, die verloren ist, seliger Zeit, die nicht wiederkehrt, und schöner Hoffnungen, die das Glück nie erfüllen wird? Solche Er- . innerungen würden statt den Frieden des Himmels die Unruhe und den Schmerz der Hölle in mein Herz bringen." „Auch meine Kraft," flüsterte Rachel, „verblutet in dem Kampf." „Was trieb Dich aber," fragte der Ritter,, „dies selige Geheimniß zu entschleiern; die stumme Nacht war die Pflegerin unserer Liebe und nährte sie mit ihrem Thau. Wir hätten so glücklich sein können, wenn Du nicht selbst ein ganzes Leben zu wenig Monden verkürzt hättest. Warum hast Du das getban?" „Der Glaube scheidet uns." „Der Glaube? Entweihe dieses heilige Wort nicht dadurch, daß Du es zum Vorwände der Trennung nimmst. Glaube und Liebe sind unzertrennlich; der Glaube, der Liebe in Haß verwandelt, ist ' mißdeutet vom blinden Wahn, und diesem, will ich meine Liebe nicht zum Opfer bringen. Dein Rabbi spricht, wie er muß, ich aber spreche, wie. ich fühle. Wäre Dein Herz wirklich durch die Worte des Rabbi zur steinernen Gesetzestafel geworden, das gestern noch ein fruchtbarer Rosengarten der Liebe war?" Rachel weinte bittere Thränen. und ein krampfhafter Druck ihrer Hand zeugte von dem Kampfe ihrer Seele. „Laß uns der Welt ein Beispiel geben, Rachel," fuhr immer heftiger werdend der Ritter fort. „Laß unsere Herzen wie zwei Feuersäulen hoch zusammenschlagen, daß alle die Schiffer, die vom Zweifel getrieben, unstät auf dem Meere des Lebens umher irren, den Weg zum Hafen erkennen. Du kannst ein Rettungsengel sein, Rachel! Ein spätes Geschlecht wird unsere Liebe mit tausend Dankesthränen segnen, darum zögere nicht und flieh in meinen Arm, der Dich umfangen und beschützen wird. An meinem Herzen kannst Du dem Geschick Trotz bieten und im'Schatten meines Wappenschildes sicher ruhen." Er breitete die Arme aus, Rachel stürzte, alle ihre Vorsätze vergessend, an seine Brust, als sie von einer knochigen Hand berührt wurde und eine heisere Stimme fragte: „In wessen Armen liegt mein Kind?" Rachel fuhr entsetzt zusammen und schrie: „Mein Vater!" Es war Löb ben Isaak, der, beunruhigt über das lange Ausbleiben seiner Tochter, vor die Hausthür getreten war und die heftigen Worte des Ritters, wenn auch nicht verstanden, doch vernommen hatte. Er war näher getreten und hatte seine Tochter in selbem Augenblicke erkannt, als er sie an das Herz eines fremden Mannes sinken sah. „Gieb Antwort, wer ist der Mann?" herrschte er seiner Tochter zu. Der Ritter. Anfangs betroffen, hatte sich schnell gefaßt und gebot dem Juden mit gebietender Stimme, sich zu entfernen. Löb ben Isaak hatte kaum an der Sprache einen Christen erkannt, als er grimmig mit der einen Hand an seinen grauen Bart fuhr und mit der andern den weißen Arm seiner Tochter faßte. Seine Augen funkelten durch die Nacht wie die eines Raubthieres. dem man sein Junges entreißen will, und mit heiserer, zornbebender Stimme ries er aus: „Ein Ritter bei meinem Kind, wehe geschrieen über Euch Beide!" * ■ „Mein Vater!" wimmerte Rachel. „Schweig!" fuhr sie der Alte an. „Du, entartetes Kind —" „Barmherzigkeit!" flehte die Tochter. „Barmherzig soll ich sein, mit Dir barmherzig sein?" und er faßte sie beim Schleier und der schwarzen Haarflechte zugleich, um sie in sein Haus, hinein zu zerren..