Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1897)
- Date
- 1897-12-10
- Page
- Seite 591 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228253--54202-3268170- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
durch; Juden Ausschreitungen, gegen welche die Polizei einschreiten mußte. Es wurden gegen 100 Verhaftungen vorgenommen. - So die 'offiziösen 'Mittheilungen.' Der Bericht des „Berliner Tageblatt" ergänzt dieselben in etwas deutlicherer Sprache: Die Exzesse haben sich heute wiederholt und sind? furchtbar wild ausgefallen. Tausende von Menschen aus dem Pöbel rotteten sich, mit Eisenstangen und Knütteln bewaffnet, zusammen'und drangen in die vornehmsten Geschäftsviertel der Stadt ein, wo sie die Läden demolirten und plünderten. Namentlich ging es gegen die israelitische Bevölkerung. Nicht nur wurden die Geschäfte gestürmt und geleert, auch andere jüdische Gebäude wurden demolirt, zwei Tempel erbrochen und' verwüstet. Die Polizei schritt'ein, vermochte aber gegen die wild gewordenen' Massen nichts auszurichten. Später kam ihr Gendarmerie zu Hilfe, die mit aufgepftanztem Bajonnet einschritt, wobei es zu blutigen Zusammenstößen und zahlreichen Verwundungen kam. Bisher. konnte die Ruhe noch nicht wieder hergestellt werden. Auch aus Galatz werden Judenverfolgungen und Plünderungen gemeldet. Und nun höre man den offiziösen Bericht über die gestrige Kammer--und Senatsverhandlung: ' Der.. Deputirte Marghiloman interpellirt wegen der gestern gegen Israeliten vorgekommenen Ausschreitungen. Der Minister des Inneren, Pherekijde-mit Beifall begrüßt, antwortet, daß die von den Israeliten seit einigen Monaten durch die Blätter und ein aufrührerisches Plakat bekundete aggressive Haltung eine Rückwirkung und allgemeinen Unwillen hervorgerufen habe. Die Studenten hielten ein friedliches Meeting ab, während desselben kam jedoch die Meldung, daß Israeliten in den benachbarten Straßen zwei Rumänen mißhandelten. Dieser Zwischenfall, den die Polizei nicht voraussehen konnte, führte zu den-gestrigen bedauerlichen Szenen, deren Urheber Israeliten gewesen feien. Der Minister bedauert diese Vorfälle und versichert, daß sich dieselben nicht wiederholen werden, und daß Privatpersonen und Geschäftsleute ruhig ihtem Berufe nachgehen können. Die Kammer billigte mit sehr großer Majorität die Erklärung-der Regierung. In der heutigen Sitzung des Senats interpellirte der Senator Earp über die jüngsten Ausschreitungen gegen die Juden, bei welcher Gelegenheit er die ganze Judenfrage besprach und erklärte, Paß die Juden aus die augenscheinliche /Feindschaft der Regierung stoßen, die durch den Gesetzentwurf des Kriegsministers Berendey ihnen jede Hoffnung benehmen wolle, durch Ableistung des Militärdienstes die Naturalisation zu erdienen, Der Minister des Innern wies den Gedanken einer Feindschaft zurück und sagte, der Gesetzentwurf habe bisher keine greifbare Form angenommen, da er vom Ministerrathe noch nicht durchberathen sei und daher noch keine direkte Existenz als Gesetzentwurf habe. Der Minister führte aus, daß es Juden seien, die aggressiv vorgingen und feindschaftliche Gesinnungen gegen die rumänische Bevölkerung hegten, und verlas ein von Juden erlassenes Manifest, das mit den Worten schließt : „Der Feind muß sich beugen und wird sich beugen." Der Feind, sagte der Minister weiter, sind wir Rumänen, die den Juden gegenüber zu viel Milde und Toleranz zeigen.? (!!) Der Minister bedauerte schließlich die Ausschreitungen, die sich nicht wiederholen dürsten, und kündigte an, daß das Ministerium über die nothwendigen Mittel berathe, um den Opfern der Ausschreitungen zu Hilfe zu kommen. Der Senat nahm hierauf nahezu einstimmig einen Antrag an, worin er sich von der ministeriellen Erklärung befriedigt erklärt und zur Tagesordnung übergeht. , t Also die Juden haben die Krawalle angefangen. Die Juden sind die Unruhestifter. Das ist die neueste Version des Judenhaffes. Zum Glück ist es nur ein rumänischer Minister, der solches behauptet. :■ ' ■ , ■ i . Die französischen Antisemitenführer Sapin und Gregoire hatten die Herausgabe eines „Jahrbuches der Israeliten von Frankreich" geplant, das u. a. auch ein Verzeichniß sämmtlicher Franzosen jüdischen Glaubens nach Namen und Wohnort enthalten sollte. Die damit verfolgte Absicht läßt sich am. besten mit dem Schlagworte der deutschen Anhänger Ahlwardts kennzeichnen:. „Kauft - bei keinem -Juden", jeder Antisemit sollte aus dem Buche feststellen können, ob ein in Frage, kommender Gewerbetreibender' Jude sei oder nicht, um je nachdem von ihm zu kaufen oder ihn zu meiden. Um nun, diesem Treiben seinerseits wenigstens, entgegenzutreten,, untersagte ein französischer Kauflnann jüdischen Glaubens, . der den jetzt so viel genannten Namen Dreyfuß trägt, jenen Beiden die Aufnahme' seines Namens und seiner Adresse in das erwähnte Berzeichniß. Sapin und Gregoire erklärten/sie würden nur solche Reklamationen berücksichtigen, die von irrthümlich für Juden gehaltenen Nicht-Jußen - ausgingen, im Uebrigen aber das Verzeichniß möglichst vollständig zu machen suchen. Dreyfuß erhob nun Klage gegen die beiden Genannten bei dem Tribunal von Lyon mit dem Anträge, den Beklagten die Aufnahme seines Namens zur Vermeidung einer ihnen anzuvrohenden fiskalischen Strafe zu verbieten. Diesem Anträge hat das Gericht in rechtskräftiger Entscheidung Folgen gegeben. Die Urtheils- * v gründe sind um so interessanter als, sie, auf allgemein gütigen.Rechtsgrundsätzen beruhend, auch bei der Prüfung eines solchen Falles nach' deutschem Recht zutreffen und maßgebend sein würden. Wir heben daher aus ihnen folgenden Passus hervor: „In Erwägung, daß Dreyfuß berechtigt ist, zu verhindern, daß eine indiskrete Veröffentlichung in sein inneres Leben eindringe und das Geheimniß seines religiösen Glaubens enthülle; daß von einem anderen Gesichtspunkte aus diese Veröffentlichung in einer. Zeit, in welcher die religiösen und politischen Leidenschaften oftmals überreizt sind, geeignet wäre, dadurch,, daß sie ihn als Israeliten der Gehässigkeit gewisser Kreise Preis geben, ihn in seinen Erwerbs- und Geldinteressen zu schädigen; daß endlich Dreyfuß, ebenso wie seine Mitbürger, Eigenthümer seines Namens und berechtigt ist, nach Maßgabe seines Interesses zu verbieten, daß von demselben ein seinem Willen entgegenlaufender Gebrauch gemacht werde" rc. Ausschlaggebend war, wie man sieht, das Vorhandensein eines der Anerkennung würdigen Interesses, auf Seiten des Klägers. Wo es an einem solchen fehlt, besteht natürlich auch nicht das hier mit Erfolg geltend gemachte Untersagungsrecht; dies wäre z. B. der Fall, wenn Jemand verbieten wollte, daß fein Name in einen Adreßkalender, der die selbst- , ständigen Einwohner eines Ortes oder die. sämmtlichen Zugehörigen zu einem bestimmten Gewerbebetriebe oder Stande verzeichnen will, -ohne irgend eine unsittliche Nebenabsicht damit zu verfolgen, , ausgenommen wird. igm. Aus Ostpreußen. Bon Moritz Scherbel. §^§^ie uns berichtet wird, sind die Ausweisungen aus Memel; /£3jip< nunmehr gänzlich eingestellt, es soll dieses infolge eines. 'P.-lj*' kaiserlichen Gnadenaktes geschehen fein. Jedenfalls ist es zu beklagen, daß die Ausweisungen überhaupt nur die , Frucht der Denunziation von in Memel selbst wohnenden deutschen Juden gewesen sind; ein häßliches, miserables Werk, das sicherlich nicht stark genug gebrandmarkt werden kann. Wohin soll es schließlich führen, wenn neben den Kämpfen mit äußeren Feinden, welche wohl niemals aufhören werden, für uns Juden zu existiren, nochin ihrer eigenen; Mitte die Verderbtheit einer solchen Gesinnung ihre unheilvolle Wirkung üben kann! — Einem gleichen Zuge niedriger Denkungsart haben wir es zu verdanken, daß man darüber mit einem sonst kaum zu verstehenden Eifer wacht, daß kein .Ausländer zu kulturellen. Dienstverrichtungen zugelaffen werde. Die' betreffenden 'Behörden weisen in ihren diesbezüglichen Maßnahmen ganz unverblümt darauf.