Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1897)
- Date
- 1897-12-10
- Page
- Seite 595 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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er am besten weiß, nicht, feigen, sondern schlichten und friedfertigen Mannes. Ja, -schweres Leid hat das Schicksal dem Jakob - Israel, beschieden. Bei der Geburt des zweiten Sohnes stirbt ihm seine Rahel, und sie wird auf dem Wege begraben. Und das innige, dichtende Gemüth des Volkes Israel läßt Rahel weinend am Wege sitzen, .als dort tausend Jahre später ihre Nachkommen in die Gefangenschaft vorüberziehen< Nach Rahels Tode trifft Jakob der letzte, schwerste Schlag: der Verlust Josephs, seines edelsten, besten Sohnes. Ob auch Söhne und Töchter ihn zu trösten versuchen, er verweigert jeden Trost und ruft aus: „Trauernd werde' ich zu meinem Sohne in die Gruft hinuntersteigen!" Nachdem er den unermeßlich großen Schmerz um den der-' meintlichen Tod dieses Sohnes lange, lange Jahre getragen, ist es dann endlich das. Wiederfinden Josephs, das den Lebensabend Jakobs zu einem. Hellen, lichten macht. Er mit seinem xganzen Hause wird durch Joseph zu Glanz und Freude geführt. Vor seinem Tode wird dem Jakob Prophetengabe zutheil, und in einem der dichterisch schönsten Abschnitte der Bibel schildert er die Zukunft der zwölf Stämme Israel und spricht über sie seinen Segen. - ■ ' ■ ■ IV. Nächst Jakob ist es der königliche Sänger David, der den meisten Angriffen seitens .unberufener Bibelerklärer und verständnißloser Leser ausgesetzt ist.; Als ob etwa die Bibel Davids Vergehen zu beschönigen suchte! Wo, an welchem Hofe, Heute, im Hellen Lichte unserer Civilisation, wo fände sich der kühne Mann, der gleich Nathan zum Könige geht und ihm in der bekannten herrlichen Parabel (2. Samuel 12) seine , Sünde also schildert, daß der König zornerglühend ausruft : „Beim Ewigen! 'Der Mann ist' des Todes schuldig!" Und Nathan erwiedert : „Der Mann bist Du!" Wie viele Vergehen gegen Leib und Leben ihrer Unterthanen haben lange nach David Könige und Herrscher ausgeübt? Und wessen Vergehen ist so eindringlich gebrandmarkt, mit so herzerschütternden Worten der Welt aufbewahrt worden als seines? Wer die wunderbare Schönheit, die in dieser höhen Wahrhaftigkeit liegt, nicht anerkennt oder nicht anerkennen will, der wird freilich nimmer lernen, die Bibel zu lesen. Aber es giebt Viele, die nur aufmerksam gemacht werden müssen, und die, einmal auf den richtigen Weg des Lesens geführt, dann von selbst in der gleichen Richtung weiterwandeln. Denn ob auch die Welt liebt, „das Strahlende zu schwärzen", im innersten Herzensgründe haben alle noch nicht ganz verdorbenen erwachsenen Menschenkinder die Neigung und das Bedürfniß, großem erhabene Vorbilder zu bewundern und zu lieben — gerade so, wie sie es als junge Kinder gethan. Und Mancher, der.es nicht zeigt oder vor Anderen über solche Neigung spottet, krankt an der Sehnslicht, Menschen kennen zu lernen, die er bewundern dürfte. Diesen nun mit elendem Witz oder durch falsche Beleuchtung der Helden der Vergangenheit auch jene Vorbilder rauben, ist doppelt schlimm. Nicht, weil „der Knabe Jsais folgsamer und frömmer war, als Saul", wird er erhoben und gepriesen, sondern weil er es verdient trotz der begangenen Sünden. Denn ob auch seine Regierungsführung nicht, vollständig frei von den Flecken war, die zu jener Zeit jeder Herrscher in unendlich größerer Menge auf sich lud, er hat dafür so viel Herrliches aufzuweisen, daß jene wenigen Flecken vor all dem Glanze verschwinden.; Nachdem er, der kleinste und jüngste von Jsais Söhnen, von Samuel zum künftigen Könige gesalbt worden, bleibt er ruhig und friedlich bei des Vaters Schafen. Aber sein Ruhm als Sänger und Kriegsheld scheint schon damals verbreitet gewesen zu sein/ Denn als Saul wieder einmal vom. ,-bösen Geiste" der Melancholie, geplagt wird, rathen ihm seine Diener, den David holen zu lassen: „Den Sohn des Jsai, der ein Künstler im Spiel und ein' tapferer Held, von schöner Gestalt und von. Rede verständig" ist -:(1. Samuel 16. 18). Saul läßt ihn kommen. Und David bannt -durch den Zauber seines Spieles den bösen Geist des Saul, und dieser liebt ihn und macht ihn zu seinem Waffenträger. Mit welcher Kühnheit stellt David sich dem prahlerisch höhnenden Riesen Goliath gegenüber, vor dem all die waffengeübten Kriegswänner wie Feiglinge sich verkriechen! Barhaupt und im Hirtenkleide tritt David dem Riesen entgegen. Er hat zwar von Saul selbst dessen eigene Waffen nebst Helm und Panzer erhalten, aber David, solcher Tracht ungewohnt, legt sie wieder ab.. Nur mit ein paar glatten Bachkieseln in der Hirtentasche und seiner Schleuder in der Hand, so tritt er vor das Riesenungethüm hin. Man weiß, wie schnell er den Goliath überwältigt. Als David dann zu Saul kommt, ist dieser wohl, wie öfter, nicht ganz klaren Geistes. Denn er erkennt ihn nicht einmal wieder, und David nennt in bescheidener Weise nichts als seinen Namen. Eben diese Bescheidenheit des tapferen, klugen Jünglings gewinnt diesem sofort das Herz des . edlen Königssohnes Jonathan:, „Und es schloß Jonathan mit David einen Bund, da er ihn liebte wie seine Seele." Der König gestattet nun -dem David nicht mehr, ins Haus des Vaters zurückzukehren, sondern er behält ihn für immer in seiner Nähe. Wohin Saul auch dann ihn aussendet: überall erwirbt David sich Kriegsruhm. Bei seiner/ Rückkehr aus dem Kampfe ziehen, die Weiber ihm entgegen, spielend /und singend : „Saul hat Tausende geschlagen, David aber Zehntausende!" Da zieht kleinlicher Neid in das Herz Sauls; nichtsmehr vermag selbst Davids Spiel gegen seinen bösen Geist: er schleudert die Lanze: gegen den getreuen Knecht. Aber Sauls Tochter Michal liebt den tapferen Helden, und da dieser auch die neuen, vom Könige geforderten Proben seines Muthes ablegt, muß er ihm endlich die Michal zum Weibe geben. Doch ist der blinde Zorn Sauls keineswegs besänftigt; er trachtet fort und fort dem „David nach dem Leben. Ja, er rnacht der Michal bittere Vorwürfe, als diese vor seiner Wuth ihren Mann gerettet: „Warum hast Du mich betrogen , und hast ziehen lassen.meinen Feind?" ■ Mit welchem Hasse und welcher Rachsucht verfolgt nun Saul die Spuren Davids! Er läßt fünfundachtzig unschuldige Priester/ niedermetzeln, nur weil, sie dem David auf seiner Flucht Obdach gewährt. Welch ein erhabener'Charakterzug nunvon David: Saul geräth allein in die Höhle, in der David und seine Leute sich befinden. / Natürlich rathen diese, den Saul niederzumachen. Aber David wehrt seinen Leuten, gegen „den Gesalbten des Herrn" irgend etwas zu thun,lind schneidet ihm nur einen Zipfel seines 'Obergewandes unbemerkt ad. Mit welchem Freimuth und wie demüthig zugleich tritt er dann vor Saul: „Siehe, der Ewige hat Dich heute in meine Hand gegeben; siehe, mein Vater, den Zipfel Deines Kleides in meiner Hand! Erkenne doch endlich, daß kein- Arg in mir ist!" Und Saul, von Davids Großherzigkeit zu Thränen gerührt, ruft aus: „Du bist gerechter denn ich! Ich habe Dir Böses 'zugefügt; und Du hast mir Gutes vergolten!" (1. Samuel, 24,18.) Die reuige Stimmung Sauls hält nicht lange an. Bald ist er wieder der Frühere gegen David.' Er nimmt ihm sogar dessen Weib Michal weg und giebt sie einem anderen/ Manne. Wiederum sammelt David feurige Kohlen auf Sauls Haupt: er .findet Saul /schlafend, umgeben von seinen Getreuen, auch dem tapferen Feld - "Herrn, Abner, alle im Schlummer ruhend. Zum-Zeichen, wie nahe