Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1897)
- Date
- 1897-12-10
- Page
- Seite 596 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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596 er ihm gewesen, nimmt er Lanze und Wasterkrug, die zu Häupteu von Salils Kopflager stehen, mit sich. Doch jetzt traut David der anscheinend aufrichtigen Reue des wiedererwachten Saul nicht mehr, obgleich dieser den Segen über ihn spricht. Er entfernt sich, und der böse Geist bekommt immer mehr Macht über Saul, mit dem es nun schnell abwärts geht. Er zwingt die Hexe von Endor. ihm den Schatten des gestorbenen Samuel heraufzubeschwören: Aber dieser verkündet ihm nur Unglück und Tod. Und die Verkündigung trifft ein. Er verliert fortab alle Schlachten; die Philister tobten seine Söhne, unter diesen auch den treuen Freund Davids, den Jonathan. Saul stürzt sich in sein Schwert. Wie mancher Andere an Davids Stelle würde nun aufgejubelt haben! Sein unversöhnlicher Feind Saul ist todt, und er selbst, schon so lauge vorher zum Könige gesalbt, darf nun in seine Rechte treten. Doch nicht von Jubel, nur von tiefer Trauer ist Davids Seele erfüllt. Er singt ein herzergreifendes, herrliches Klagelied um den gefallenen Freund und Bruder Jonathan, deß Freundschaft und Liebe ihm so süß gewesen. Nicht gedenkt er des Hasses, mit dem Saul ihn verfolgt: er klagt auch um ihn, um den gefallenen Helden und König: „Gefallen sind deine Helden, Israel, dein Schmuck liegt auf deinen Höhen erschlagen!" Auch als Abner, der anfänglich. ihm übelgesinnte, später aber ihm treu ergebene Feldherr Sauls, von Feinden hingemordet wird, stimmt David eine erhabene Todtenklage um den tapferen Krieger an und läßt ihn mit königlichen Ehren begraben. Ja, noch in der eigenen Todesstunde fordert der. der Dankbarkeit nie vergessende David seinen Sohn Salomo auf, das Angedenken Abners an dessen Mördern zu rächen. Hier sei auch noch der Güte Davids gegen den lahmen Mefiboset, den Sohn Jonathans, erwähnt. Er läßt ihn liebreich in sein Haus aufuehmen und wie einen Königssohn verpflegen und beschützt ihn dann später gegen die Rache der Gibeoniter. Ein Dichter und ein Held, ein feuriger, siegreicher Krieger und ein tieffühlendes dichterisches Gemüth, das ist's, was aus allem hervorlenchtet, das uns über David berichtet wird. Was Wunder, daß ihm die Sympathie der Völker geworden? Zumal sein Leben, trotz allen Kriegsglücks, doch kein allzu glückliches gewesen, und viel Leid und Ungemach ihn trifft, was ihn uns menschlich um so näher bringt. Wenn er nun menschlich irrt und menschlich fehlt, auch dann entziehen wir ihm unsere Bewunderung und Liebe nicht. Wir wissen, welch gewaltige Sünde er dadurch begangen, daß er, um Bathseba zum Weibe nehmen zu können, seinen ihm so getreuen Diener Uriah in das Gewühl der vordersten Schlachtreihen stellen läßt, damit dieser getödtet werde. Keineswegs sei darauf hingewiesen, wie andere Herrscher seines Zeitalters in solchem Falle etwa gehandelt haben würden. Weil er David war, erwarten wir von ihm ganz anderes als von Anderen. Aber wir wissen auch, wie schwer er seine Sünde büßt, wie er sein Vergehen nicht zu entschuldigen trachtet und tief zerknirscht die ihln von Nathan, dem Propheten, verkündigte Strafe auf sich nimmt. Er wird vom Ewigen entsühnt, und auch wir verzeihen ihm. Aus Davids Verbindung mit Bathseba geht später sein großer Sohn, der weise Salomo, hervor. Wie er diesem, als er sich dem Tode nahe fühlt, die Ermahnung ans Herz legt, die Wege Gottes zu wandeln und die Vorschriften des Ewigen zu befolgen, so spricht er auch zu ihm: „Ich gehe den Weg aller Welt; sei stark, und sei ein Mann!" Ganz im Geiste seiner Zeit ist es auch, daß er dann den Sohn zur Rache gegen die Mörder Abners u. s. w. auffordert. In seinem Thun ein Kind seines Zeitalters, ragt er durch seine Gesinnung mächtig über dasselbe empor: Em kluger, unerbittlicher Krieger in den gar oft sich wiederholenden Kämpfen und Schlachten, ein gütiger, weiser König seinem Volke, seinen Kindern ein überaus zärtlich liebender Vater, dem dahingegangenen Freunde bis ans Lebensende in treuem Erinnern ergeben, hat ihn die Ueberlieferung als den Dichter unserer Psalmen bezeichnet, und von diesen erhabensten Gesängen der Menschheit untrennbar wird auch ferner Davids Namen und Angedenken leuchtend die Jahrtausende durchziehen. Das jüdische Reich. Von Dr. Eduard Glaser?) ngesichts der rührigen Agitation, die in der letzten Zeit seitens der „Zionisten" entfaltet wurde, und der ganz unleugbaren Wichtigkeit der Sache, um die es sich handelt, halte ich ein Hervortreten auch derjenigen Kreise für Pflicht, welche bis jetzt aus diesem oder jenem Grunde eine öffentliche Besprechung der Lage ntib Zukunft des Judeuthums nicht für ersprießlich hielten. Ich gestehe, daß auch ich zu diesen Kreisen gehöre, daß ich mich aber nunmehr ganz besonders verpflichtet fühle, nicht mehr zu schweigen, sondern meine warnende Stimme zu erheben, um einerseits utopistischen Maßlosigkeiten lind andererseits einer allzu berechnenden und unzweckmäßigen Resignation eutgegenzutreten. In diese zwei Lager hat sich infolge von Rathtosigkeit und gleichzeitig ungestümem Thatendrang die Judenheit gespalten. Das ist unleugbar. Aber ebenso unleugbar ist, daß ein solcher Zwiespalt Zustände schaffen muß, die nicht gewünscht werden können. Da sehen wir auf der einen Seite ideal angelegte Männer, die mit ebenso bewunderungswürdiger Begeisterung wie mit geringen praktischen Erfahrungen die große Masse der Mühsamen und Beladenen einem Ziele zuführen wollen, das zum mindesten unzweckmäßig, wenn nicht geradezu verderblich ist. Sie begeistern die armen Schichten des Judenthums für die Rückkehr nach Palästina, als ob es so einfach wäre, ein Land zu besetzen und — was doch die Hauptsache bleiben müßte — dauernd zu behalten, das nicht nur von einem dein Judenthmn abholden Bevölkerungsgemisch bewohnt, sondern auch seit Christi Geburt heilige Stätte und ebenso heißersehntes wie blutig umstrittenes Ziel gerade desjenigen Glaubensbekenntnisses ist, dessen Anhänger im Laufe der Jahrhunderte dem Judenthum die meisten Demüthigungen auferlegt und die blutigsten Wunden geschlagen haben. Es ist merkwürdig, wie in intelligenten Köpfen gerade in einer Zeit des Antisemitismus die Idee entstehen konnte, daß die gesummte Christenheit mit Bezug auf das Wohlergehen des Judeuthums so denken werde wie einige harmlose Schwärmer und Reverends, und daß im Christenthum die Abneigung gegen das jüdische Element nun plötzlich sich in eitel Liebe und Wohlwollen verwandeln werde, ja, daß man den Juden sogar das heilige Land selbst überlasten werde. Dabei sehe ich vorläufig ganz ab von der Ungeheuerlichkeit, die darin liegt, dem Sultan zuzumuthen, daß er eine central gelegene Provinz seines Reiches einem fremden Volke übergebe, sehe ab von der naiven Unkenntniß der Sachlage im Orient, welche den Sultan für mächtig genug hält, gegen den Willen der einheimischen Bevölkerung und unter i) Der obige Artikel des berühmten Reisenden und Forschers verdient, obwohl wir demselben nicht in allen Punkten beistimmen, schon um der Bedeutung des Autors willen, der auf 17jährige Erfahrungen im Orient Hinweisen kann, volle Beachtung, weshalb wir dem Aufsatz auch ohne Widerspruch Ausnahme gewährt haben. Die Red.