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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-10 · Heft 50 (10.12.1897) · p. Seite 594

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 50 (10.12.1897)
Date
1897-12-10
Page
Seite 594 (sequence 6)
Language
German
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Ueber Bibellesen. Von^ Henriette Hirschberg. III. . . rscheint in der glücklichensonnigen Gestalt Abrahams das glückliche, stolze und freie Israel verkörpert, so zeigt sich uns die Gestalt Jakobs, des ersten Trägers des Namens Israel, schon wie von einem vorausfallenden Schatten des schweren Geschickes seiner Nachkommen umdunkelt. . _ Der Betrug, den er, veranlaßt durch die Mutter, gegen seinen Zwillingsbruder, ausübt) wird von den Einen hart verdammt, von den Anderen „liebevoll entschuldigt" — entschuldigt, anstatt erklärt ,zu werden! Eine Unrechte That wird dadurch nicht besser, wenn der Gegner selbst so leichtsinnig ist wie Esau, der dem Bruder „um ein Linsengericht", also aus Leckerhaftigkeit und um den augenblicklichen Hunger ni^t ein Weilchen länger noch ertragen zu müssen, : fein Erstgeburtsrecht verkauft. Grundfalsch aber ist es von Seume und Anderen, anzugeben, daß „Jakob den Esau um die Liebe seiner Eltern betrogen habe". Esau besaß diese Liebe längst nicht mehr; schon um seiner kanaanitischen Weiber willen nicht, von denen berichtet wird: „Sie waren ein Herzeleid für Isaak und Rebekka!" . Nirgends ist zu lesen, daß etwa der Vater den Esau besonders liebte, wenn er auch das-von ihm erlegte Wildpret und den Wald- und Feldgeruch seiner Kleider gern hat. Und daß die Mutter den Jakob bei . Weitem mehr liebt, geht aus ihrem Thun deutlich genug hervor: Ihr scharfes Mutterauge erkennt, daß nur ihr Sohn Jakob, nicht aber ihr, dem rohen Naturtriebe so blind unterworfener, Sohn Esau der würdige Erbe seines Stammes sein werde. Nicht die „Schlauheit Jakobs" ersinnt den Plan, um des Vaters Segen zu erlangen. Im Gegentheil, Jakob war ein „einfältiger" Mann, also fern jeder List und Schlauheit, ,>Jsch tom", wie die Bibel (1. B. M. 25.27) ausdrücklich angiebt. Er sträubt sich auch mit allen Kräften gegen den Plan der Mutter, die aber all seine Gegengründe zu besiegen weiß und den etwaigen Fluch der That ganz allein auf sich nehmen will. Jakob soll durch diese Worte der Mutter zu der Ueberzeugung gelangen, daß er. nicht eine fluchwürdige, sondern eine gottgefällige That zu vollbringen Habe. Würde er bei der Ausführung auch nur in etwas die eigene Schlauheit zu Hilfe nehmender würde doch vor allem seine Stimme verstellen, so daß der Vater nicht sofort „die Stimme Jakobs'' erkennen möchte. Sein ganzes Verhalten aber beweist, daß er trotz alledem sich des Unrechts seiner That bewußt bleibt, wenn auch wohl nur unklar und keineswegs mit dem vollen moralischen Empfinden unserer Zeit. Sonst hätte er ja seiner Mutter gegenüber einen solchen Einwand ins Feld geführt, wovon jedoch nichts zu lesen ist. Der Grund, daß Esau thatsächlich des Erstgeburtsrechts sich unwürdig erweist, scheint nach damaligen Zeitbegriffen als genügend angesehen worden zu sein, um ihn dieses Rechtes zu berauben. .... " Und' welch ein schweres Loos wartet des, Jakob, als er zu . Laban geht! Er geht nicht seiner „eigenen Feigheit" wegen; er geht, weil die ängstlich besorgte Mutter es wünscht und fordert. Denn ein „Jsch tom" war Jakob, frommen, einfältigen Herzens; nur Esau, im Zorn über den gegen ihn verübten Betrug, bringt, die Bedeutung des Namens 2^^ mit der Thatsache in Verbindung, daß der Bruder ihn betrogen.' Wohl hatte Jakob dadurch, daß er, dem Wunsche und Befehle seiner Mutter folgend, sich den väterlichen Segen unrechtmäßigerweise erworben, ein Vergehen begangen. Inwieweit Jakobs Vergehen als ein solches anzusehen sei oder nicht, darüber waren übrigens von jeher die Ansichten sehr getheilt. Der große Simon b. Gamliel (Bec. Rab. 65) findet, , daß -.Jakob aus .Ehrfurcht vor 'der Mutter so und nicht anders handeln durfte. .War. trotzdem, in unseren Augen, Jakob klein durch diese Schwäche, so wird er aber groß und mächtig als Israel, als Gottesstreiter, bestrebt, durch sein Thun und.Lassen dew Namen Gottes zu.verherrlichen. So wird auch sein Vergehen. durch sein ganzes späteres, makelloses und so wenig glückliches Leben mehr . als gesühnt. . Mit vollem Rechte sagt er am Schluffe seines Lebens zu Pharao:• „Wenig -und trübe waren die Tage meiner Erdenwallfahrt." Von der Geburt an verfolgen ihn Schicksalsschläge: nicht er, sondern Esau besitzt das bei Zwillingsbrüdern ohnedies etwas zweifelhafte Recht der Erstgeburt. Die Mutter,t überredet ihn dazu, des Vaters Segen zu erschleichen; infolgedessen muß .er, wiederum auf Verlangen der Mutter, das' elterliche Haus verlassen und zum Oheim flüchten. Schweres Herzeleid fügt ihm nun der betrügerische Laban zu. Sieben Jahre muß Jakob dem Oheim um Rahel dienen: „Und sie waren in den Augen Jakobs wie ein paar Tage, so sehr liebte er die Rahel." Für diese treu. ausharrende Liebe giebt ihm dann Laban ... seine Tochter Lea. zum Weibe l Es muß ja wohl schon im grauen Alterthume recht ^schwierig gewesen sein, eine unschöne und wohl auch sonst nicht sehr liebenswürdige. Tochter „an den Mann zu bringen", daß Laban zu diesem Betrüge greift. Und noch einmal sieben Jahre dient ihm Jakob um den Besitz der geliebten Rahel. Als Jakob dann nach Ablauf dieser Zeit mit seinen Weibern und Kindern endlich wieder in die Heimath ziehen möchte, begehrt er in seiner demüthigen, bescheidenen Art nicht einmal den Lohn für die treuen Dienste, die er dem Laban geleistet. Laban selbst ist es, der dies erkennt und spricht: „Ich merke es, daß der Ewige mich gesegnet hat um deinetwillen; bestimme nun deinen Lohn von mir, und ich will ihn dir geben." Die hier folgende Bibelstelle QL 93. M. 30, 32) ist nicht ganz klar. Es ist nicht deutlich ersichtlich, ob die gesprenkelten und bunten Schafe und Ziegen für Jakob oder für Laban ausgesondert werden sollen. Jakob sagt nur: , „Das soll mein Lohn sein", und nicht, wie Luther unter Einschaltung eines im hebräischen Texte nicht vorhandenen Satzes schreibt: „Was nun bunt und fleckig fallen wird, das soll mein Lohn sein." ' Ständen die Hier gesperrten Worte wirklich im Texte, dann wäre Jakob der Unredliche, der einen vor dem Standpunkte heutiger Moral nicht bestehenden Akt der Selbsthilfe gegen Laban verübt. Aber der Satz steht nicht, und es scheint, daß das Wegschaffen der Thiere seitens des Laban ein Betrug war. Auch Vers 33, dessen Sinn und Wortlaut Luther ebenfalls zu Ungunsten Jakobs geändert hat, ergiebt dies bei richtiger Lesung.. Ebenso die Worte, die Jakob im folgenden Kapitel (31,. 7) an Rahel und Lea richtet : „Euer Vater hat mich betrogen und hat zehnmal meinen Lohn geändert!" Um demnach irgend einen Lohn von Laban zu erhalten, mußte Jakob zu der vollauf berechtigten Selbsthilfe greifen. Niemals gegen Laban, nur gegen seinen Bruder Esau hat er sich vergangen. Wie tief Jakob selbst dies fühlt, geht aus seinem Benehmen bei dem Zusammentreffen mit dem Bruder deutlich genug hervor. Nicht Feigheit oder Angst, wie dem Jakob oft vorgeworfen wird, sprechen aus seinen Worten: er weiß sich dem Bruder gegenüber im Unrecht und wünscht dies gut zu machen. Er kennt auch den heftigen, rachsüchtigen Charakter Esaus und muß das Schlimmste von ihm erwarten, als er hört, daß dieser mit Heeresmacht ihm entgegenkomme. Esau aber, der reich und mächtig geworden, hat längst verziehen. Tiefe Rührung übermannt ihn beim Anblickdes Bruders Jakob und ob dessen Selbsterniedrigung Ihn erschüttert die Reue und Buße Jakobs, des Jsch tom,- des,, wie : > «** V* •/ M» - i4rj

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