Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1897)
- Date
- 1897-12-10
- Page
- Seite 590 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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für die Berliner -Schulen, sondern -auch für die-Lehranstalten der^ Provinz eine gemeinschaftliche Basis - schafft und .'einheitliche Grund-- sätze aufstellt.. Mag nun die Verwaltung der Berliner.Gemeinde-, oderauch* .der.-Ausschuß des Gemeindebundes die'Berufung einer solchen, aus - bewährten und erfahrenen Schul- und Fachmännern bestehenden Kommission in die Hand nehmen! — Es wäre' dies der z'. Z. erfolgreichste und nothwendigste Schritt zur inneren Hebung- und äußeren Werthschätzung des jüdischen Religionsunterrichts. „ Me Woche. Berlin. 8. Dezember.-?uch aus der letzten Sitzung der vierten' Generalshnode haben wir eine Aeußerung zu berichten, die wir um des darin ^ausgesprochenen Prinzips der' Gleichberechtigung, das man heute vielfach zu umgehen liebt, freudig anerkennen müssen. Es handelte -sich nämlich um die kirchliche Versorgung der evangelischen Deutschen in Ostafrika. Im Laufe der Debatte sagte der Unterstaatssekretär H uni bert Folgendes: Er halte den Vorschlag, die Staatshilfe in Anspruch zu nehmen, für nicht annehmbar, da er unter den heutigen Verhältnissen ganz undurchführbar erscheine. ‘ „Das Deutsche Reich sei weder evangelisch noch katholisch, sondern deutsch-national, die deutsche Reichsverfassung erwähne des Wortes Kirche -oder Konfession gar nicht, das Deutsche Reichsei verfassungsmäßig für solche Aufgaben gar nicht zuständig. Das Deutsche Reich, würde dann ebenso verpflichtet sein, in Dar-es-Salaam eine katholische Kirche oder gar eine Synagoge zu erbauen." * Unter den einem künftigen Jahrhundert sicher ganz unverständlichen - Erscheinungen wird wahrscheinlich auch diese sich befinden, daß zu Ende des neunzehnten Säkulums ein Profeffor der Philosophie ein Lehrbuch der Ethik herausgeben konnte, das dem Antisemitismus in entschiedener Weile das Wort redet. Es handelt sich um - Professor F. Paulsen, der auch in der eben erschienenen zweiten Auflage seiner Ethik wieder die alten Forderungen und Thesen aufstellt, die Herr Rabbiner Dr. Steckelmacher schon anläßlich des Erscheinens der ersten Auflage in unserem Blatte so wirkungsvoll widerlegt hat. Dabei betheuert Herr Paulsen auch diesmal, daß. er kein Antisemit sei, und zwar aus zwei Gründen: Erstens befänden sich in dieser Partei zu viel unlautere Elemente, zweitens habe er Mische Freunde, die er achte! In der That, triftige Gründe für einen Lehrer der Philosophie, um von einer Bewegung abzurücken, wenn man die inneren Gründe geprüft und für richtig befunden hat. Gegen, diese Motive. und Anschauungen richtet nun ein wackerer Mann, Herr Gustav Levinst ei n, der auch schon die erste Auflage der Ethik in seiner Schrift: Wissenschaftlicher Antisemitismus, besprochen und deshalb von Herrn Paulsen in dieser zweiten. Ausgabe angegriffen worden war, eine zweite, ganz ausgezeichnete Schrift : Professor Paulsen und die Judenfrage (Berlin 1897, M. Poppelauer)/ die die unlogischen Gründe des Professors, der Logix und die unethischen- Motive des Herausgebers der Ethik in geradezu schlagender Weise-, widerlegt und diese Art des vornehmen wissenschaftlichen Antisemitismus treffendcharakterisirt.' Mit WüEr und Sachkenntniß wird Herr Paulsen. aus allen seinen Positionen zurückgedrängt; klar und. unumstößlich wird der Beweis geführt, daß er sich geirrt, daß er den Juden Unrecht gethan, daß er Forderungen aufgestellt, die entweder unberechtigt oder unerfüllbarsind,, und die mit der völligen Assimilirung der deutschen Juden nicht das Geringste zu thun haben. Wir besitzen in der ganzen apologetischen Litteratur -der - letzten "zwanzig Jahre, nur' sehr wenige solcher vortrefflichen Schriften, und Gustav Levinstein verdient als muthigerund".zielbewußter Vorkämpfer für das gute'Recht der deutschen Juden, die wärmste Anerkennung. - *. . ■, Die Tumu lt e i n Böh men, von denen die Zeitungen--berichtet, , richten sich* gegen Deutsche und Juden. Ueberall, in Prag wie auf dem Lande, hat man jüdische Läden geplündert, jüdische Häuser demolirt, die Synagogen beschädigt. Es geht eben mit dem "konsequenten Tschechenthum der Antisemitismus Hand in Hand, und. das erste, ist immer der Ruf „Zid“ (Jude). Das ist wohl die Folge der Ablehnung der tschechischen . Aufforderung, die Juden sollten von den Deutschen zu den Tschechen übergehen. Fortwährend haben die böhmischen Zeitungen dafür Propaganda gemacht, die Juden sollten böhmischer Gesinnung werden. Ein bedeutender Theil der Prager Deutschen ist israelitischer Konfession', und in vielen u r böhmischen Städten bilden die Juden die deutsche Bevölkerung, und wenn nun Prag, die Hauptstadt, Strakonitz, Tabor und andere Städte, wie Pilsen, die zweitbedeutendste Stadt Böhmens, gar zu den Tschechen übergegangen wären, dann stände es mit den Deutschen in Böhmen sehr schlimm.. Bis dato ist es nicht geschehen, und die letzten Vorgänge sind ein Warnung. Aber es ist bekannt, daß in Prag schon' eine ansehnliche jüdisch-tschechische Gemeinde existir^, daß hervorragende Reichsraths- und Landtagsabgeordnete der tschechischen Parteien Juden sind, daß auch im Lande die Juden vielfach mit den Tschechen gegangen sind.. Aber das alles hat ihnen nichts genützt — der Jude wird verbrannt. ' Für die Juden in Böhmen ist die Situation eine sehr schwierige. Gehen sie mit den Deutschen, so werden sie von den Tschechen geplündert, würden sie mit den Tschechen gehen, so würden sie die Deutschen verfolgen, bei denen.der Antisemitismus — wie die Vorgänge in Karlsbad, Eger, Saaz und anderen Orten beweisen — wahrlich kaum geringer^ ist. Wo ist da ein Ausweg? '! * Das französische Blatt „La Paix" zieht eine sehr intereffante Parallele zwischen den Bestrebungen der rumänischen Hetzer in Ungarn und der Lage der Juden in Rumänien und weist die Ungerechtigkeit der rumänischen maßgebenden Kreise nach. Die Juden in Rumänien haben keinerlei- Rechte, nur schwer drückende Pflichten, müssen den Druck der Rumänen wortlos dulden, während die Stammesgenossen in Ungarn und Siebenbürgen an die europäische Presse appelliren, um gegen die Intoleranz der Ungarn zu protestiren, die ihnen eine vollkommene Gleichberechtigung mit den anderen Staatsbürgern einräumten. Der Artikel schließt mit dem Wunsche, die Rumsen mögen den Juden in ihrem Lande wenigstens eine solche Gleichberechtigung ertheilen, wie die Rumänen in.Ungarn genießen. Wie wenig Aussicht auf Erfüllung dieser Wunsch hat, zeigen die neuesten Vorgänge in diesem klassischen Lande der Judenhetze, in Rumänien nämlich. . ' . Da der süße Pöbel wieder an der Arbeit. Wir haben schon in der vorigen Nummer erwähnt, daß israelitische junge Leute, die ihrer Militärpflicht bereits genügt, am 28, v. M. in einer stürmisch verlaufenen öffentlichen Versammlung gegen den angekündigten, die Militärfreiheit der Fremden festsetzenden Gesetzentwurf protestirt hatten. Rumänische Studenten legten nun in einer am 9. d. M. abgehaltenen Versammlung gegen die Einmischungen nichtnaturalisirten Juden in Landessachen Verwahrung ein. Die anwesende Menge veranlaßte nach der Versammlung auf das Gerücht don der Ermordung eines Rumänen