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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-12-03 · Heft 49 (3.12.1897) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 49 (3.12.1897)
Date
1897-12-03
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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ö*V Königsberg i. Pr., 26. November. Eine erhebende Feier begingen am 21. d. M. die drei Wohlthätigkeits-Jnstitute der hiesigen Gemeinde, das israelitische Waisenhaus für Stadt und Provinz, die Dr. Kosch'sche Waisen-Erziehungsanstalt und das israelitische Stift, mit ihrer Gedsschtni ßfeier für ihre im letzten Jahre dahingeschiedenen Wohlthäter. Neben den dtächstbetheiligten hatten sich Vertreter der beiden Gemeindekollegien, die Vorstandsmitglieder aller übrigen hiesigen jüdischen Wohlthätigkeitsvereine sowie eine große Schaar von Freunden, und Gönnern der drei Anstalten eingefunden und füllten in gedrängter Enge die weiten Räume der neuen Synagoge. Die Feier wurde durch einen Chorgesang eingeleitet, dem die formenschöne und eindrucksvolle Predigt des Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein folgte. Sein Textwort war: „Und Isaak säete in diesem Lande und gewann in diesem Jahre das Hundertfältige, denn der Ewige segnete ihn." Herr Oberkantor Birnbaum sang hierauf in bekannter, zu Herzen gehender Weise das Eil molei rachamim. Zwei Zöglinge der betheiligten Waiseninstitute sprachen Gebete für die Wohlthäter ihrer Anstalten; darauf alle Kinder das Kadischgebet für die Verstorbenen. Ein Chorgesang schloß die ergreifende Feier. — Der hiesige Frauen-Verein für Krankenpflege und Beerdigung hat vor Kurzem eine General- Versammlung seiner Mitglieder einberufen, um über die zur Erlangung von Korporationsrechten nothwendigen Statutenveränderungen Beschluß zu fassen. Gleichzeitig erfolgte die Neuwahl dreier Vorstandsmitglieder an Stelle dev im Laufe des Jahres verzogenen Damen. Es wurden neu gewählt: Frau Rechtsanwalt Arnheim, Frau Friederike Latte und Frau Reichmann. Der früheren Vorstandsdame Frau Golde Josephsohn, die 80 Jahre lang ehrenamtlich auch aktiv bei Trauerfällen mitgewirkt, hat, wurde bei ihrem Scheiden aus hiesigem Orte von dem Verein eine Adresse überreicht. Der Bruderverein für Krankenpflege und Beerdigung widmete der scheidenden Dame zum Andenken zwei kostbare silberne Leuchter. Der Verein zählt solcher aktiv thätigen Damen noch elf. — Ein an sich unbedeutender Streitfall zwischen einer hiesigen Walzmühle und einem russischen Getreidekommissionär, in Verfolg dessen der Letztere auf Antrag der Mühle in Schuldhaft genommen wurde, hat dadurch auch auswärts und besonders in politischen Kreisen berechtigtes Aufsehen erregt, daß sich der hiesige russische Konsul amtlich des Bedrängten — eines Juden — annahm und dessen Haftentlassung erwirkte. täF Osterode (Ostpreußen), 26. November. Die vom Verbände der ostpreußischen Synagogen-Gemeinden ernannte Kommission für Regelung der Anstellungs-, Besoldungs- und Versorgungs-Verhältnisse der jüdischen Kultusbeamten Ostpreußens hat am 17. d. Mts. hier ihre Schlußsitzung abgehalten. Die von derselben ausgearbeiteten Pläne werden dem nächsten Verbandstage, der im Januar k. I. stattfinden soll, zur Annahme vorgelegt werden. Bezüglich der Anstellung der Kultusbeamten wurde von der Kommission der Modus gewählt, welcher bei der Anstellung von Bürgermeistern vielfach üblich ist. Die Anstellung soll auf Zeit erfolgen, und zwar zunächst auf 3, dann auf 6 und 12 Jahre mit vom 4. Amtsjahre jährlich um Veo des Gehalts wachsendem Anspruch auf Pension, sofern die Gemeinde dem Beamten ohne begründete Veranlassung kündigt, und er anderweitig die bei ihr erworbenen Pensionsansprüche nicht ersetzt findet. Bei Kündigung seitens des Beamten fällt die Bersorgungspflicht der Gemeinde fort. In Streitfällen giebt ein Schiedsgericht die Entscheidung. — In der Anstellungsfrage einigte sich die Kommission, nur ein Mindestgehalt für die kleinsten Gemeinden festzustellen. Dasselbe wurde, das Baargehalt und die Schechita - Nebeneinnahmen umfassend, auf 1200 Mark festgestellt. Ist Amtswohnung nicht-vorhanden, so ist hierfür noch eine besondere Entschädigung zu leisten. Den Gemeinden wird außerdem die Ablösung -der Schechita - Einnahmen durch feste Bezüge empfohlen. Zum Zwecke der Versorgung der arbeitsunfähigen Kultusbeamten Ostpreußens und deren Hinterbliebenen.wird von der Kommission in Vorschlag gebracht, eine Versorgungskasse zu gründen, aus der der arbeitsunfähige Beamte eine Pension von 500 Mark und die Hinterbliebenen desselben eine solche von 300 Mark erhalten. Die fällig werdenden Penfionsbeträge sollen gesichert werden durch Versicherung der Mitglieder bei einer Lebensversicherungsgesellschaft in der Art, daß bei eintretender Arbeitsunfähigkeit eine jährliche Rente von 500 Mark und im Falle des Todes ein Kapital von 6000 Mark zur Auszahlung gelangt. Die Zinsen dieses Kapitals sollen dann zur Beschaffung der garantirten Hittwenpension put verwandt werden. Für eine jede Versicherung ist ap die Verforgungskasse gleichmäßig jährlich ein Beitrag von 250 Mark zu leisten, wovon die Gesammtheit der betheiligten Beamten Vs* die Gesammtheit der betheiligten Gemeinden 2/5 und eine zu gründende ^nsterstützungskasse weitere 2/5 aufzubringen hat. Die Höhe der Beiträge richtet sich bei den Beamten nach dem Einkommen, bei den Gemeinden nach ihrem Etat. Die Versorgungskasse nimmt Beamte bis 40 Jahr auf. Für die zur Zeit vorhandenen älteren Beamten wird eine besondere Kasse gebildet, welche die jährlichen Beiträge von den Beamten und den Gemeinden ansammelt, zinslich anlegt und dann nach ihren verfügbaren Mitteln entsprechende Invaliden- und Wittwenpensionen bis zum Höchstbetrage von 500 resp. 300 Mark zahlt. — Die bereits erwähnte Unterstützungskasse soll sich in der Hauptsache bilden aus Kapitalsschenkungen und jährlichen Beiträgen wohlthätiger Glaubensgenossen, aus jährlichen Zuschüssen des ostpreußischen Synagogenverbandes, des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und wohlhabender Provinzialgemeinden Auch die von der Versicherungsgesellschaft beim Tode der Mitglieder gezahlten Kapitalien fallen nach vollendeter Versorgungspflicht gegen die Wittwe der Unterstützungskasse zu. Ihre Aufgabe ist es, zunächst die nothwendigen Zuschüsse zu den Versicherungsbeiträgen der Mitglieder zu leisten. Von den jährlichen Restbeständen werden 60pCt. zur Gründung eines Kapitalsgrundstocks zurückgelegt, die anderen 50pCt. der Kasse der Mitglieder über 40 Jahr überwiesen. Die Kommission hat auch die Ausarbeitung eines Normal- Kontraktes für die ostpreußischen Gemeinden übernommen und wird von 5 zu 5 Jahren einen Nachtrag zu der von ihr herausgegebenen Statistik der Gemeinde- und Beamten - Verhältnisse in Ostpreußen veröffentlichen. D§r Kommission gehören an: als Vertreter der Gemeinden die Herren Rechtsanwalt Schey - Allenstein, Vorsitzender, Dr.. Ritterband - Osterode, stellvertretender Vorsitzender, Rechtsanwalt Auerbach- Memel, Rechtsanwalt Fabian-Guttstadt, Kaufmann I. Herz-Gerdauen, Kaufmann S. Jacoby - Osterode, Dr. med. Kamnitzer - Allenstein, Kaufmann N. Lublinski-Johannisburg, als Bertreter der jüdischen Beamten der Vorstand des Vereins jüdischer Religionslehrer Ostpreußens: die Herren Prediger Sturmann - Osterode, Waisenhaus - Inspektor Peritz- Königsberg, Schriftführer der Kommission, Oberkantor Birnbaum-Königsberg, Kantor Kanter-Königsberg und Kantor Karo- Allenstein. V Hamburg, 30. November. Hier ist am 27. d. Mts. der weltbekannte Hofrath B. Pollini, geboren zu Köln, plötzlich gestorben. Pollini war als genialer Theater-Impresario und als langjähriger Direktor des Hamburger Stadttheaters sehr erfolgreich thätig. Seine Beerdigung erfolgte am 29. d. Mts. Das Sterbehaus war von unten bis oben in Trauerflor gehüllt. Die Anzahl der Blumen und Kränze war so groß, das sechs Wagen damit gefüllt wurden, die dem vierspännigen Leichenwagen folgten. Eine halbe Stunde vor der angesetzten Zeit war das Sterbehaus von Leidtragenden gefüllt. Unter den Erschienenen bemerkten wir Vertreter des Senats sowie den Präsidenten der Bürgerschaft Hinrichsen. Auch zahlreiche Aufstchtsrathsmitglieder der Stadttheatergesellschaft und viele hervorragende Persönlichkeiten, darunter Theaterdirektoren von hier und auswärts, hatten sich ein? gefunden. Als Vertreter des Grafen Hochberg und der königlichen Theater in Berlin war Herr Direktor Pierson erschienen. Er legte einen prachtvollen Kranz am Sarge nieder. Bei der Leichenfeier im Hause hielten der Prediger Dr. Leimdörfer und der Oberregisseur Bittong tief ergreifende Ansprachen. Der Stadttheaterchor sang zwei Trauerlieder. Vor dem Hause spielte eine Musikkapelle Trauermärsche. Der Leichenzug nahm seinen Weg durch dichte Menschenmassen zunächst nach dem Stadttheater. Hier war auf dem Altan die Stadttheaterkapelle aufgestellt, die beim Passiren des Zuges einen Trauermarsch blies. Vor dem Theater brannten riesige Gasfackeln. Dann bewegte sich der Zug durch die Stadt nach Ohlsdorf, wo die Beisetzung erfolgte. Stuttgart, 27; November. Der Verein zur Unterstützung von Wittwen und Waisen armer israelitischer Lehrer und Vorsänger Württembergs versendet seinen Rechenschaftsbericht pro 1896/97, das 35. Jahr seiner Thätigkeit. Die ungewöhnlich hohe Zahl von 13 Wittwen genießt die Beihilfe des Vereins, und in 17 Posten hat derselbe 2750 Mark zur Bertheilung gebracht.

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