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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-10 · Heft 50 (10.12.1897) · p. Seite 597

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 50 (10.12.1897)
Date
1897-12-10
Page
Seite 597 (sequence 9)
Language
German
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597 Hinwegsetzung über tausendjährige Bestrebungen gar mächtiger Religionsgenossenschaften eine große Provinz seines Landes einer allseits gehaßten Nation zu überantworten und sehe ab von der räumlichen Unzulänglichkeit des angestrebten Landes. Ueber alles das setzen sich unsere „Zionisten" in kühnem Sprung hinweg und merken gar nicht, welch furchtbarer Selbsttäuschung sie sich hingeben. Auf der anderen Seite wiederum sehen wir eine Rathlmd Thatlosigkeit, die wie ein Ertrinkender an einem Strohhalm Rettung sucht, dem Strohhalm der Assimilation und der dem Judenthum angeblich obliegenden Mission unter den Völkern des Erdballs. Was ist da das Richtige? Es giebt zwei Sorten von Menschen, deren Verkehr ich nach Thunlichkeit meide: Leute, für die ich keine Sympathie habe, und Leute, von denen ich annehme, daß ich ihnen unsympathisch bin, auch wenn sie selbst mir die liebsten Wesen von der Welt sind. Das ist ein Grundsatz, der gut oderschlecht sein kann; aber es ist ein Grundsatz, und zwar ein solcher, der ein friedliches Nebeneinanderleben ermöglicht. Er gilt für die Individuen, aber auch für die Nationen. Verstößt man gegen diesen Grundsatz, dann thut man entweder sich selbst Unrecht, oder man erscheint als lästiger Aufdringling. Beides ist auf die Dauer unhaltbar. Wir Juden nun haben für alles Nichtjüdische sehr viel Sympathie. Das ist sogar eine unserer hervorstechendsten Eigenheiten. Aus dieser Sympathie glauben wir das Recht herleiten zu sollen, auf Gegenliebe oder richtiger: wir setzen diese ohne Weiteres voraus und glauben dann, daß wir schon eines Herzens, eines Sinnes, daß wir „assimilirt" sind. Es fällt uns in der Regel gar nicht ein, ernstlich danach zu fragen, ob auch der andere Theil uns wirkliche Sympathien entgegenbringt. Würden wir uns diese Frage vorlegen, dann würden wir schon längst darüber im Klaren sein, daß wir uns niemals wirklicher Sympathien erfreuten. Dürfen wir aber daraus dem Nichtjnden einen Vorwurf machen? Ich glaube: nein. Denn Neigungen sind incommensurabel und von tausend Dingen abhängig, die weder von Individuell noch voll Nationen im Handumdreheil geändert werden können. Während nun die Assimilanten in dem Jrrthum befangen siild, ihre ehrlichen Assimilationsbestrebungeu seien ausreichend, um auch ans der andereil Seite ehrliche Sympathien hervorzurufen, begehen die Zionisten den Fehler, vorauszusetzen, daß die Gegner sofort alle Differenzen vergessen und uns sogar ihre hilfreiche Hand bieteil werden, wenn wir uns nur einmal von ihilen theilweise zurückgezogen haben werden. Freilich, b e u Grundsatz befolgen die Zionisten: trotz ihrer Sympathien für die christliche Kulturwelt wollen sie sich von ihr zurückziehen, weil sie erkannt haben, daß diese ihnen keine Sympathien entgegenbringt. Sie wollen sich also nicht anklammern, nicht aufdrängen. Siird sie aber auch konsequent in diesem ihreil Vorhaben? Durchaus nicht; denn, wenngleich sie die christlichen Länder, in denen die Juden mehr oder weniger sporadisch leben, verlassen wollen, so beabsichtigen sie dennoch nichts Geringeres, als gerade dasjenige Land zu okkupiren, ans das die viel mächtigere Christenheit jedenfalls miildesteils ebenso vollwerthige Ansprüche hat wie das Judenthum. Kann das etwas ailderes zur Folge haben als potenzirte Reibungeil und Gehässigkeiten, die über kurz oder lang, ja schon nach sehr kurzer Zeit, den Untergang des Judenthums herbeiführeil müßten? Es wäre das größte Nationalunglück der Jlldenheit, lvenil man ihr wirklich Palästina übergebeil würde. Und diese Gefahr liegt lläher, als man vielleicht glaubt. Es scheint nämlich, daß die Führer der Zionisten sich schon im vorigen Jahre mit dein Sultan und mit der türkischen Regierung ins Einvernehmen gesetzt haben, und daß türkischerseits keine besonderen Einwendungeil gemacht wurden. Die altersschwache und geldbedürftige Türkei sagt eben zu allem: Ja und Amell, und es ist nicht ihre Sorge, was etwa nachher aus denl Judenstaat werden könnte. Apres noiis le deluge. Dann werden sich die Herren Zionisten in Palästina (unb Syrien?) mit Griechen, Russen, ja vielleicht auch mit Franzosen herumznschtagen haben und werden schneller als ihnen lieb sein wird die Erfahrung machen, daß der Antisemitismus dort ganz anders wuchtig auftreten wird als in den europäischen Länderil, die sie soeben erst verlassen hatten. Wie man sieht, fehlt der zionistischen Bewegung das Wichtigste: die solide politische Basis. So lange die Zionisten auf den Besitz Palästinas hinarbeiteil, sind ihre Bestrebungen zur Unfruchtbarkeit verurtheilt oder gereichen im Falle des Gelingens, das kein dauerirdes sein kann, zum Verderben des jüdischen Volkes. Sonst aber kann man der Bewegung nichts vorwersen. Sie ist eine gesunde und llothwelldige. Gelingt es, sie in die richtigen Bahnen zu leilken, dann kann sie nur segensvoll werden für Juden und Mchtjuden, denn daran ist nicht zu zweifeln: für einen großen, ja für einen sehr großen Theil der Jlldenheit muß eine Zufluchtsstätte gesucht werden, und dieser unabweislichen Aufgabe müssen sich die Jllden selbst unterziehen. Welchen Bedinglingen null muß eine solche Zufluchtsstätte entsprechen? Zwei Hauptbedingungen: 1. das zu suchende Land darf weder der Christenheit noch auch dem Islam im Wege liegen. 2. das Land muß genügend entwickelungsfähig unb genügend groß sein, lim ohne Beeinträchtigung der einheimischen Bevölkerung Raum zu bieten für eine iinmerhin auf Millionen Köpfe zu veranschlagende Einwandernlig. Daß Palästina der ersten dieser Bedingungen in gar keiner Weise entspricht, haben wir schon gesehell. Daß es aber auch die zweite unerfüllt läßt, wird Jeder bestätigen, der, wie Schreiber dieser Zeilen, das Lalld aus eigener Anschauullg kennt. Zionisten und Ailtizionisten werden sich also zusammenthull müssen, ein entsprechendes Land zu suchen. Es giebt iilnerhalb und allßerhalb des Judeilthums erfahrene Leute, die sich in den in Betracht kommenden Ländergebieten umgeschant haben. Sie werden nicht verfehlen, einer Kommission von Notabeln des Judenthums, iil der „Zionisten" so gut wie „Protestrabbiner" Sitz und.Stimme haben müssen, diskntirbare Vorschläge zu unterbreiten, die allerdings nicht sofort mit großem Tanltam aller Welt verkündigt zu werden brallchen; benu die Schwierigkeiten, die bei solchen Unternehmungen zu überwältigen sind, sind wesentlich größer und mannigfacher, als Leute, die politische Umwälzungen in halbcivilisirten oder uncivilisirten Ländern nicht mit ihrell eigenen Augen gesehen unb mitgemacht haben, in ebenso naivem wie verhängnißvollem Optimismus in der Regel zu glauben pflegen, nnd vertragen nicht von allem Anfang an eine öffentliche Erörterung. Nur wohldurchdachte Projekte soll man den Berufenen vorlegen, und nur deil Berufenen, d. h. den Staatsmännern und Regierungen, deren Gellehmigung oder Mithilfe man braucht. Erst in einem späteren Stadium gehören sie auch vor das Forum der breiten Oeffentlichkeit. Einstweilen wird es sich um ein Bescheidenes halldeln müssen: die Schaffung einer selbständigen Judenkolonie, die sich, wenn die Verhältnisse günstig sind, immerhin zu einem Judenstaat auswachsen mag. In meiner Eigenschaft als Reisender, der das^'.gesainmte Ländergebiet des Mittelmeerbeckens uub des Rothen Meeres aus eigener Anschauung, kennt, werde vielleicht sogar ich selbst..Rath wissen. Ich bemerke aber, daß ich für inich daraus keine Führerrotle ableiten möchte. Mir genügen Männer wie Herzl und Nordan

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